Der 38. Mediengipfel verneigt sich vor Amazon
Ein leises Raunen ging beim 38. Mediengipfel durch den Schillersaal in Potsdam als in der Anmoderation des einzigen Gesprächsgastes am Abend des 10. Mai, dem Country Manager Amazon Deutschland Ralf Kleber, eine 20 Jahre alte Episode erzählt wird. Bevor der Schauspieler und Coach Ole Tillmann dem Deutschland-Chef von Amazon seine Fragen stellt, erfahren die zahlreich erschienenen Gäste, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos damals eine Audienz bei Bertelsmann hatte. Bezos referierte einst bei den Güterslohern über seine Geschäftsidee des Online-Buchhandels. Seine Gegenüber waren fest davon überzeugt, dass er damit niemals Geld verdienen könne. Abgehakt war der Besuch. Wenige Jahre später mußten die Bertelsmann-Manager zusehen, wie Amazon ihnen auf der ganzen Welt mit satten Gewinnen davon lief. Die Gegenoffensive bol.de wurde ein Misserfolg. Der einst so stolze Buch-Klub aus der Wirtschaftswunderzeit ist inzwischen eingestellt.
Nach dieser Steilvorlage bot Ole Tillmann dem Amazon-Mann eine Bühne, die Unternehmens-Kultur von Amazon zu zelebrieren. Kleber nutzte die Gelegenheit und erklärte der deutschen Medienbranche nicht ohne Charme, woran es ihr mangelt: an Innovationen und Mut zu Experimenten. Die Angst vor dem Scheitern ist der Hemmschuh. Fehler zu machen, ist seit Henry Ford eine amerikanische Tugend, wenn man sie erkennt und daraus lernt. Sie sind keine Schande wie in Deutschland. Kleber erklärte, dass Amazon inzwischen so groß und mächtig ist, dass man sich alle Fehler der Welt leisten könne. Disruptive Transformation nennt Ralf Kleber den Ansatz, bei dem alle herkömmlichen Verhaltensmuster im Sinne der Innovation hinterfragt werden. So wurde Jeff Bezos als Onlineversand für Bücher schnell zum Versandhändler für alles, was der Markt bietet. Die drei Bausteine Preis, Auswahl und Convenience bestimmen alles beim E-Commerce-Anbieter Amazon, der inzwischen Plattform für andere Anbieter bei Logistikdienstleistungen, Streaming-Angeboten, Payment-Lösungen und Cloud-Anwendungen geworden ist. Jeff Bezos, inzwischen auch Besitzer der Washington Post, setzt auf den claim »You have to be comfortable being misunderstood«. Am Ende des Abends blieb Staunen und Respekt sowie die Sehnsucht es Bezos gleich zu tun. Für alle, die sich keinerlei Wandel wünschen, blieb etwas German Angst übrig.
Bernd Lammel
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