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Heft 34 Lesenswert

“Die autogerechte Stadt hat ausgedient!”

Die autogerechte Stadt hat ausgedient!

Von Regine Günther

Wie wir moderne Mobilität gestalten wollen, ist eine der Schlüsselfragen unserer Zeit. Gerade in den Metropolen wird diese Herausforderung engagiert diskutiert. So unterschiedlich Städte sein mögen, was ihre Topographie, Geschichte oder ihre Bevölkerungszusammensetzung anbelangt: Alle haben ähnliche Probleme zu bewältigen. Luftverschmutzung, Konkurrenz um den knappen öffentlichen Raum, Treibhausgas-Emissionen, Verkehrssicherheit – das sind die Herausforderungen, vor denen die großen Städte stehen.

Die Menschen, nicht nur in Berlin, spüren dabei, dass wir in der Verkehrspolitik an einem Wendepunkt sind. Weiter wie bisher wird es nicht gehen. Für mehr oder breitere Straßen ist kein Platz, den öffentlichen Raum brauchen wir für Wohnungen, zur Erholung oder auch für Gewerbeflächen. Der Klimaschutz duldet keinen Aufschub. Es ist also höchste Zeit für eine neue Mobilität – die komfortabel, klimafreundlich und sicher ist.

Megatrends bestimmen die Zukunft

Drei Megatrends bestimmen die Entwicklung von sich rasant wandelnden Metropolen: die Urbanisierung, die Digitalisierung und die Dekarbonisierung.

Die fortschreitende Urbanisierung ist ein weltweites Phänomen und zeigt sich auch in Berlin: Anders als noch um die Jahrtausendwende gedacht, steigt die Bevölkerung deutlich an, allein 2018 ist die Einwohnerzahl Berlins um rund 40 000 Menschen gestiegen. Und nichts deutet darauf hin, dass dieser Trend sehr bald abebben wird.

Mit Blick auf die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung ist auch die steigende Zahl von Pendlerinnen und Pendler zu beachten. Rund 300 000 Menschen sind aus beruflichen Gründen an einem normalen Werktag zwischen Berlin und Brandenburg unterwegs. Das sind in etwa so viele wie die komplette Bevölkerung von Augsburg oder Mannheim.

Auch die Digitalisierung ändert unser Leben. Der Übergang zu einer datenbasierten Wirtschaft bietet eine Vielzahl von Chancen. Das kreative Potenzial dieser neuen Wirtschaftsbereiche zieht heute schon Menschen an, für die die Lebensqualität des städtischen Raums eine große Rolle spielt – und damit auch die Angebote an Mobilität. Moderne, nachhaltige Mobilität wird zum Standortfaktor.

Mit der Dekarbonisierung muss zudem unser gesamtes Energie-, Verkehrs-, und Wirtschaftssystem in einer nicht gekannten Geschwindigkeit umgestaltet werden, wenn wir der weltweiten Herausforderung des Klimawandels gerecht werden wollen.

Wir werden unsere Systeme daher schnellstmöglich von den fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien umstellen müssen. Dass unsere eigenen Kinder darauf jetzt bei den #FridaysForFuture-Demonstrationen vehement pochen, sollte uns vor Augen führen, dass sie es sind, die mit den Folgen unseres politischen Handelns zu leben haben.

Sicher, klima- und umweltfreundlich

Die bisherige Organisation unserer Mobilität schafft lokale Probleme in erheblichem Ausmaß. Hierzu gehören eine gesundheitsgefährdende Luftverschmutzung, eine wachsende Zahl von Stunden, die Menschen im Stau verbringen, viel zu viele Verkehrstote und -schwerverletzte.

Die Leistungsfähigkeit und die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin sind heute vergleichsweise gut, aber dennoch an vielen Stellen verbesserungswürdig. Der aktuelle Zustand ist das Ergebnis von Versäumnissen auch in der Vergangenheit. Nicht zuletzt ist die heutige Infrastruktur in keiner Weise auf die schnell wachsende Zahl von Radfahrenden oder auf neue Verkehrsmittel wie Elektro-Tretroller ausgelegt.

Die Zielsetzung einer neuen Mobilität, die die drei genannten Megatrends mitdenkt, lautet daher: Mobilität ist sicher, sauber, leise, klima- und umweltfreundlich– und sie gewährleistet, dass Menschen und Wirtschaftsgüter schnell, komfortabel und flexibel von A nach B kommen.

Aus dieser Perspektive wird klar: Das alte Mobilitätskonzept der „autogerechten Stadt“ stößt an seine Grenzen, mehr noch: Es hat ausgedient. Wir brauchen ein neues Leitbild. Berlin ist jetzt schon Stau-Spitzenreiter in Deutschland, und es wird deutlich, dass die Berliner Infrastruktur noch mehr als die 1,4 Millionen Fahrzeuge (davon 1,2 Millionen privat) nicht aufnehmen kann.

Darüber hinaus arbeitet Berlin hart daran, die Versäumnisse der Vergangenheit zu beseitigen. Der Sanierungsstau bei Straßen und Brücken ist gewaltig und wird abgetragen. Aber damit wird das grundsätzliche Problem der schmutzigen und verstopften Stadt nicht ansatzweise gelöst.

Eine „autogerechte Stadt“ ist auch angesichts zunehmender Nutzungskonkurrenzen um die nicht vermehrbare Ressource Fläche das falsche Leitbild. In einer wachsenden Stadt wird Fläche zum wichtigsten Gut. Das alte Mobilitätskonzept verschlingt genau von diesem knappen Gut enorme Ressourcen. Es sind Flächen, die dringend für Wohnraum, für Erholungs- und Grünflächen, aber eben auch für Büros, Betriebe und andere Wertschöpfungsbereiche benötigt werden.

Ziel moderner Mobilitätspolitik ist es deshalb, möglichst viele Autofahrerinnen und Autofahrer von der Straße in den Umweltverbund aus Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV), Fahrrad- und Fußverkehr zu bringen. Je weniger Autos auf den Straßen fahren müssen, desto besser.

Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen Heft.

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