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Heft 30

“Drei Browser und Ihre Daten sind sicher”

Drei Browser und Ihre Daten sind sicher

Nicht nur Cambridge Analytica ist bankrott. Sondern das ganze Geschäftsmodell der hemmungslosen Datenschnüffelei. Online-Werbung beruht auf Spionage in privaten Lebensbereichen. Selbst deutsche Verlage im Netz beteiligen sich munter daran. Dabei kann jeder, der das Internet nutzt, selbst etwas tun, um seine Privatsphäre auch privat zu halten. Das geht ganz einfach.

Etwas zynisch gesagt, war es der passende Skandal zur rechten Zeit: Dass die englische Firma Cambridge Analytica Millionen Profile von Facebook-Nutzern ohne deren Wissen ausgewertet und damit missbraucht hat, um diese Nutzer dann beeinflussbar zu machen, war schon länger bekannt. Erste Berichte datieren auf Dezember 2016. Gemutmaßt wird, Cambridge Analytica (die Firma hat übrigens keine Beziehung zur University of Cambridge, auch wenn der Name dies suggeriert) habe so im Auftrag von Kunden Einfluss auf die Präsidentenwahlen 2017 in den USA und auf die Brexit-Abstimmung in Großbritannien genommen. Bewiesen ist das nicht. Aber allein die Vorstellung ist angsteinflößend. Dass im Netz Daten gesammelt werden, um damit Kaufentscheidungen zu beeinflussen, die übliche Werbung, ist sattsam bekannt. Nicht sonderlich seriös, weit entfernt von honorig (ein leider aus der Mode gekommenes Wort) aber hoch profitabel. Aber im Netz gesammelte (und erschnüffelte) Daten zu nutzen, um Wahlentscheidungen zu beeinflussen? Möglicherweise gar für ausländische Auftraggeber? Das greift an die Grundlagen jedes Staates, insbesondere demokratischer Staaten. Nun hat nicht jeder etwas mit Demokratie am Hut, solange es um Geschäfte geht: Zum Beispiel Alexander Nix, bis März Geschäftsführer von Cambridge Analytica. Der britische Sender Channel 4 filmte ihn undercover im Gespräch mit Politikern, die vorgeblich aus Sri Lanka stammten – in Skandinavien nennt man diese Recherchemethode „wallraffen“.

Spätestens durch seinen live gefilmten Vorschlag, Prostituierte einzusetzen, um politische Gegner zu ramponieren, stürzte die Fassade des ehrbaren Geschäftsmannes endgültig ein. Er wurde entlassen – zu spät. Kurz darauf ging die Firma bankrott, weil alle Kunden die rufschädigend gewordene Beziehung zu Cambridge Analytica beendeten.

 

Deep Data

Durch den Skandal um die zweckentfremdeten Facebook-Daten geriet auch Facebook ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und auch die anderen Konzerne, die im Geschäft mit Big Data und Deep Learning durch Nutzerdaten sind. Man nennt sie oft GAFA, für Google, Apple, Facebook, Amazon – alle in den USA. Aber das ist verkürzend, denn auch der US-Konzern Microsoft und die in der Volksrepublik China ansässigen Firmen Alibaba, Baidu und Tencent gehören dazu.

Den Rüpel in dieser Gruppe gibt Facebook. Immer mehr wird über Facebooks Datensammlungen bekannt. Die britische Zeitung Express veröffentlichte eine Liste von 98 persönlichen Datenpunkten, die Facebook nutzt, um „passende“ Werbung einzublenden. Ebenso wurde bekannt, dass Facebook Daten von anderen Datenfirmen, zum Beispiel Kreditauskunfteien, ankauft, um die eigenen Nutzerprofile „anzureichern“.

An diesen undurchsichtigen Datensammlungen beteiligen sich auch deutsche Medien im Netz, eben durch Tracker auf ihren Webseiten, die dann Nutzerinformationen an Facebook, aber auch Google, Werbenetzwerke und andere weiterleiten.

Ob das noch mit der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) vereinbar ist, sei erstmal dahingestellt. Aber schon jetzt kann jeder interessierte und informierte Internetnutzer etwas gegen das Abfließen seiner Daten tun.

 

Praktischer Selbstschutz

Die Privatsphäre zu schützen und die Saugleitungen der Datensammler trockenzulegen, das geht erstaunlich einfach. Alles, was dazu nötig ist, sind drei Webbrowser und ein wenig (Internet-)Disziplin.

Das Tracking der Datensammler zielt immer darauf, einen Nutzer zu identifizieren, indem man seinen Browser identifiziert oder markiert. Im einfachsten Fall geschieht das durch ein Cookie, eine eindeutige Zeichenkette, die ein Webserver beim Erstkontakt an den Browser übermittelt und die dieser Browser dann bei allen späteren Kontakten dem Server wieder mitteilt: „Da bin ich wieder“. Loggt man sich mit einem so markierten Browser etwa bei Facebook ein, weiß diese Firma genau, welcher Nutzer das Programm bedient. Die (von Facebook) gewünschte Personalisierung ist erreicht.

Loggt man sich von Facebook wieder aus, nutzt aber den Browser weiter zum Surfen im Netz, so übermittelt jede Webseite, auf der ein Like-Button zu sehen ist, wiederum die Daten an die Facebook-Server, dass man diese Seite gerade besucht. Es reicht, dass der Button eingeblendet wird, damit die Daten fließen – man muss ihn nicht anklicken. Der Like-Button ist sozusagen die „Schleppnetz-Fahndung“ von Facebook, damit wird man auch dann verfolgt, wenn man gar nicht auf Facebook-Seiten surft. Im Falle von Google sind diese Schleppnetze Google Analytics, Google Fonts und andere, die viele Website-Betreiber gedankenlos einsetzen.

Doch Cookies werden nicht nur von den Websites verteilt, die man aufruft, sondern auch von ganz anderen Seiten, zum Beispiel von Werbenetzwerken, die die Seiten von Verlagen dafür bezahlen, ihre Tracker quasi Huckepack zu verteilen (siehe Kasten). Da diese Tracker ebenfalls über viele verschiedene Websites aktiv werden, ist es ihnen so ebenfalls möglich, einen Nutzer beim Surfen im Web über viele Seiten hinweg zu verfolgen – hier wird aus Werbung Schnüffelei.

Neben den Cookies, die nur eine Markierung des einzelnen Browsers sind, laufen auch Tracking-Programme (meist basierend auf der Programmiersprache JavaScript). Diese versuchen, Daten aus dem betreffenden Browser auszulesen, typischerweise den Verlauf, also das Protokoll, welche Webseiten aufgerufen wurden, und die geöffneten und geschlossenen Tabs der Sitzung. Wer an diese Daten herankommt, hat eine sehr genaue Information darüber, wofür sich der Surfer interessiert; zumal Teil dieser Daten oft die Anfragen bei Suchmaschinen sind. Gegenüber wem würde man lückenlos Auskunft geben, wonach man so alles gesucht hat? Vermutlich niemandem, denn das könnte für große Unruhe sorgen.

Lesen Sie den ganzen Artikel im Heft „arm und reich“.

Von Albrecht Ude

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