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“Der Holocaust vor dem Holocaust”

Völkermord Holocaust

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Der Holocaust vor dem Holocaust" in unserer Printausgabe 1-2011 - Die Fotos stammen aus dem Archiv Kunz

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel nannte das Massaker, das Türken zwischen 1915  und 1917 an Armeniern verübten, einen "Holocaust vor dem Holocaust". Bis auf den heutigen Tag - 96 Jahre nach diesen Ereignissen - weigert sich die Türkei, den damals verübten Genozid anzuerkennen.

Der grausame Völkermord spielte sich während des 1. Weltkrieges unter den Augen einer desinteressierten Welt ab. Der  Gedanke liegt deshalb nahe, dass Hitler dieses Desinteresse genau  kalkuliert hatte, als er wenige Jahrzehnte später zu seinem Vernichtungsschlag mit dem Holocaust gegen die  europäischen Juden ausholte.

Die Armenier lebten über Jahrhunderte als christliche Minderheit unter den Muslimen des Osmanischen Reiches – vor allem in Konstantinopel und in sechs ostanatolischen Provinzen auf dem Gebiet der heutigen Türkei.

Bis die Revolution der Jungtürken 1908 das Land erschütterte und  die Generäle Talat Pascha, Enver Pascha und Djemal Pascha die Macht übernehmen. Sie verkünden, dass sie die Gleichstellung aller Minderheiten anstreben, doch in Wahrheit erstreben sie ein Großreich, in dem nur Türken leben, die geeint sind durch Blut, Religion und Rasse.

Der 24. April 1915 ist der Auftakt des Genozids. In Konstantinopel werden 235 armenische Intellektuelle verhaftet. Ihnen wird vorgeworfen, mit dem russischen Gegner zu kollaborieren. Der Hintergrund: Die Jungtürken brauchen einen Schuldigen, um ihre eigenen Niederlagen zu erklären.

Armenier im ganzen Land werden denunziert, armenische Soldaten des Osmanischen Heeres verhaftet, gefoltert und umgebracht. Die Regierung behauptet, es gebe lokale Verschwörungen und wiegelt die Bevölkerung gegen die Armenier auf. Es kommt zu Massakern. Um die östlichen Grenzgebiete zu Russland angeblich vor dem Feind im Innern zu sichern, kommt es zu Deportationen. Sie beginnen zuerst nur im Osten der Türkei, dehnen sich nach und nach aber auf das gesamte Gebiet der heutigen Türkei aus.

Viele  Armenier werden im Auftrag der Regierung in Viehwaggons nach Syrien abtransportiert, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Die Vertriebenen sollten dort angeblich eine neue Heimat finden. Die meisten werden allerdings ohne Wasser und Nahrung Tausende von Kilometern durch das Land getrieben. Viele von ihnen sterben an Erschöpfung oder werden erschlagen, erschossen, zu Tode gefoltert. Mädchen und Frauen werden vergewaltigt oder in Harems entführt.

Es ist der Erste Weltkrieg, der diese grausamen Verbrechen ermöglicht, denn der Genozid spielt sich vor den Augen einer desinteressierten Welt ab.

Auch Deutschland, damals Kriegsverbündeter, schaut stillschweigend dabei zu, wie in den Jahren 1915 bis 1917 etwa 1,5 Millionen Armenier dem Völkermord zum Opfer fallen.

Nach dem Sieg der Alliierten verurteilen türkische Gerichte Djemal Pascha, Enver Pascha und Talat Pascha in Abwesenheit zum Tode. Sie sind aber auf einem deutschen Kriegsschiff längst entkommen.

Es gibt viele Zeugen, die den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts miterlebten – unter anderem Missionare, Konsularangestellte und Angehörige des deutschen Offizierskorps, das das osmanische Militär im Ersten Weltkrieg ausbildete und führte. Doch ihre Berichte, Anklagen und Beweise blieben unter Verschluss, um dem Bündnispartner Türkei nicht zu schaden. Die Schriftstücke lagern im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, in den USA, Frankreich, Schweden und Dänemark und gelangen erst Jahrzehnte Jahre später an die Öffentlichkeit.

Die Türkei ist auch heute noch ein wichtiger Verbündeter für viele Staaten der Welt, den man nicht verlieren will. Die Vereinigten Staaten sind vor allem seit Beginn des Irak-Kriegs auf die türkischen Militärbasen angewiesen. Von dort  starten ihre Flugzeuge in den Irak und nach Afghanistan.

2007 spricht Barack Obama noch von einem Genozid. Als Präsident will er jede Konfrontation mit dem Nato-Partner vermeiden.

Die türkische Geschichtsschreibung behauptet bis heute, die Deportationen seien eine Kriegsnotwendigkeit gewesen, um die Armenier daran zu hindern, die russischen Truppen zu unterstützen. Einige türkische Historiker behaupten sogar, nicht die muslimische Bevölkerung habe Armenier massakriert, sondern umgekehrt. Wer das bezweifelt, wird bedroht und strafrechtlich verfolgt. Als der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk es wagte, öffentlich von „Völkermord“ zu sprechen, wurde er wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ angeklagt. Allen Staaten, die dasselbe tun,  droht die Regierung damit, Rüstungsaufträge zu streichen und die diplomatischen Beziehungen abzubrechen.

2004 erscheint das Buch „Die Großmutter“ der türkischen Anwältin Fethiye Cetin, in dem sie über ihre armenische Herkunft und den Völkermord in der Türkei schreibt. Sie erzählt vom  Sommer 1915 im armenischen Dorf Haba östlich der Provinzhauptstadt Elazig, dessen Bewohner nicht wissen, dass die jungtürkische Regierung den Befehl für die Umsiedlung der anatolischen Armenier in die syrische Wüste gegeben hat. Gendarmen überfallen das Dorf , nehmen Frauen und Kinder gefangen und töten die Männer. Danach beginnt der Todesmarsch der Frauen und Kinder gen Süden. Sechshundert- bis Achthunderttausend der damals 1,5 Millionen Armenier Anatoliens werden ihn nicht überleben.

Auch der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink versucht immer wieder, gegen die offizielle Geschichtsschreibung der Türkei anzugehen:„Die Armenier in der Türkei leiden unter einem tiefen Trauma. Und die Türken leben in einer Paranoia. Beides ist nicht gesund, beides führt uns nicht zu einer Lösung.“

Am 19. Januar 2007 wurde er vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung „Agos“ auf offener Straße erschossen.

Der Täter ist ein Jugendlicher, der sagt, er habe Hrant Dink töten müssen, weil er das türkische Volk beleidigt habe. Tausende Menschen gehen zu Hrant Dinks Beerdigung auf die Straße und tragen Transparente mit Aufschriften wie „Wir sind alle Hrant Dink“ und „Wir sind alle Armenier“.

Ein knappes Jahr später setzen Tausende  Menschen ihren Namen unter eine Internet-Petition, die das armenische Volk um Verzeihung für das Unrecht von 1915 bittet. Einer der Unterzeichner ist der Anwalt Bendal Dschelil Esman, der  Anklage bei einem Zivilgericht in Ankara erhoben hat. Er fordert, dass die türkische Regierung die Verfolgung der Armenier als Völkermord anerkennt und alle Straßen, die den Namen Talat Paschas tragen, umbenennt.

Doch Tayyip Erdogan wird nicht müde, die türkische Bevölkerung weiter zu manipulieren. Durch die Genozid-Resolution des schwedischen Parlaments und die des amerikanischen Repräsentantenhauses fühlt er die Ehre des türkischen Volkes beleidigt und droht damit, die illegal in der Türkei lebenden Armenier zu deportieren.

Kenan Kolat, der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, versuchte, den armenischen Genozid aus den Lehrplänen des Landes Brandenburg, dem einzigen Bundesland, das ihn im Schulunterricht behandelt, streichen zu lassen.

„Das Märchen vom letzten Gedanken“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath handelt vom Völkermord an den Armeniern. Der Roman, der 1989 zum ersten Mal erschien, gilt als das bedeutendste Werk über dieses historische Ereignis und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2006 zeichnet der Präsident der Republik Armenien ihn mit dem Armenischen Nationalpreis für Literatur aus. Hilsenrath wird in Armenien als Nationalheld gefeiert.

Zitat: „Das große Massaker!“ sagte der Märchenerzähler. „Jeder in diesem Land wußte, daß es kommen würde, aber nur wenige konnten sich wirklich etwas Konkretes darunter vorstellen. Was hatten die Türken mit den Armeniern vor? Würden sie alle abschlachten, so wie man Schafe abschlachtet? Und das vor den Augen der zivilisierten Welt? Wer würde den Armeniern helfen? Etwa Kaiser Wilhelm der Zweite, der Angst hatte, auch nur das Geringste zu tun, was die verbündeten Türken verärgern könnte? Oder Kaiser Fran Joseph, der alt war und Schwierigkeiten beim Pinkeln hatte? Konnten die Russen helfen oder die Engländer oder die Franzosen? Waren sie nicht viel zu weit weg vom Geschehen – auf der anderen Seite der Front? Oder würde es nur beim Aufschrei der Weltpresse bleiben, um dann weggespült zu werden mit dem Müll alter Zeitungen?“

 

 

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