Neuestes Heft: Jetzt bestellen!

Heft 4-2023 | KI und die Zukunft der Arbeit
Ferdi Fuchs muss sterben!
Schmeckt's? Gutes Essen - Schlechtes Essen

Ferdi Fuchs muss sterben! 

Wer weiß schon, in welchem Umfang Kinder Werbung für Fastfood konsumieren? Eine Studie der Uni Hamburg zum Beispiel. Die fand heraus, dass die Kids täglich 15 Spots für Softdrinks und Snacks in TV und Internet ausgesetzt sind. Dem will das Bundeslandwirtschaftsministerium einen Riegel vorschieben, nachdem eine freiwillige Selbst­verpflichtung der Lebensmittelindustrie, Zucker, Salz und Fett zu reduzieren, krachend gescheitert ist.

Aber wer denkt denn an die Kinder? Na, die Werbeindustrie zum Beispiel, die bleibt sogar in Ihrem Langzeitgedächtnis. Oder erinnern Sie sich etwa nicht an Ihre prägendsten Spots zwischen den Mainzelmännchen? „… macht Kinder froh und Erwachsene ebenso!“, „Die Extra-Portion Milch“, „Gesunde Vitamine naschen“.1 Apropos Mainzelmännchen: Diese wurden 1963 als Trenner zwischen Programm und Werbung eingeführt, der Rundfunkstaatsvertrag wollte es so. Dass Kinder das Werbefernsehen möglicherweise gerade deshalb ansahen, weil die lustigen Zeichentrick-Mainzelmännchen liefen, darüber machte man sich damals vermutlich keine Gedanken. Sofern man keine Absicht unterstellt. Aber das ist lange her. Trotzdem bleiben die Werbesprüche für Süßes besonders gut hängen – oder konnten Sie vielleicht nicht alle Slogans zuordnen?

Ob die Kids von heute dazu später auch noch in der Lage sind, wird sich zeigen. Die müssen sich nämlich mehr merken. Ob Ferdi Fuchs (Würstchen) oder Pom-Bären (Chips), die Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 13 Jahren sehen im Durchschnitt täglich 15 Spots für ungesunde Lebensmittel, wie die Uni Hamburg jüngst in einer Studie zu Kindermarketing herausgefunden hat.2 Marketing, das klingt so schick, dabei bedeutet es nichts anderes als „eine marktorientierte Unternehmensführung, die durch Einsatz aller Marketinginstrumente den Markt zu beeinflussen versucht, das heißt, Marketing ist alles, was letztlich den Absatz fördert“.3

Womit wir bei einem aktuellen Konflikt wären. Denn der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir, möchte eben genau dieses Marketing einschränken. So hat er eine Einschränkung von Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richtet, vorgeschlagen. Dazu will er sich an dem Nährwertprofilmodell der WHO4 orientieren. Dieses legt Höchstwerte für Zucker, Fett und Salz fest. Das geplante Verbot betrifft die Produktwerbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt in allen für Kinder relevanten Medien, die sich an Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren wendet. Derlei Werbung soll in Fernseh- und Rundfunksendungen – aber auch in sozialen Netzwerken wie YouTube, Instagram und Co. – nur noch zwischen 23 Uhr abends und sechs Uhr morgens zulässig sein. In Zeiten also, in denen Kinder in der Regel im Bett liegen. Printanzeigen und Außenwerbung (zum Beispiel Plakate) im Umfeld von Schulen sollen ebenfalls unter das Verbot fallen. Betroffen wären auch Streamingdienste (zum Beispiel Netflix, Spotify) und Sponsoring.

Erstmals kündigte Özdemir den entsprechenden Gesetzentwurf im Februar 2023 an. Zitat: „Gesetzliche Regelungen werden immer dort nötig, wo freiwillige Selbstverpflichtungen scheitern. Fakt ist, die bisherigen freiwilligen Selbstverpflichtungen haben beim Schutz der Kinder nachweislich versagt.“ Moment! Es gab also „freiwillige Selbstverpflichtungen“ vonseiten der Lebensmittelindustrie? Haben Sie das gewusst? Gemerkt hat man jedenfalls nichts davon. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Niemand anderes als die Weinkönigin von 1994 und Vorgängerin von Cem Özdemir – Julia Klöckner. Diese verfasste mit ihrem Team 2018 die „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten“.5 So sollte etwa der durchschnittliche (absatzgewichtete) Zuckergehalt in Softdrinks freiwillig um bis zu 15 Prozent reduziert werden. Hat nicht so ganz geklappt, der Zuckeranteil ging gerade mal um zwei Prozent runter. Dabei war Frau Klöckner noch so guter Dinge, als sie 2019 in einem Video den Schweizer Lebensmittelgiganten Nestlé für dessen Einsatz zur Reduzierung des Zucker-, Salz- und Fettgehalts seiner Lebensmittel lobte.6 Blöd nur, dass das gar nicht stimmte, wie die Verbraucherzentrale Hamburg bald darauf herausfand. Bei einem Vergleich zwischen alten und neuen Lebensmitteln von Nestlé hatten die neuen Produkte sogar eine schlechtere Nährwertebilanz.7

Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus Großbritannien und Mexiko. Bei den Briten ist seit April 2018 eine Abgabe je nach Zuckergehalt des Getränks fällig. „Soft Drinks Industry Levy“ heißt die Steuer offiziell. Angefangen bei fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter sind 18 Pence Zuckersteuer für jeden Liter fällig, ab acht Gramm Zucker sind es gar 24 Pence pro Liter. Wie die Universität Oxford in einer Studie feststellte, ist durch diese Maßnahme der durchschnittliche Zuckergehalt in Softdrinks von 4,4 Gramm auf 2,9 Gramm pro 100 Milliliter gesunken.8 Weiterhin haben die Forschenden ermittelt, dass sich in dem untersuchten Zeitraum die Absatzzahlen stark gezuckerter Getränke halbierten, der Verkauf von Wasser und zuckerarmen Getränken sei jedoch um 40 Prozent gestiegen. Außerdem legt die Studie nahe, dass die Zuckersteuer dazu beigetragen hat, die Fettleibigkeit von Mädchen im Alter von zehn bis elf Jahren um acht Prozent zu verringern. Ein wichtiger Schritt, denn in Großbritannien leidet fast jedes vierte Kind an Übergewicht.

Gleiches in Mexiko. Der nordamerikanische Staat hat eine der weltweit höchsten Raten von Übergewicht und Diabetes zu beklagen. Um diesem Umstand zu begegnen, führte die Regierung noch vier Jahre vor England eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke ein. Die betroffenen Softdrinks verteuerten sich somit ab Januar 2014 um zehn Prozent. Bereits im ersten Jahr kauften sechs Prozent der Mexikaner weniger zusätzlich gesüßte Getränke. Bei den Geringverdienern war der Rückgang sogar noch deutlicher.9 Auch Frankreich, Belgien und Ungarn erheben auf Getränke mit zugesetztem Zucker zusätzliche Steuern. Welche Auswirkungen solche Steuern tatsächlich hinsichtlich des Ziels, Übergewicht und Diabetes zu reduzieren, haben, ist nicht in Gänze erforscht.

Ähnlich verhält es sich mit der Einschränkung zur Bewerbung ungesunder Lebensmittel. Ob und wie viel weniger an Chips, Schokoriegeln, Bonbons, Soft- und Energydrinks usw. verkauft werden würde, ist nicht bekannt. Ein Blick auf das Verbot von Tabakwerbung könnte jedoch in eine Richtung weisen. Die gemeinnützige Organisation Cochrane aus Großbritannien hat bereits 2011 untersucht, welchen Einfluss Werbung auf den Konsum von Tabak hat. Cochrane stellte abschließend fest: „Demzufolge erhöhte sich in 18 von 19 eingeschlossenen Studien bei Teilnehmenden, die mehr Werbung ausgesetzt waren oder diese bewusster aufgenommen hatten, die Wahrscheinlichkeit, später zu rauchen.“10

Cochrane fand zudem 2019 in einer anderen Studie heraus, dass sich bei eingeschränktem Verkauf von Softdrinks an Schulen deren Konsum wahrscheinlich insgesamt reduziert. Sieht man sich in Deutschland um, wo die Schulverpflegung vielfach noch von Hausmeister und Getränkeautomaten betrieben wird, dürften die Ergebnisse bei einem Verbot ebenso erfolgreich sein.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe.

Fußnoten

1 Slogans: Haribo Fruchtgummis, Kinder Schokolade, Nimm2 Bonbons | 2 https://www.bwl.uni-hamburg.de/irdw/dokumente/kindermarketing2021effert
zunihh.pdf | 3 https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20068/marketing | 4 https://www.who.int/europe/de/news/item/14-03-
2023-new-who-guidelines-aim-to-protect-children-from-unhealthy-food-marketing | 5 https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/
NationaleReduktionsInnovationsstrategie-Layout.pdf | 6 https://twitter.com/bmel/status/1135553266476040192 | 7 https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/verbraucherzentrale-bezweifelt-nestle-aussagen-5332099.html | 8 Reductions in sugar sales from soft drinks in the UK from 2015 to 2018 | BMC Medicine | 
Full Text (biomedcentral.com) | 9 https://www.bmj.com/content/352/bmj.h6704 | 10 https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD003439.pub2/full/de | 11 https://www.bve-online.de/themen/die-ernaehrungsindustrie/warum-ein-werbeverbot-allen-schadet | 12 https://de.statista.com/prognosen/197004/werbeausgaben-fuer-schokolade-und-zuckerwaren-in-deutschland-seit-2000# | 13 https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.24.23288785v1 | 14 https://www.pfalz-express.de/lidl-draengt-lieferanten-zum-verzicht-auf-kinder-werbung

Ähnliche Beiträge