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Heft 4-2023 | KI und die Zukunft der Arbeit
Wie isst Deutschland?
(c) Bernd Lammel
Interviews

Wie isst Deutschland? 

Der Russe kommt! Der Russe kommt? Der Russe ist da, und wir sind froh, ihn zu haben. Zumindest diesen einen: Wladimir Kaminer. Autor der bereits verfilmten „Russendisko“ und vielen anderen Bestsellern. Vor einiger Zeit hatte sich der Wahlberliner sogar an das urdeutscheste Heiligtum, den Schrebergarten gewagt. Den hat er mittlerweile aufgegeben – es gab Differenzen wegen „spontaner Vegetation“. Aktuell ist er filmend in Deutschland unterwegs auf den Spuren von Wurst und Bier. Sehr lehrreich. Selbst die  NITRO-Herausgeberin konnte im Interview mit dem Autor noch lernen, dass „Pinkel“ essbar ist …

? Seit 1990 haben Sie 34 Bestseller geschrieben – innerhalb von 33 Jahren. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Und wo finden Sie die Geschichten, die Sie mit so viel Humor und so geistreich erzählen?

! Wie bin ich zum Schreiben gekommen? Ich habe schon immer sehr gern Geschichten erzählt und war bereits im Kindergarten ein Geschichtenerzähler. Ehrlich gesagt habe ich in meinem Leben nichts anderes gemacht, als Geschichten zu erzählen. Im Kindergarten erzählte ich meinen Kindergartengenossen Filme, westliche Filme, die ich mir selbst ausgedacht und nie gesehen hatte. Zum Beispiel haben ich mir eine Geschichte über einen Onkel ausgedacht, der als Filmvorführer in einem geschlossenen Kino arbeitet, wo nur Parteibonzen Zutritt haben – und ich. Aber meist waren es Cowboy-Indianer-Filme, die waren leicht zu fantasieren.

? Wurden Sie fürs Geschichtenerzählen belohnt?

ls Gegenleistung haben meine Kindergartengenossen meinen Grießbrei aufgegessen, denn ich konnte die Essensrationen im Kindergarten nicht ausstehen. Viel später haben mir etliche Freunde aus meinem Kindergarten, die inzwischen erwachsen waren, berichtet, sie hätten den einen oder anderen Film tatsächlich im Kino gesehen, und er sei bei weitem nicht so spannend gewesen wie in meiner Version. Das fand ich erstaunlich.

Als ich in der Armee war, habe ich mich als Wahrsager betätigt und Menschen aus der Hand gelesen, was gewesen war und was noch kommt. Das hat mich in gewisser Weise gerettet.

? Inwiefern?

! Wenn man in einer Kaserne lebt, ist es sehr wichtig, irgendeine Funktion zu haben, unersetzlich zu sein. Unersetzliche Menschen werden nie geschlagen. Man braucht sie, deshalb habe ich als Wahrsager eine ziemlich steile Karriere gemacht. Allerdings war das auch nicht wirklich anstrengend, denn die meisten Soldaten kamen vom Land, und die Sowjetunion war zwar ein sehr großes, aber ziemlich flaches Land. Es gab nicht so eine Vielfalt an Lebensläufen. Im Grunde konnte ich meinem ganzen Bataillon das Schicksal voraussagen und hätte dabei nicht viel falsch machen können. Aber natürlich will jeder ein ganz persönliches Schicksal haben. Deswegen ist Wahrsagen auch eine Angelegenheit, die am besten unter vier Augen funktioniert, in einem „Wahrsage-Akt“.

? Nach der Armeezeit haben Sie weiter Geschichten erzählt?

! Ich habe Theater studiert, Dramaturgie, und ich habe im Theater gearbeitet, wo 90 Prozent der Arbeit aus Geschichtenerzählen besteht.

? Als Sie 1990 nach Berlin kamen, ging es mit dem Geschichtenerzählen weiter?

! Ich kam nach Berlin-Prenzlauer Berg und das war damals eine extrem kulturinteressierte Gegend. Jede Kneipe war gleichzeitig ein Ort des kulturellen Austauschs. Man hat überall Filme gezeigt, Konzerte, Diskussionen organisiert, und ich wurde von einem Künstlerkollektiven eingeladen, Vorträge zu halten.

? Worüber haben Sie gesprochen – oder haben Sie dort auch Geschichten erzählt?

! Interessanterweise habe ich am Anfang über Weltraumforschung und Kosmonauten gesprochen. Die Sowjetunion war ja eine Kastengesellschaft, aber diese Kasten waren nicht wie in Indien nach dem Recht der Geburt, sondern nach Berufen aufgeteilt. So hatten Kosmonauten oder Schriftsteller eigene Siedlungen, eigene Häuser, eigene Kurorte, wo nur Kosmonauten oder nur Schriftsteller lebten. Ich habe zum Beispiel neulich erfahren, wie viele Mitglieder der Verein der bildenden Kunst in der Sowjetunion hatte, also wie viele Künstler, Maler und Bildhauer es gab.

? Wie viele waren es?

! 7 000! Ist das nicht krass? Ich frage mich, wer sind oder waren diese Menschen? Natürlich kenne ich ein oder zwei Maler und Bildhauer. Aber wer sind die 87 000? Genauso war es mit den Kosmonauten. Es gab Tausende von Kosmonauten. Die sind natürlich nicht alle geflogen, das konnten nur Einzelne. Aber Tausende haben ein Leben als Kosmonauten gelebt und wohnten mit ihren Familien in einem speziellen Städtchen, Sternenstädtchen genannt. Darüber habe ich anfangs in meinen Vorträgen gesprochen.

? Das war Ihr Start zum Schreiben und brachte Sie dazu, 34 Bestseller schreiben?

! Ich wurde erst einmal Mitglied bei einer Vorlesebühne.

? Vorlesebühne?

a, die älteste Vorlesebühne, die Reformbühne Heim und Welt, gibt es noch immer. Damals saßen dort Menschen, die mündlich Literatur vorgetragen haben, so würde ich es sagen.

? Wie muss man sich das vorstellen?

s waren fünf, sechs Autoren, jeder hatte nur fünf, maximal zehn Minuten Zeit für seinen Bühnenauftritt. Das fand normalerweise in einer Kneipe statt, wo Menschen freien Eintritt hatten und aus Interesse kamen oder um einen bestimmten Menschen zu sehen. Wer sich von einem Vortrag oder einer Geschichte nicht angesprochen fühlte, konnte zum Tresen gehen und sich das nächste Bier holen. Diese Veranstaltungen waren eine sehr gute Schule, wie man mit dem ersten Satz Aufmerksamkeit bekommt. Die Reformbühne war, anders als Poetry-Slam, nicht auf bloßes Lachen reduziert. Es war kein Comedy Club, sondern es traten Menschen mit sehr unterschiedlichen Anliegen auf. Politisch engagierte Menschen, die für politische Inhalte Zuhörer gewinnen wollten. Oder Menschen, die eine große Passion hatten, die zum Beispiel die Liebe zu Tieren vermitteln wollten. Da bin ich mit meiner postsowjetischen Problematik natürlich ein Exot gewesen.

? Und doch wurden Sie dort als Autor entdeckt?

! Auf einer solchen Veranstaltung hat mich eine Literaturagentin angesprochen und gefragt, ob ich schon mal an ein Buch gedacht hätte, also ein Papiererzeugnis. Da sagte ich: „Nein, aber nichts spricht dagegen.“ Und so entstand mein erstes Buch „Russendisko“.

? Wenn man heutzutage den Namen Wladimir Kaminer erwähnt, fragen die meisten: Ist das nicht der, der „Russendisko“ und „Schönhauser Allee“ geschrieben hat? Diese beiden Bücher waren offensichtlich ein guter Einstieg in die Karriere als erfolgreicher Schriftsteller. Aber wir sind 33 Jahre nach dem Bucherfolg. Wäre es heute noch möglich, ein Buch mit dem Titel „Russendisko“ zu schreiben?

! Ich mag beide Bücher immer noch, aber sie bleiben trotzdem ein sekundäres Produkt meines Schaffens. Das Wichtigste ist die Auseinandersetzung mit der Realität oder mit dem, was ich für die Realität halte, also mit dem Leben da draußen. Ich will es verstehen. Und das gelingt mir am besten, wenn ich es aufschreibe. Insofern betrachte ich beide Bücher als eine Art Zeitdokument. Und „Russendisko“ hat heute an Skurrilität natürlich stark gewonnen, denn fast alles, was dort beschrieben wird, existiert nicht mehr.

? Inwiefern?

! Es war die Zeit nach dem Mauerfall, als sich die DDR plötzlich konfrontiert sah mit der großen weiten Welt. Menschen kamen aus allen möglichen Richtungen und haben das halbleere Ostberlin besetzt. Und es waren nicht nur die Geflüchteten, wie wir aus dem Osten, sondern auch sehr viele aus dem Westen. Zum Beispiel sind Punks, die in ihren kleinen bayerischen oder schwäbischen Städten ihre Lebensentwürfe nicht verwirklichen konnten, nach Berlin gezogen. Das war eine babylonische Stimmung, die sehr gut in beiden Büchern zu finden ist. In „Schönhauser Allee“ und „Russendisko“ gibt es eine Mischung aus sehr unterschiedlichen Menschen, Vietnamesen, Russen, Deutschen und Menschen, die nicht wissen, wo sie sind, wer sie sind und was das Ganze soll. Und das ist aus meiner Sicht der größte Witz unserer Zivilisation: Menschen, die nichts wissen, aber so tun, als wäre alles klar.

? Hat Sie der grandiose Erfolg überrascht?

! Nein, denn ich war nicht auf Erfolg aus. Wirklich nicht. Ich habe keine Minderwertigkeitskomplexe und war immer zufrieden mit mir – auch ohne Erfolg. Ich fand es nicht so wichtig.

Das gesamte Interview können Sie in der neuen Ausgabe lesen.

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