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Heft 31

“Gefangen im Netz der GAFA!”

Gefangen im Netz der GAFA!

Von Albrecht Ude

Europa hat es verpasst, seinen Platz in der digitalen Welt zu gestalten. Die digitale Welt nimmt Formen an und dabei entstehen – wie könnte es anders sein – Machtzentren. Europa ist nicht dabei. Hier werden, trotz aller Digitalisierungsversprechen, die wichtigen Themen übersehen.

Deutschland schafft sich ab“, das war der Titel eines Buches, das viel gekauft wurde. Der Verfasser konnte sich über viele Tantiemen freuen und war gefragter Vortragsredner.

Eine böse Ironie ist dabei, dass ebendieses Buch und sein Verfasser gerade ein Beitrag dazu waren, Deutschland „abzuschaffen“, jedenfalls wenn es um Liberalität, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit geht. Bekanntermaßen Werte, die Populisten nicht wirklich schätzen.

Wer in Berlin wohnt, kann jeden Tag sehen, wie sich die Politik dieses Herrn bis heute auswirkt: Die Berliner Verwaltung, die bestimmt nicht nur aus lahmarschigen Bürokraten besteht, ist so ausgezehrt, dass sie die Stadt zum Gespött macht. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall geht es den betroffenen Bürgerinnen an die Existenz.

So haben Alleinerziehende, meist Frauen, die vom anderen Elternteil um den Unterhalt geprellt werden, Anspruch auf Unterhaltsvorschuss vom Staat. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass der schnell kommen muss, sonst nützt er nichts. In Berlin dauert das zuweilen Monate. Genauer: Im zweiten Halbjahr 2017 wurden 6 972 Fälle erst nach über drei Monaten positiv beschieden, wie Laura Hofmann am 13. Juli im Tagesspiegel schrieb. Und das geht so seit Jahren.

Für eine gut funktionierende Verwaltung spricht solch ein Faktum nicht. Und für die Politik und die Medien spricht es nicht, dass solch ein stiller Skandal nicht öfter zum Thema wird.

In der öffentlichen Debatte dominieren Aufregerthemen, während die wirklich wichtigen Themen kaum diskutiert werden. Das gilt auch für die Zukunftsfähigkeit Europas und der Europäischen Union.

Einige Beispiele, einige tägliche, stille Skandale, die in der Gesamtschau ein desaströses Bild der Zukunftsfähigkeit Europas geben.

Die digitale Sklaverei der Apps

Wer ein Smartphone besitzt und Apps nutzt, weiß es: entweder kommt die App von iTunes, dem App-Store von Apple, oder man holt sie bei Google Play vom gleichnamigen Konzern. 2018 werden in beiden Shops zusammen 375 000 Apps heruntergeladen – pro Minute, weltweit.1

Die Deutsche Bahn (eine Aktiengesellschaft, die zu hundert Prozent dem deutschen Staat gehört) etwa bietet den DB Navigator an. Die App bietet viele nützliche Funktionen. Aber wer sie nutzen will, muss ein Konto bei Apple oder bei Google betreiben. Was heißt: seine Daten einem dieser Konzerne übergeben.

Wieso eigentlich? Man möchte doch lediglich die Angebote der staatlichen Deutschen Bahn nutzen, wieso muss dabei einer von zwei amerikanischen Konzernen mitspielen? (Im Falle von Blackberry der Blackberry Store oder der Amazon App Store).

Es gibt auch einen „freien“ App Store namens F-Droid. Wer Apps bei Google Play einstellt, könnte sie auch dort verbreiten, aber das tun die wenigsten Anbieter.

Suchmaschinen und Überwachung

Suchmaschinen sind Alltagsgeräte, aber auch heikle. Sie sind zunächst einmal nützlich und bequem. Man gibt eine Suchabfrage ein und bekommt eine Trefferliste. Man kann sagen, dass das Recherchieren durch Suchmaschinen demokratisiert und befördert worden ist. So weit, so schön. Aber mal ein tieferer Blick.

Was macht eigentlich so eine Suchmaschine? Sie importiert und exportiert Daten. Genauer: Spezielle Programme, sogenannte Searcher, durchsuchen permanent das Internet, nämlich einen Teil des World Wide Web, das so genannte Oberflächenweb (Surface Web), jenen Teil des weltweiten Netzes, der durch Mausklicks erreicht werden kann. Die Searcher suchen nach Webseiten, die neu sind und die sie noch nicht kennen oder die seit dem vorigen Besuch geändert, also aktualisiert wurden.

So gefundene Seiten werden vom Parser, einem weiteren Programm, analysiert. Grob gesagt, streicht der Parser alles weg, was nicht der eigentliche Inhalt der Webseite ist, beispielsweise Werbung.

Was der Parser von einer Webseite übrig lässt, wird dann vom dritten Programm, dem Indexer verarbeitet. Dieses Programm analysiert genau, welche Wörter und Bilder auf der Webseite vorkommen, und baut daraus eine Datenbank, den Index der Suchmaschine, auf (oder gleich mehrere, einen für Texte, einen für Bilder und andere mehr).

Dieser Index ist jene Datenbank, die Nutzer der Suchmaschine dann (meist kostenfrei) durchsuchen können. Jede Suchmaschine bietet dafür spezielle Kommandos (Operators) an, um Suchanfragen zu verfeinern.

Soweit der Import von Daten. Der Export beginnt, sobald ein Nutzer eine Suchanfrage abschickt. Allein die Suchmaschine Google verarbeitet 3,7 Millionen Suchanfragen von Nutzern – pro Minute, weltweit.1

Sucht jemand nach „Pizza“, schaut die Suchmaschine zunächst, auf wievielen im Index gespeicherten Dokumenten diese Zeichenkette vorkommt – viele Hundert Millionen Treffer. Schon dabei können Treffer aussortiert werden, die auf einer schwarzen Liste stehen und nicht angezeigt werden – weil  lokale Gesetze, Regierungen oder Behörden das verlangen („Recht auf Vergessen“) oder weil die Suchmaschine es selbst so festlegt, etwa wenn Seiten betrügerisch oder schädlich sind.

Danach greift das Ranking: Die Algorithmen der Suchmaschine bestimmen, welche Ergebnisse in welcher Reihenfolge angezeigt werden. Die Suchmaschine analysiert auch, wer da sucht (History, gespeicherte Profildaten), von wo er sucht (Lokalisierung), mit welchem Browser und mit welchem Gerät; die Ergebnisse sind also personalisiert. Insbesondere selbstverständlich, welche Treffer auf der ersten Ergebnisseite erscheinen, die jeder Nutzer sieht.

Dazu kommt noch etwas, was nicht ohne Weiteres ersichtlich ist: Jede Suchmaschine hat die Datenbank, in der verzeichnet ist, was wo im WWW zu finden ist. Daneben betreibt sie eine zweite Datenbank, in der gespeichert wird, wer wonach sucht – eine Datenbank über die Interessen der Nutzer!

Es liegt auf der Hand, dass der Betrieb einer Suchmaschine teuer ist. Die Daten zu sammeln und dann in Echtzeit 3,7 Millionen Abfragen minütlich zu verarbeiten, kostenfrei für die Nutzer, nur durch Werbung finanziert – da kommen Hunderte Millionen an Kosten für Strom, Rechenzentren, Leitungskapazitäten, Personal und anderes zusammen.

Es liegt ebenso auf der Hand, welche Macht eine Suchmaschine hat: Sie entscheidet, was sie in den Index aufnimmt. Sie entscheidet, was sie aus dem Index ausgibt. Sie weiß genau, wonach die Nutzer suchen – sehr intime Informationen. Wer wäre bereit, einem Mitmenschen alle jemals gemachten Suchabfragen zu zeigen? Und selbstverständlich: Für eine Datenbank, in der gespeichert ist, wer wonach sucht, interessieren sich auch die Schlapphüte.

Bezeichnenderweise gibt es weltweit nur vier große Suchmaschinen, die einen relevanten Teil des WWW abbilden: Google (USA), Bing von Microsoft (USA), Yandex (Russland) und Baidu (VR China). Drei Machtzentren dieser Welt – Europa fehlt.

Nach Informationen des Online-Magazins The Intercept plant Google übrigens eine Suchmaschine für China – die die dortigen Zensurbestimmungen respektiert!2

Die Ödnis der sozialen Netze

Beispiel drei: Die „sozialen“ Netze. Auch hier zeigt ein Blick auf die Weltkarte dasselbe Bild wie bei Suchmaschinen. Weltweit dominiert Facebook, in Russland ist Vkontakte (russisch für „in Verbindung“, vk.com) der Marktführer, in der VR China ist es QZone des Konzerns Tencent. In einigen Ländern gibt es andere Marktführer, aber das Gesamtbild interessiert. In allen Staaten der EU ist Facebook der Marktführer.

Für soziale Netze gilt das Metcalfesche Gesetz. Je mehr Nutzer ein Netz hat, desto lohnender ist die Nutzung, weil die Kontaktmöglichkeiten exponentiell ansteigen.3

Das Problem ist aber: Wenn ich mich mit jemandem vernetze und dabei Daten anfallen, warum muss (darf) es eine Partei geben, die Zugriff auf alle dabei anfallenden Daten hat. Und muss das ausgerechnet der Facebook-Konzern sein, der wegen vieler Datenschutzverstöße übel bekannt ist?

Alternativen gibt es, zum Beispiel das dezentral aufgebaute Diaspora. Aber dessen Nutzerzahlen sind, verglichen mit den kommerziellen Netzen, winzig.

Die Liste von Beispielen ließe sich fortsetzen, zum Beispiel bei den Betriebssystemen. Faktisch gibt es nur Windows (Microsoft), Android (Google) und MacOS (Apple). Das quelloffene und kostenfreie Linux wird zwar für die meisten Server im Netz verwendet, findet sich auf Desktops und anderen Geräten aber nur selten – warum eigentlich?

Schaut man sich an, welche Firmen weltweit genug Daten sammeln um im Bereich Big Data aktiv zu werden, gibt es wieder ein klares Bild. Für vier dieser Konzerne gibt es schon das Akronym GAFA: Google, Apple, Facebook, Amazon. Weiter zu nennen sind Microsoft, Tencent und Alibaba (die beiden letzten aus der VR China). Schon wieder eine Liste, in der Europa fehlt.

Also was tun?

Jetzt mit Hochdruck eine europäische Suchmaschine, ein europäisches soziales Netz oder andere zentralistische Projekte zu starten, das wäre der falsche Weg. Wer andere nur kopiert, wird verlieren. Man muss sie übertreffen!

Die Lösung wäre, nicht eine neue Suchmaschine zu schaffen, sondern nur den Index, die Datenbank, die das WWW abbildet. Und diesen dann für alle Programmierer zu öffnen. Wer kann und mag, schreibt dann seine eigene Suchmaschine. Damit hätte man nicht einen neuen Konzern, sondern eine echte neue Infrastruktur! Einen detaillierten Vorschlag dazu gibt es von der Initiative Open Web Index.4

Apps: Warum verpflichtet man nicht alle europäischen Anbieter von Apps, ihre Programme auch in einem freien Store (zum Beispiel F-Droid) anzubieten?

Soziale Netze: Warum nicht ein dezentrales Netz ohne zentralen Überwacher (zum Beispiel Diaspora) voranbringen? Das ginge ganz einfach: Würden alle europäischen Hochschulen, die an ihre Studenten schon heute Mailadressen vergeben, diesen bei Studienbeginn auch gleich einen Account dort anlegen und die Uni-interne Kommunikation darüber abwickeln, gäbe es in wenigen Jahren sehr viele Nutzer dieser Alternative. Und die würden die Vorteile schnell begreifen.

Europas Stärke sind die Dezentralität und die Vielfalt, nicht Konzerne!

Oder in den Worten von Andrew Sullivan, dem Chef der Internet Society (ISOC): „Im Kern aber bleibt unbestreitbar, dass ein Netz, das Sender und Empfänger ohne Boss in der Mitte verbindet, ein wunderbares System ist.“5

Fußnoten

1 What Happens in an Internet Minute in 2018?

Jeff Desjardins. – 14.05.2018

What Happens in an Internet Minute in 2018?

2 Google Plans to Launch Censored Search Engine in China, Leaked Documents Reveal

Ryan Gallagher. – The Intercept, 01.08.2018

https://theintercept.com/2018/08/01/google-china-search-engine-censorship/

3 Soziale Netzwerke: Facebooks Macht steckt in dieser Formel.
Warum beendet kein besseres Netzwerk die Alleinherrschaft von Facebook? Die Antwort lautet V ∝ n². Das Metcalfesche Gesetz erklärt, warum das Internet Monopole fördert.
Ein Gastbeitrag von Tilman Baumgärtel. – Zeit online, 15.04.2018
http://www.zeit.de/digital/2018-04/soziale-netzwerke-facebook-mark-zuckerberg-
algorithmus-metcalfesches-gesetz/komplettansicht

4 Für einen europäischen Web-Index

Der Open-Web-Index

5 Missing Link: Der Angriff auf das offene Internet und die Ethik des Netzes. Ein wahrer Wettlauf zu neuen Überwachungsgesetzen ist im Gange. Der neue Chef der Internet Society sieht darin auch einen Angriff auf das Netz auf breiter Front. Interview von Monika Ermert. – heise Newsticker, 05.08.2018
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Der-Angriff-auf-das-offene-Internet-und-die-Ethik-des-Netzes-4129289.html?seite=all

Albrecht Ude ist Journalist, Researcher und Recherche-­Trainer. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte sind die Recherchemöglich­keiten im Internet.

www.ude.de

Credits Titelbild: Google, Apple, Facebook, Amazon

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