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Heft 3-2022 | TOTALE KONTROLLE
Nachhaltig konsumieren – Wir sind einfach zu reich für unsere Welt 
Hinrich Franck am Beatles-Platz in Hamburg - © Chrsitina Czybik für NITRO
Mobilität

Nachhaltig konsumieren – Wir sind einfach zu reich für unsere Welt  

Ein Hamburger denkt über Nachhaltigkeit nach und sagt, dass es keinen ressourcen-schonenden Konsum gibt 

„Ich bin gegen Verschwendung und das ist immer nachhaltig“, sagt Hinrich Franck. Er ist Fotograf in Hamburg und als Freiberufler unternehmerisch erfolgreich. Er denkt schon Jahrzehnte wirtschaftlich effizient. Jede Anschaffung seiner beruflichen Ausstattung prüft es immer auch auf prognostizierbare Nutzungsdauer. Bei optischen Geräten wie Objektiven liegt Langlebigkeit in der Natur der Physik. Glas ist nicht digitalisierbar und unterliegt nicht dem rasanten Wandel wie Computertechnik oder Kameraelektronik. 

Als Fotograf muss er flexibel und mobil sein. Die Ausrüstung für Jobs in den Bereichen Architektur oder Industrie ist groß und schwer. Zu Kameras und Objektiven kommen Beleuchtungstechnik und Stative. Hier schließen sich die Bahn oder ÖPNV als Transportmittel aus und auch in einen Kleinwagen passt keine Leiter. 

Im Gespräch mit dem NITRO-Magazin erklärt er, warum Nachhaltigkeit für jeden eine Selbstverständlichkeit sein sollte und was wir von heute auf morgen besser machen können. 

Herr Franck, Sie fahren einen Mercedes T-Modell W124, Baujahr 1995. Sind Sie ein Liebhaber von Oldtimern? 

Ich mag Dinge, die langlebig sind. Der Wagen ist kein Sammlerstück. Er ist für mich ein Alltagsgegenstand und parkt unter der Laterne. Dieses T-Modell (steht bei diesem Kombi für Transport oder Tourismus, Anmerkung der Redaktion) ist ein beliebter Dauerläufer. Er erfüllt hohe Sicherheitsstandards, ist geräumig und ist noch lange nicht am Ende seiner Nutzungsdauer. Ich liebe Gewohntes und halte lange daran fest. Das ist für mich auch wirtschaftlich vernünftiger als Abschreibungsmodelle in Leasing- oder Finanzierungsmodellen, dabei entsteht eine Verschleierung zwischen Eigentum und Besitz. Es ist für mich kein Statement die neuste PKW-Baureihe zu fahren, um einen in der Branche oft gern gesehenen Status zu präsentieren.

Wieviel Kilometer haben Sie mit diesem Auto bisher zurückgelegt? 

Eine Viertelmillion und da geht noch mehr. Zuvor hatte ich einen Kombi derselben Baureihe, die als unverwüstlich gilt. Den habe ich mit 565.000 Kilometern auf dem Tacho an einen weiteren Nachfahrer verkaufen können. Er hatte immer noch die erste Kupplung. Als ich die Chance hatte, mein heutiges Auto mit noch geringer Laufleistung zu kaufen, schlug ich zu. Es ist für mich eine günstige Möglichkeit, mobil zu sein. Es gibt keinen ressourcen-schonenden Konsum. Verbrauch kostet immer Rohstoffe und Energie. Außerdem wollte ich nie unnütz Geld ausgeben. 

Sind Sie geizig? 

Nein, Geiz ist engstirnig und furchtbar! Sparsamkeit ist Tugend und positiv. Aristoteles nannte es das „rechte Maß der Dinge“. Wie können wir unser Leben richtig dimensionieren? Ich frage mich, ob alles ständig neu gekauft werden muss. Werbung und Marketing suggerieren ununterbrochen nie dagewesene Vorteile. Neues müsste immer besser sein. Muss ich die jeweils nächste Generation eines Smartphones haben, obwohl der Vorgänger bis auf Nuancen schon das technisch Machbare ausschöpft? Zu selten fragen wir nach den Stärken des Bewährten. 

Eine Bekannte sagte einmal, sie könne nicht von angestoßenem Porzellan essen. Ich kann das gut. Ein Teller oder eine Schüssel mit einem Makel hat vielleicht eine interessantere Geschichte als billiges Massengeschirr. Seit 1981 trage ich zu manchen Anlässen einen Trenchcoat wie auf den Fotos am Beatles-Platz in St. Pauli. Ich kaufte ihn auf einer Nachlassauktion gekauft. Der Mantel ist von einer tadellosen Qualität und unabhängig von Modetrends.  

Sie sagten eingangs, sparsam zu sein. Ein Trenchcoat solcher Qualität ist normalerweise teuer, genauso wie maßgeschneiderte Hemden oder handgearbeitete Schuhe. Verkalkulieren sie sich dabei nicht? 

Nicht bei second-hand und lacht dabei. Im Schlussverkauf werden immer die modischen Trends entsorgt. Weiße Hemden sind immer „modisch“. Sie müssen nicht weggeworfen werden, wenn orange statt grün Mode wird. Über die Qualität müssen wir gar nicht erst reden. Es werden riesige Müllberge produziert. Warum soll ich mich mit Mode beschäftigen? Es ist extrem zeitaufwendig und teuer. Da bin ich gern auch mal faul. 

  • Hinrich Franck in Hamburg - Foto © Chritina Czybik
    Hinrich Franck in Hamburg - Foto © Chritina Czybik

Wenn wir die Textilproduktion aus den asiatischen Ländern nicht mehr importieren, würden wir doch Existenzen der Ärmsten ruinieren. Können wir das verantworten? 

Das Argument, einen sinnlosen Kreislauf ohne Nachhaltigkeit aufrechtzuerhalten, ist für mich nicht nachvollziehbar. Es muss nicht immer so weitergehen. Dann müssten wir auch weiter mit Kohle heizen, damit Bergleute ihren Job nicht verlieren. Sie brauchen schnell andere Erwerbsmodelle. Die kann ich ihnen nicht bieten, aber alle können sich hierzulande angemessener verhalten. Ich habe dabei viel von meiner Familie gelernt. Von heute auf morgen kann jeder mit einfachen Mitteln dazu beitragen, Energie, Lebensmittel und Transport einzusparen. In der Summe von Millionen Menschen wäre viel erreichbar. Müssen wir im Winter alle Räume heizen und in einem kurzärmeligen T-Shirt im voll beleuchteten Wohnzimmer am Tisch sitzen? Im Pullover kann es auch gemütlich sein und die Heizung kann niedriger gestellt werden. Unnötige Haushaltsartikel müssen wir meiden, weil sie verzichtbar sind. Reißig erfüllt denselben Zweck wie Grillanzünder. Lebensmittel werden meist noch in viel zu großer Menge eingekauft. Am Ende wandert viel in den Müll. Ich sage, bewusster kaufen und aufessen. 

Haben sie auch Vorschläge bei der Mobilität klüger vorzugehen? 

Nicht jede Fahrt mit dem Auto ist nötig. Einspurige Fahrzeuge, dabei auch motorisierte Roller, wie ich einen nutze, sparen Platz auf der Straße und verbrauchen weniger. Gute Logistik hilft ebenso. Bei jeder Gelegenheit spontan ins Auto zu steigen ist keine gute Idee. Eine To-Do-Liste von notwendigen Fahrten zu führen, ist die bessere Idee. Meist bündele ich Erledigungen auf einer intelligenten Route. Ich bin nur einmal unterwegs, spare Zeit und Geld. So reduziere ich die Tage im Auto signifikant. 

Wir sind einfach zu reich für unsere Welt. Wohnhäuser werden größer statt effizienter, Autos sowieso. Das fördert gedankenloses und dummes Verhalten. Es entstehen Protz und geistige Leere. Solange unsere Gesellschaft Wohlstand an viel Verbrauch misst, wird sich nicht viel ändern. 

 

Das Gespräch führte Bernd Lammel

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