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Heft 32 Lesenswert Medien

“Bildjournalismus? Ich hab doch Instagram…”

Bildjournalismus? Ich hab doch Instagram…

Von Lars Bauernschmitt

Der Strukturwandel verunsichert die Medienmacher. Waren sie es doch bisher gewohnt, dass Leser, Zuschauer und Hörer ihre Monologe ohne Widerspruch zur Kenntnis nahmen. Ihre einstige Rolle als allwissende Welterklärer ist jedoch nicht mehr gefragt.

Zwei Seiten einer Sinnkrise

Die Kraft von Bildern ist ungebrochen, ihre Bedeutung in der ­Mediengesellschaft größer denn je. Die Möglichkeiten, mit Bildern massenwirksam zu werden, sind heute einfacher als jemals zuvor. Bewegt werden Fotojournalisten aber anscheinend vor allem von der sogenannten Medienkrise mit fallenden Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften sowie von ihren ständig sinkenden Honoraren. Zwei sich scheinbar widersprechende Phänomene bestimmen die Arbeit derjenigen, die versuchen, professionell Themen und Inhalte zu vermitteln und durch diese Tätigkeit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Kraft eines Bildes

Im September 2015 ertrank ein zwei Jahre alter Junge im Mittelmeer. Mit ihm starben, auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien, seine Mutter und sein Bruder. Der Körper von Aylan Kurdi wurde an der türkischen Küste nahe Bodrum angespült. Die Fotos des toten Kindes, die die Fotografin Nilüfer Demir bei der Bergung des Körpers aufnahm, gingen um die Welt. Das Bild des toten Aylan Kurdi wurde zum Symbol für die Angst vor Regimen, die Menschen dazu bringt, das eigene Leben und das ihrer Kinder zu riskieren – bei dem Versuch, es irgendwie zu retten. Das Bild löste Diskussionen um Fluchtursachen und den Umgang mit den Flüchtenden aus. Es bewegte Menschen in aller Welt. In Deutschland kam es in der Folge der Publikation des Bildes zu einer Welle der Empathie gegenüber den ins Land kommenden Flüchtlingen. Wieder einmal bewies ein Foto die Kraft von Bildern. Verbreitet wurde das Foto des toten Jungen nicht nur in Zeitungen und Zeitschriften, sondern vor allem auch mittels sozialer Medien. Während fotojournalistische Schlüsselbilder in der Vergangenheit in Printmedien ihren Weg zu den Betrachtern fanden, sahen viele Menschen den toten Aylan Kurdi vor allem in den digitalen Medien. Das Bild wurde Teil einer sinnvoll nicht mehr messbaren Menge von Informationen, die in ganz unterschiedlicher Form laufend publiziert im Netz verfügbar ist. Denn Kennzeichen der Informationsgesellschaft sind die wachsende Zahl der Medien und die damit verbundene Zunahme der verfügbaren Informationen, die inzwischen eben nicht nur durch Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, Hörfunk oder Fernsehen verbreitet werden, sondern darüber hinaus auch via Instagram, Twitter, Snapchat und ähnliche Medien. Wer Informationen sucht, steht heute vor der Schwierigkeit, aus der Masse der zur Verfügung stehenden Quellen ganz unterschiedlicher Qualität die relevanten Informationen zu filtern. Wer Botschaften übermitteln will, steht in Konkurrenz zu einer unübersehbaren Vielzahl anderer Sender und muss um Aufmerksamkeit kämpfen. Nur ein Bruchteil der verbreiteten Angebote kann Beachtung finden. Dabei ist die Masse jedoch nicht automatisch gleichzusetzen mit minderer Qualität. Auf Instagram werden am Tag durchschnittlich 80 Millionen Fotos geteilt. Die Marke mit den meisten Followern (88 Millionen) ist National Geographic – seit über hundert Jahren als Qualitätsprodukt anerkannt.

Alles bleibt anders – nur schneller

Mit der Digitalisierung erfolgte ein Strukturwandel der Medien, der in Ausmaß und Geschwindigkeit mit kaum einer Entwicklung in der Geschichte vergleichbar ist. Waren bis Ende der 1980er-Jahre die Rollen von Produzenten und Konsumenten von Nachrichten klar getrennt, haben sich diese Grenzen mittlerweile aufgelöst. Wer Informationen verbreiten möchte, kann das tun. Jederzeit. Überall. Mit dem Wandel des Mediensystems verändern sich jedoch nicht nur die Publikationsmedien, sondern auch die Erlösmodelle. Während jeder jederzeit eigene Inhalte mittels digitaler Medien verbreiten kann, wandern Werbegelder, die in der Vergangenheit journalistische Printmedien finanzierten, in eben diese Medien. Rubriken-Anzeigen sind aus den Zeitungen nahezu verschwunden. Autos, Immobilien und Jobs werden bequem und erfolgreich in digitalen Medien gesucht und gefunden. Diese Möglichkeiten, Milliarden Menschen zu erreichen, stehen in einem direkten Zusammenhang mit fallenden Auflagen und Autorenhonoraren bei Zeitungen und Zeitschriften. Die sinkenden Honorare renommierter Zeitungen und Zeitschriften gehen einher mit dem Wunsch der Auftraggeber, sich in immer größerem Umfang Nutzungsrechte übertragen zu lassen – um diese selber weiter zu verwerten. Eine Möglichkeit, den Journalismus durch die bezahlte Arbeit von Wort- und Bildjournalisten am Leben zu halten, scheint es nicht mehr zu geben. Fotojournalisten suchen daher immer öfter Einkommensquellen in der PR-Arbeit für Firmen und Verbände oder verlegen sich gleich auf die Hochzeitsfotografie.

Differenzierte Betrachtung

Auf dem Feld, das früher als Fotojournalismus bezeichnet wurde, ziehen technische Veränderungen wirtschaftliche nach sich. Wer professionell Bilder erstellen und von den Erlösen leben möchte, muss sich mit dem Markt beschäftigen und Felder suchen, die Fachwissen erfordern und zu denen nur diejenigen Zugang haben, die eben nicht nur gelegentlich mal ein nettes Bild machen, sondern dies professionell und regelmäßig tun. Die digitalen Techniken machen es möglich, dass, wer immer es möchte, Bilder aufnehmen und diese verbreiten kann. Die Digitalisierung hat den Bildermarkt komplett verändert. Bedingt durch das ständig steigende weltweite Angebot fallen Bildhonorare. Bestimmte Felder sind als Einkommensquellen verloren. War Reisefotografie vor einigen Jahren ein einträgliches Feld für Fotografen, die im Auftrag großer Magazine die Welt bereisten, wurde dieses Feld mittlerweile fast vollständig von Amateuren besetzt. Der Massenmarkt für touristische Themen wird problemlos von Stockagenturen mit Paketpreisen für Bildkonvolute bedient. Mittlerweile ist die Trennung des Marktes in zwei grundverschiedene Bereiche vollzogen. Dem Massenmarkt für Fotos, die auch engagierte und technisch versierte Amateure – die einfach aus Lust am Bildermachen agieren und nicht unter dem Zwang stehen, davon leben zu müssen – in sehr guter Qualität liefern, steht der Bereich gegenüber, zu dem nur professionelle Fotografen Zugang haben, die die dargestellten Themen inhaltlich durchdringen und in der Lage sind, die darzustellenden Sachverhalte angemessen zu visualisieren.

Generalisten im Abseits

Generalisten ohne klares Profil haben heute keine Chance mehr. Die Idee, Wissenschaftsthemen grundsätzlich so zu fotografieren, dass das rote Licht von rechts und das blaue von links kommt – oder umgekehrt – funktioniert nicht mehr. Fotografen müssen sich inhaltlich und geografisch dem Markt und den eigenen Fähigkeiten entsprechend aufstellen. In Berlin oder Hamburg zu sitzen und alles für jeden machen zu wollen, reicht als Geschäftskonzept nicht mehr aus. Wer eine bestimmte Honorarhöhe erwartet, muss Bilder liefern, die nicht ohne Weiteres von jedem Handybesitzer gemacht werden können. Wer sich eine berufliche Existenz aufbauen möchte, muss wissen, in welchen Regionen Fotografen gesucht werden.

Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen Heft „Pressefotografie“.

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