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“Die Welt von hinten”

Die Welt von hinten

Von Bernd Lammel

Die aktuelle Datenschutzrichtlinie der EU ist mehr als ein halbes Jahr in Kraft und hat Fotografen und Dokumentarfilmschaffende nachhaltig verunsichert. Bisher waren es fast immer juristische Aspekte, die heiß diskutiert wurden. Was macht dieses Gesetz aber mit unserer Sicht auf die Welt und mit der Arbeit von Fotojournalisten? Der Ruf nach Symbolfotos verdrängt das wahrhaftige Pressefoto. Werden Generationen nach uns im zeitgeschichtlichen Kontext nur noch die Matrix einer inszenierten und manipulierten Welt vorfinden?

Seit die neue DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) gilt, erleben wir zunehmend eine „Welt von hinten“. Da steht eine Kompanie der Bundeswehr stramm und wird in der Tagesschau von hinten gezeigt. Beim Blick auf die Bühne der Bundespressekonferenz im Editorial-Bildangebot von Getty Images verschwimmt in der Unschärfe, wer da vorn sitzt. Scharf gezeichnet sind die Hinterköpfe von ein paar Journalisten. Die Süddeutsche Zeitung illustriert einen Beitrag zur Rentenlücke mit einem von hinten aufgenommenen Seniorenpaar, das auf einer Parkbank im Grünen sitzt. Leser könnten meinen, der Fotograf saß wie ein Heckenschütze hinterm Busch. Die taz bebildert einen Artikel zur Genderdebatte mit einem Foto, das vermutlich beim Karneval der Kulturen aufgenommen wurde. Gesicht? Fehlanzeige. Die Tänzerin wird von hinten gezeigt. Frisuren statt Gesichter.

In der NITRO-Redaktion sammeln wir, seit uns diese Tendenz auffiel, Beispiele und sind innerhalb kürzester Zeit bereits auf über 100 gekommen. Kürzlich erlebte ich die Situation bei der Berichterstattung zur Grundsteinlegung einer Bundesbehörde in Potsdam sehr deutlich. Bei 200 Gästen war das Amt bezüglich der Einverständniserklärung von Personen zu Fotoaufnahmen genauso verunsichert wie die dpa. Im Dienst fanden sich Fotos ohne Menschen, und der Zimmermann, der das Prozedere der Grundsteinlegung vollzog, war ganz allein „von hinten“ zu sehen.

Gehen wir dem Ende der freien Pressefotografie entgegen? Erwartet uns eine fotografische Medien-Welt, die ihre Wahrhaftigkeit verliert? Gesicht(er) zeigen wäre heute notwendiger denn je. In der Gegenwart von Desinformationen mit „alternativen“ Fakten müsste dem Pressefoto ein großer Stellenwert zukommen, unsere soziale Umwelt wahrhaftig darzustellen. Es hätte die Fotos von Henri Cartier-Bresson nie gegeben, wenn er den Menschen, die er so würdevoll fotografierte, vor der „Datenerhebung“ eine mehrseitige Einverständniserklärung unter die Nase gehalten hätte. Der Reiz des echten Moments, der mit einem Ausschnitt von hundertstel Sekunden eine ganze Geschichte im sozialen oder politischen Umfeld erzählt, wäre sofort verflogen. Alle nachgestellten Szenen haben den Geruch der Fälschung an der Wahrheit. Unser Autor Jan Köhler-Kaeß schrieb in dieser Zeitschrift schon 2007 über die Diskrepanz von Rechtsauffassungen und dem Bedürfnis der Gesellschaft nach echten Informationen. Dabei beschrieb er, wie Verfehlungen im Umgang mit Persönlichkeitsrechten, die wir häufiger bei Boulevardblättern und der Yellow Press erleben, genutzt wurden, den Beruf immer mehr in die Zange zu nehmen. Die DSGVO war noch nicht mal angedacht, als er schrieb: „Das Recht, Bilder zu machen, wird immer mehr eingeschränkt … Die Rechte am eigenen Bild werden immer mehr ausgeweitet … Damit ergeben sich gigantische Möglichkeiten zu prozessieren“. Köhler-Kaeß beschrieb eine Zukunft, in der sich niemand mehr vorstellen kann, dass es eine Zeit gegeben haben könnte, in der Pressefotos nicht inszeniert wurden.

Es gibt Situationen, die können in der realen Welt der Umstände halber nicht fotografiert oder gefilmt werden. So wurde ich in den 1990er-Jahren vom Magazin FOCUS beauftragt, eine Geschichte zum Thema Wilderei in den dünn besiedelten Waldgebieten im nördlichen Brandenburg zu fotografieren. Die Wilderer kamen an Wochenenden meist nachts mit SUV über die A2 aus Niedersachsen, hinterließen Kadaver mit abgetrennten Trophäen und verschwanden wieder. Das lässt sich in Worten gut beschreiben. Eine Verabredung zum Foto ist eher unwahrscheinlich. Das Aufmacher-Foto habe ich in realer Umgebung einer Lichtung mit echten Jagdgewehren, falschen Wilderern und einer Nebelmaschine nachgestellt. Eine Trophäe ragte schon aus dem Kofferraum. Das Foto wurde von der Redaktion mit einem roten Balken mit der Aufschrift „Szene nachgestellt“ veröffentlicht. Heute ist eine solche Kennzeichnung quer durch den Blätterwald kaum noch üblich. Ab und an steht bei einem Foto eines Einbrechers mit Brechstange, das mit dem Weitwinkelobjektiv aus 50 Zentimeter Entfernung aufgenommen wurde, noch der Hinweis „Symbolfoto“. Die Perspektive zeigt selbst ungeübten Betrachtern, dass es keine reale Situation ist. Das Model hatte dann die schriftliche Einverständniserklärung vor der Aufnahme, wie es die DSGVO vorschreibt, schon unterschrieben oder wurde von hinten gezeigt.

Wie praxisfremd und feindlich gegenüber dem freien Bildjournalismus die neuen Regeln sind, wird jeder merken, der die engen Grenzen des im Gesetz verankerten Presseprivilegs ausloten will. Es gilt nur, wenn ein redaktioneller Auftrag vorliegt oder die Bildautoren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig sind. Freie Fotojournalisten haben Schwerpunkte, die sie meist über Jahre in Langzeitprojekten verfolgen. Redaktionen interessieren sich erst, wenn sichtbare Ergebnisse vorliegen. Solange bewegen sie sich rechtlich auf dünnem Eis.

Gerade Agenturen, aber auch einzelne Urheber, leben von der Zweitnutzung. Vielleicht hat der dpa-Fotograf den Zimmermann in gesichtsloser Pose von hinten fotografiert, damit eine spätere Zweitvermarktung möglich wird. Das wahrhaftigere Motiv wäre es gewesen, den hammerschwingenden Zimmermann und eine applaudierende Gästeschar zu zeigen. Dieses Motiv wäre nach DSGVO mit dem Presseprivileg vereinbar, aber eine spätere Nutzung beispielsweise im Corporate-Media-Magazin einer Baufirma setzt das vorherige Einverständnis der Abgebildeten voraus. Zweifellos ist das ein Schutz der Persönlichkeitsrechte.

Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen Heft „Pressefotografie“.

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