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Heft 31

“Wir sind die Roboter”

Wir sind die Roboter

Von Andrew Weber

Die Angst, durch künstliche Intelligenz überflüssig zu werden, hat längst auch die schreibenden Journalisten erreicht. Zeitungen und Agenturen setzen Systeme wie Heliograf bereits im Alltag für Meldungen ein, und die machen ihren Job auch noch so gut, dass selbst die Leser den Artikeln Bestnoten geben. Es gibt jedoch keinen Grund zur Besorgnis. Die Probleme liegen meiner Meinung nach ganz woanders.

Eines der Lieblingsschlagworte von Politikern und denen, die es werden wollen, ist die Digitalisierung. Dieser Begriff klingt schließlich nach Fortschritt, und wer will da schon hintenanstehen? Der Druck ist groß, denn kein geringer als China hat sich vorgenommen, bis 2030 federführend im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zu sein. Da gibt sich die Bundeskanzlerin besorgt. „Wir müssen überlegen, wie können wir da mithalten“, dachte sie im Mai 2018 laut auf einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), kurz nachdem endlich das Kabinett stand. Es wurde schnellstens gehandelt. So haben wir nicht nur einen IT-Rat und eine Staatsministerin für Digitalisierung, sondern neuerdings sogar ein Digitalkabinett! In seiner ersten Sitzung befasste sich dieses mit – Sie erraten es – künstlicher Intelligenz. Es sind aber nicht nur die Chinesen auf diesem Gebiet aktiv, auch die US-Amerikaner legen nicht die Hände in den Schoß. Zum Beispiel die berühmt-berüchtigte Wirtschaftsberatung McKinsey. Die hat sich ebenfalls das Jahr 2030 als Zielmarke ihrer Untersuchungen gesetzt und ausgerechnet, wie viele Arbeitsplätze denn bis dahin durch „Automatisierung“ verloren gehen könnten: 73 Millionen. In den USA. Weltweit rechnet McKinsey mit einem Verlust von bis zu 800 Millionen Jobs.1 Auch Journalisten werden betroffen sein, Verzeihung, sind betroffen. Die Washington Post zum Beispiel setzt seit Sommer 2016 auf eine KI namens Heliograf. 850 Meldungen schaffte der „digitalisierte Redakteur“ in seinem ersten Jahr. Mittlerweile dürften es einige Tausend geworden sein. So sieht übrigens eine Sportmeldung von Heliograf im Original aus:

Es handelt sich hierbei um die Nachricht, dass der Highschool-Football-Verein Landon die Mannschaft von Whitman 34 zu 0 geschlagen hat. Die Washington Post sagt, dass sie für die meisten Meldungen, die die KI verfasst, keine Mitarbeiter einsetzen wolle. Auch die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) setzt auf KI und will damit erreichen, dass Journalisten mehr hochwertige Arbeit leisten. Bei Meldungen aus dem Finanzsektor sollen nach Angaben des ehemaligen AP-Managers für Strategie und Unternehmensentwicklung, Francesco Marconi, sogar die Fehlerquoten gesunken sein und sich der Output verzehnfacht haben.

Ähnliches gilt im Übrigen auch für die Glaubwürdigkeit von Nachrichten dieser Art. So haben Kommunikationswissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München bereits 2016 herausgefunden, dass Leser bestimmte von Computern erstellte Texte bevorzugen.2 Die Forscher baten 986 Probanden, Nachrichtentexte zu lesen und zu beurteilen. Resultat: Immer, wenn die Leser glaubten, ein Mensch, also ein Journalist, habe die Nachricht verfasst, gaben sie dieser eine bessere Note – auch, wenn die Meldung von einer KI verfasst wurde. Mario Haim, einer der Verfasser der Studie, vermutet, dass die größere Präzision ursächlich für den Ausschlag Richtung „Maschine“ sein könnte. Denn in den Meldungen ging es einmal um ein Fußballspiel und einmal um die börsliche Entwicklung eines Zulieferers der Automobilindustrie. Haim: „Die automatisch generierten Texte sind sehr Fakten- und Datenlastig. Zahlen werden bis auf die zweite Komma­stelle genannt. Wir nehmen an, dass das zur Glaubwürdigkeit beiträgt.“ In Europa sind bereits die ersten Sportjournalisten einer KI zum Opfer gefallen. Der Schweizer Medienkonzern „Tamedia“ verzichtet ab 2019 auf Meldungen der Schweizer Depeschenagentur (SDA). Dort stehen nun 18 Arbeitsplätze auf dem Spiel.3 Das Tamedia eigene Tool „Tadam Sport“ wird ab dem kommenden Jahr die Erstellung von Sportmeldungen übernehmen. Es kommen Veränderungen auf uns zu, ohne Frage und es werden Kollegen auf der Strecke bleiben. Bitter, aber wir werden diese Kröte schlucken müssen.

Man muss es ja nicht unbedingt wie Daimler-Boss Dieter Zetsche ausdrücken.  Als dieser im Interview mit dem Deutschlandfunk auf den Abbau von Arbeitsplätzen bei einer Umstellung auf eine Elektroautoproduktion angesprochen wurde, fiel auch dieser Satz: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Heizer auf der E-Lok zu vereinbaren.“ Soll heißen: Was nicht mehr notwendig ist, wird gestrichen. Machen wir uns nichts vor, es wird im Journalismus weiterhin einen Stellenabbau geben, die KI wird daran allerdings nur einen geringen Anteil haben. Dass die Kaufleute in den Verlagen alles Mögliche ausprobieren, um die Kosten zu senken, wissen wir schließlich nicht erst seit der KI beziehungsweise dem Modebegriff „Digitalisierung“. Schon die Setzer konnten in den 1970er-Jahren ein Lied davon singen, mit den Grafikern und Fotografen ging es weiter, nun sind einige Fachbereiche der Schreiber dran. Es ist nur verständlich, dass Journalisten beunruhigt sind, aber die Digitalisierung hat im Journalismus längst Einzug gehalten. Wir sind die Roboter, wenn wir alles mit uns machen lassen. Wozu da noch eine KI?  Print verliert, Online wächst, doch die dauerhafte Finanzierung von Online-Ausgaben der etablierten Zeitungen und Zeitschriften ist noch längst nicht gesichert. Der Wandel vom Festangestellten zum „Freien Mitarbeiter“ ist weiterhin im Gange. Wenn man sich schon Sorgen macht, dann darüber, und Verlegern Grenzen setzen. Tatsächlich aber sollten Journalisten keine Angst davor haben, in Zukunft überflüssig zu werden.

Ob Print oder Online, der Löwenanteil an Meldungen und Nachrichten wird auch in Zukunft von Menschen verfasst. Ganz zu schweigen von Darstellungsformen wie Reportage, Feature, Porträt, Kommentar oder Glosse. Zudem müssen selbst Politiker fürchten, von digitalen Kollegen ersetzt zu werden. Westlich von Tokio, in Tama City, stand eine KI als Bürgermeisterin zur Wahl. Ihr Name: Machihito Matsuda.4 Ihr Motto: Betrug und Interessenkonflikte verhindern. Sie verlor zwar, holte aber immerhin zehn Prozent der Stimmen. Bei der nächsten Wahl soll sie wieder antreten.

Fußnoten

1 (www.mckinsey.com)
http://tinyurl.com/ycqloobl

2 (www.uni-muenchen.de)
http://tinyurl.com/yc5fmoja

3 https://tinyurl.com/yddecx8f

4 (www.golem.de)
http://tinyurl.com/ya9abjy7

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