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Aktuell Heft 35 Top

“Helmut, rette uns!”

Helmut, rette uns! 30 Jahre Mauerfall

Von Andrew Weber, Fotos Bernd Lammel

Nur einen Monat nach dem Fall der Mauer wurden in Ostdeutschland Rufe nach Einführung der D-Mark laut. Sie wurden erhört: Kaum mehr als ein halbes Jahr später trat die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in Kraft. Doch die Ernüchterung folgte schon bald darauf, denn das „Westgeld“ sorgte auch dafür, dass die Betriebe, in denen die Menschen ihr Geld verdienten, nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Warum wurde die D-Mark so schnell eingeführt, und hätte es Alternativen gegeben?

An einem Tag im Dezember 1989 geht die Rechnung von Franz Josef Strauß postum auf. Während einer der Montagsdemos in Leipzig fordern die Bürger auf Spruchbändern erstmals die Einführung der Westwährung: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir“. Dieser Satz ist die verbalisierte, aufgegangene Saat des einstigen bayerischen Ministerpräsidenten. Sechs Jahre zuvor sorgte dieser mit einem Milliardenkredit, der auch innerhalb seiner Partei umstrittenen war, dafür, dass die Deutsche Demokratische Republik sich vom Bruderstaat Sowjetunion abnabelte. Sein erklärtes Ziel war es, die DDR solle „von der D-Mark so abhängig werden wie ein Rauschgiftsüchtiger vom Heroin“1.

Das Kalkül des Münchners ging auf. Wie negativ dieser (niemals öffentlich geäußerte) Satz auch immer heute interpretiert werden mag, es bleibt unbestritten sein Verdienst, dass der Kredit an Bedingungen geknüpft wurde, die den Abbau von Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze und Reiseerleichterungen für die Bürger der DDR zur Folge hatten.

1983 litt die DDR noch immer unter den Folgen der zweiten Ölkrise von 1979. Die Sowjetunion, selbst in wirtschaftlichen Nöten, hielt die vereinbarten Liefermengen von Erdöl nicht ein, erhöhte darüber hinaus kräftig die Preise. In der Folge wuchsen die Devisenschulden der DDR massiv an und nicht nur die. Bis 1989 hatte sich, je nach Quelle, schließlich ein Schuldenberg zwischen 20 und 40 Milliarden D-Mark aufgetürmt. Pleite war die DDR deswegen nicht. Noch 1990 hat die DDR all das, was sie brauchte, auch selbst erwirtschaftet. Doch es hatte sich ein riesiger Investitionsstau gebildet. Die zwei Milliarden DM Kredit von 1983 waren da nur noch Makulatur. Das SED-Politbüro resümiert im Oktober 1989: „In bestimmten Bereichen der Volkswirtschaft sind die Ausrüstungen stark verschlissen, woraus sich ein erhöhter und ökonomisch uneffektiver Instandhaltungs- und Reparaturbedarf ergibt.“2 Bereits ein knappes halbes Jahr zuvor, am 16. Mai 1989, rechnete der Staatsplanungschef der DDR, Gerhard Schürer, in einem internen Kreis von Wirtschaftsexperten des SED-Politbüros vor, dass die Verschuldung gegenüber dem Westen jeden Monat um 500 Millionen DM steige. Nach seiner Prognose wäre die DDR spätestens bis 1991 zahlungsunfähig.3

Damit nicht genug, denn um die Kredite zu bedienen, müssten seiner Berechnung nach 65 Prozent der Exporterlöse der DDR zurück in die Bundesrepublik fließen. Ein Lösungsansatz: den Inlandskonsum um bis zu 30 Prozent reduzieren, damit diese Produkte exportiert werden können.4 Konsumverzicht jedoch wäre ein vollkommen falsches Signal gewesen, denn das Volk wollte nicht noch weniger, es wollte sich von dem Geld, was es verdiente, auch etwas kaufen können. Geld auf dem Konto hatten die Bürger, denn der Staat sorgte mit seiner Subventionierung des Grundbedarfs etwa für günstige Mieten, Energie, Grundnahrungsmittel und sogar für billige Kinderbekleidung. 1988 kostete dies die DDR 61,6 Milliarden Mark.5

Anfang der 1990er-Jahre wurden die Ostdeutschen gern als „konsumgeile“ Stereotype dargestellt, die scharf waren auf Bananen, einen VW Golf und eine Reise nach „Malle“. Dabei wird aber gern übersehen, dass die Bürger der DDR sich nicht weiterhin als Menschen zweiter Klasse fühlen wollten. Es ging ihnen in erster Linie um ein besseres Warenangebot, damit sie verlässlich ganz profane Dinge wie Papiertaschentücher, Klopapier oder Ketchup in „Konsum“- und „HO“-Läden kaufen konnten. Da kam ihnen Helmut Kohl mit seinem Versprechen von „blühenden Landschaften“ nur recht. Doch der Pfälzer wurde nicht von jedem als „Retter“ angesehen. Christian Führer, einer der treibenden Kräfte der friedlichen Revolution von 1989, erinnerte sich mit gemischten Gefühlen an einen der Auftritte des damaligen Bundeskanzlers. So berichtete er in einem Interview, dass Kohl bei einer Kundgebung in Leipzig am 14. März 1990 die Worte „Helmut, rette uns“ entgegenhallten. Führer verglich dieses Flehen mit dem Schrei nach dem Messias. Der „Messias“ erhörte das Bitten des Volkes nach einem Umtauschkurs von eins zu eins, der dann am 1. Juli 1990 schließlich im Rahmen der Währungsunion auch weitestgehend umgesetzt wurde. Bürger ab 60 Jahren konnten bis zu 6 000, Erwachsene bis zu 4 000 und Kinder bis 14 Jahre bis zu 2 000 DDR-Mark zum Kurs von eins zu eins umtauschen. Darüber liegende Sparguthaben wurden zum Kurs zwei zu eins gewechselt, Schulden halbiert.6 Mit ihrer Drohung, in den Westen zu gehen, wenn nicht die D-Mark in Gesamtdeutschland eingeführt würde, trafen die Ostdeutschen einen wunden Punkt bei den Regierungsverantwortlichen. Über vier Millionen Menschen hatten der DDR zwischen 1949 und 1990 den Rücken gekehrt, mindestens 350 000 waren es allein 1989. Die einst freudig begrüßten Landsleute von „drüben“ wurden plötzlich lästig. So versah der Spiegel bereits am 13. November 1989 eine Story über die wachsende Anzahl Ostdeutscher in Westdeutschland mit der Titelzeile „Die Katastrophe ist da!“7

Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen Heft.


Fußnoten

1  
https://www.academia.edu/32727116/Ein_Kalter_Krieger_auf_Abwegen_Dichtung_und_Wahrheit_%C3%BCber_Franz_Josef_Strau%C3%9F_und_den_Milliardenkredit_an_die_DDR

2  
http://www.chronik-der-mauer.de/material/178898/sed-politbuero
vorlage-analyse-der-oekonomischen-lage-der-ddr-mit-schlussfol
gerungen-20-oktober-1989

3  
vgl. Andreas Malycha: „Die SED in der Ära Honecker“, S. 358

4  
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-500-­Millionen-Mark-pro-Monat-der-Zusammenbruch-der-DDR-4179952.html

5  
http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47076/ddr-wirtschaft

6  
https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungs-,_Wirtschafts-_und_Sozialunion

7  https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13497246.html

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