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Argentinisches Tagblatt: Relikt aus einer anderen Zeit
Philipp Boos 
Ausland

Argentinisches Tagblatt: Relikt aus einer anderen Zeit 

Dieses Jahr feiert das Argentinische Tagblatt seinen 125 Geburtstag und berichtet weiterhin – inzwischen allerdings nur noch wöchentlich – in deutscher Sprache über Politik, Wirtschaft und Kultur. Gegründet wurde die Zeitung vom Schweizer Auswanderer Johann Alemann.

Von Philipp Boos 

Buenos Aires ist die Stadt der tausend Buchläden, des Tangos, die Melodie des Bandoneons ist omnipräsent. Im ältesten Stadtteil San Telmo quellen die Straßenstände über mit einzigartigen Antiquitäten. Am Ende der Gasse gibt es einen dieser an Paris erinnernden Kioske, der in seiner Auslage auch eine deutschsprachige Zeitung anbietet: das Argentinische Tageblatt, das am 29. April 1889 zum ersten Mal erschien. 

Der Kioskbesitzer Oscar Alfredo Goria ist ein Indio aus Salta, der nordwestlichsten Region des Landes. Bei ihm kommen auf wenigen Quadratmetern ganz verschiedene Argentinien zusammen – die Einwanderernation schlechthin in Südamerika. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luise Borges sagte einmal, dass mit Buenos Aires „ein Stück peripheres Europa an der Südspitze Amerikas“ entstanden sei. Die Mündung des Rio de Plata war Zufluchtsort für Menschen aus allen Teilen  Europas. Das Argentinische Tageblatt ist Teil dieser Geschichte. Der liberale Journalist Alemann (das zweite “l” ließ er aus Gründen der argentinischen Aussprache streichen) war 1874 ins Land gekommen.

Tageblatt was eine von vielen fremdsprachigen Einwandererzeitungen

Vier Ausgaben verkaufe er derzeit durchschnittlich in der Woche, sagt Kioskbesitzer Oscar A. Goria, in den 1990-er Jahren waren es noch zehn.  

Das Wochenblatt wurde bei seiner Gründung im Landesinneren vor allem für die Agrarkolonisten in Buenos Aires und im Ausland vertrieben und konnte sich durchsetzen, da sie die Informationswünsche der Deutschsprechenden erfüllte. (An dieser Stelle noch einmal kurz erklären, wann und wie das Wochenblatt gegründet wurde, um dann ab 1889 täglich zu erscheinen. Das Argentische Tageblatt feiert offiziell auch sein 125. Jubiläum, und da sind die Angaben zum Wochenblatt, das vorher erschien, irritierend. Bei WIKIPEDIA steht es übrigens falsch) 

1889 wurde das Wochenblatt schließlich zum Tageblatt und blieb es bis 1981. Seitdem erscheint es wieder nur einmal in der Woche, behielt seinen Namen aber bei. „Heute ist es neben dem Buenos Aires Herald das letzte Relikt dieser Epoche der argentinischen Geschichte,“ sagt Chefredakteur Stefan Kuhn.

Wöchentliche Analysen der Argentinischen Wirtschaftspolitik

Neben französischen, italienischen und englischen Zeitungen war das Tageblatt eine von vielen fremdsprachigen Einwandererzeitungen. Die nazifreundliche Deutsche La Plata Zeitung musste mit der Kriegserklärung Argentiniens an die Achsenmächte am 27. März 1945 geschlossen werden. 

Aktuell wird das Tageblatt von den Urenkeln des Gründers, Roberto T. und Juan E. Alemann, herausgegeben. Ihr Vater Ernesto Alemann hatte die Zeitung bis zu seinem Tode 1982 geführt. Beide sind renommierte Wirtschaftsexperten. Der Ältere, Roberto Alemann (91 Jahre), war in zwei Regierungen Wirtschaftsminister und unter anderem Botschafter in Washington; Juan Alemann (86 Jahre) Staatssekretär für Finanzen. Ihre wöchentlichen Analysen der Argentinischen Wirtschaftspolitik sind messerscharf, und nach wie vor sind sie mehrmals in der Woche im Redaktionsgebäude anzutreffen, das in der Ciudad de la Paz im bürgerlichen Stadtteil Belgrano liegt.

„Für die Immigranten war das Tageblatt sehr wichtig, weil wir mehr Informationen über Europa brachten als die argentinischen Blätter“, erzählt Juan Alemann über die besseren Zeiten des Blattes. Außerdem sprachen viele kein Spanisch, was vorteilhaft für das Tageblatt war. 

Der wirtschaftliche Erfolg wurde vor allem durch die hauseigene Druckerei mit 15 Bleisatzmaschinen gewährleistet. Mit Druckaufträgen finanzierte man unabhängigen Journalismus für eine anwachsende deutschsprachige Gemeinde.

Chefredakteur Stefan Kuhn vom Tageblatt. Die Zeitung wurde 2012 mit dem Medienpreis „Dialog für Deutschland“ von der Stiftung Verbundenheit ausgezeichnet. Foto: Philipp Boos:

Hochinflation Argentiniens in den 1975er-Jahren

Doch die Einwanderung ging spätestens mit der ersten Hochinflation Argentiniens in den 1975er-Jahren zurück, die Gemeinde verzeichnete einen Rückgang. Die Druckerei musste 1979 aufgrund neuer, günstigerer Drucktechniken aufgegeben werden, der Rückgang deutscher Firmen in Argentinien mit den wirtschaftlichen Krisen ab den 1970er-Jahren und damit der Einbruch des Anzeigenmarktes sind weitere Gründe dafür, warum heute nur noch 20 Mitarbeiter in der Redaktion arbeiten. In seiner Hochzeit hatten Druckerei und Redaktion des Argentinischen Tageblatts zusammen 300 Mitarbeiter.  

Juan Alemann lehnt sich in seinem Ledersessel zurück, während sein älterer Bruder gerade die tagesaktuelle Presse sichtet und dabei erzählt: „Argentinien ist für die Deutschen nicht mehr so interessant. Brasilien liegt da viel weiter vorn, vor allem bei deutschen Firmen wie Volkswagen und Mercedes. Brasilien war unter den verschiedensten Regierungen außerdem immer sehr aufgeschlossen gegenüber dem Auslandskapital. Das war in Argentinien immer viel schwieriger.“ 

Sprachrohr des Exils und Waffe gegen den Nationalsozialismus

Bemerkenswert ist die Haltung des Blattes zu den großen Europäischen Krisen. In den 1930er- und 1940er-Jahren machte es der damalige Herausgeber Ernesto T. Alemann, ein Enkel des Gründers und Vater von Roberto und Juan Alemann, zu einem Sprachrohr des Exils und einer Waffe gegen den Nationalsozialismus. Das sei die wichtigste Zeit des Blattes gewesen, sagen die Brüder. 

„Das Tageblatt war in der Periode des Nazismus die einzige deutschsprachige Zeitung in der ganzen Welt, die wirklich kämpferisch gegen den Nationalsozialismus auftrat,“ erzählt Roberto Alemann. Zu dieser Zeit hatte das Tageblatt eine Auflage von etwa 20 000 Exemplaren täglich. Heute liegt die Auflage bei etwa 8 000 Stück.

Ernesto Alemann studierte während der Kaiserzeit in Deutschland und erlernte in München das journalistische Rüstzeug. Chefredakteur Stefan Kuhn: „Er gewann während seiner Wirkungszeit namhafte Autoren für die Zeitung, aus Berlin schrieb der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, aus München Hans Christian Bry, ein Literat, der frühzeitig die Gefahr des Nationalsozialismus erkannte.“ Die oppositionelle Haltung der Zeitung gegen Hitler-Deutschland führte 1936 unter anderem zur Aberkennung von Ernesto Alemanns Doktortitel, in Deutschland lebende Redakteure des Tageblatt wurden des Landes verwiesen. 

Feuchtwanger und die Brüder Mann wurden im Tageblatt veröffentlicht

Auch innerhalb der Deutschen Gemeinschaft in Argentinien kam es mitunter zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. So gab es Bombendrohungen und unzählige Einschüchterungsversuche gegen die Herausgeber, zum Beispiel durch den „Deutschen Volksbundes für Argentinien“, Mitarbeiter der Zeitung wurden verprügelt. Hitler verbot schließlich die Verbreitung der Zeitung im Dritten Reich.

Dennoch waren es vor allem die Europäischen Krisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die dem Tageblatt eine stetig steigende Auflage bescherten. „Mein Vater war verliebt in die Deutsche Kultur und wollte sie erhalten“, sagt Juan Alemann. In Deutschland stand die Kultur still, freie Meinungsäußerung wurde von den Machthabern als Utopie müde belächelt, während sich in Südamerikas europäischster Stadt die literarische und deutschsprachige journalistische Prominenz die Ehre gab. Artikel von Lion Feuchtwanger, den Gebrüdern Mann, Alfred Kerr und Manfred George wurden im Tageblatt veröffentlicht. Stefan Zweig und Albert Einstein gratulierten dem Tageblatt im April 1939 zum 50. Geburtstag. Juan Alemann: „Ein intellektueller Aufschwung, der ohne Hitler nie möglich gewesen wäre.“

1993 verkaufte der Verlag die verstaubte Druckerei und den Verlagssitz und beschränkt sich ausschließlich auf die Herausgabe des Argentinischen Tageblatts. Seit der ersten Ausgabe im Jahre 2000 erscheint die Zeitung im handlichen Kleinformat und mit Farbseiten. „Der Verlag kam damit einem in einer Umfrage ausgesprochenen Wunsch der Leser nach“, erzählt Chefredakteur Stefan Kuhn. 

Nach 125 Jahren ist das Tageblatt noch eine anspruchsvolle Zeitung

Die Redaktion besteht heute aus drei festen Journalistinnen und Journalisten, in Deutschland ausgebildet. Sie arbeiten an der Wochenausgabe und versuchen dabei, dem stets aktuelleren Internet die Stirn zu bieten. Sport- und Politikredakteur Marcus Christoph analysiert unter anderem die Tagespolitik in Argentinien, und Präsidentin Christina Kirchner ist ein Schlagzeilengarant. 

Chefredakteur Stefan Kuhn beobachtet die Geschehnisse in Deutschland und weltweit. Seine Kommentare sind bissig und stehen somit in der bedingungslosen demokratisch-liberalen Tradition der Zeitung. Die Rheinländerin Susanne Franz ist Kulturredakteurin und kennt das Kunst- und Kulturleben der Stadt am Rio de la Plata wie ihre Westentasche und betreibt parallel die unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft stehende Webpräsenz www.kunstinargentinien.com. Auch nach 125 Jahren ist das Tageblatt eine anspruchsvolle Mischung aus aktuellen Nachrichten, Hintergrundberichten, Kulturinformationen, Veranstaltungshinweisen, Unterhaltung und Berichten aus dem deutschen Vereinsleben in Argentinien.

2012 wurde das Tageblatt mit dem Medienpreis „Dialog für Deutschland“ von der Stiftung Verbundenheit und der Arbeitsgemeinschaft internationale Medienhilfe (IMH) ausgezeichnet, um den Stellenwert von

Foto: Philipp Boot: Das Tageblatt wurde 2012 mit dem Medienpreis „Dialog für Deutschland“ von der Stiftung Verbundenheit und der Arbeitsgemeinschaft internationale Medienhilfe (IMH) ausgezeichnet

deutschsprachigen Medien im Ausland zu fördern. Der mit 5 000 Euro dotierte Preis wurde vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert an Chefredakteur Stefan Kuhn übergeben. 

Seit 14 Jahren ist das Tageblatt auch im Internet präsent. Unter www.tageblatt.com.ar gibt es jeden Dienstag im PDF-Format die neuesten Nachrichten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport in Argentinien.

 

Kontakt: 
Ciudad de La Paz 1410 (Ecke Virrey Arredondo)
C 1426 AHB – Buenos Aires Hauptstadt – Argentinien
Tel.: +54-11- 4782-5104 Durchwahl 14
e-mail: info@tageblatt.com.ar

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