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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Kolumne

Heide-Ulrike Wendt is lost between Günther Öttinger and Coffee to go 

Come in & go outlet

Vorigen Freitag war ich wieder mal beruflich mit der Straßenbahn unterwegs, diesmal ging es vom U-und S-Bahnhof Eberswalder Straße Richtung Oberbaumbrücke. Um diese Zeit sinnvoll zu nutzen, denn entlang der Danziger-Petersburger-Warschauer gibt es nicht ganz so viel zu gucken,  begann ich, in einer Neuerscheinung aus dem Hause dtv –premium (das Wort premium bedeutet soviel wie Belohnung, Beute) zu blättern: „Come in and burn out“ Denglisch Der Survival-Guide von Jan Melzer und Sören Sieg.

Ich erhoffte mir eine Menge von dieser Lektüre, denn um mal mit Günther Öttinger, unserem Commissioner for Energy in  Brüssel zu sprechen: „We are all sitting in one boat“.

Weil: 65 Prozent der Deutschen sprechen kein Englisch, und verstehen deshalb auch meist nur Bahnhof, wenn sie ihrem Bankberater, Handyverkäufer, Friseur oder den eigenen Kids  zuhören – selbst wenn sie nur Denglisch reden.

Das bemerken Jan Melzer und Sören Sieg übrigens gleich auf Seite 7: „Denglisch ist überall.“ Und als erstes haben sie entdeckt: „In Deutschland werden bereits fünfzehn verschiedene Denglisch-Dialekte gesprochen! Teenies und Rock´n´Roller (meine Straßenbahn fährt in diesem Moment gerade an einem Laden vorbei, der sich „sixzero Sweatshirts ´n´ shoes“ nennt), Manager und Werber, Computerexperten und Soziologen kreieren nämlich alle ihr eigenes Denglisch. Daran erkennen sie sich gegenseitig. Und halten lästige Besucher draußen.“

Was besonders in der Werbebranche zu einem Shitpoint  (laut  Melzer/Sieg der Moment, in dem ein Mitglied der heiligen Zielgruppe zwischen 14 und 49 wegzappt) führen kann, wie eine Analyse hiesiger Werbesprüche beweist. So übersetzten potentielle deutsche Konsumenten „Come in and find out“ (Douglas) mit „Komm rein und finde wieder heraus“, „Drive alive“ (Mitsubishi) mit „Fahre lebend“ , „Be inspired“ (Siemens) mit „Bienen-Inspektion“, „Broadcast yourself!“ (You Tube) mit „Dein eigener Brotkasten“ und das einstige SAT.1- Motto „Powered by Emotion“ mit „Kraft durch Freude.“

Wenn das mal kein worst-case scenario ist. Übrigens ein Begriff, den besonders Politiker gerne verwenden, wenn es in Talkshows um Guido Westerwelle, das Prekariat  oder das deutsche Wetter geht und sich dabei fast einen abbrechen – wie German´s FDP opposition party leader, wenn he speake about „The Aufschwung is da“. Aber ehrlich gesagt, wüsste ich auch nicht, wie man das auf einer Pressekonferenz noch besser formulieren könnte: The recovery is under way? ( Der Aufschwung ist im Gang) oder All hell has broken loose (hier ist der Teufel los) ?

Ich weiß ja noch nicht mal, warum Marlboro gerade ganz Berlin mit der Botschaft „Be the Dream – Be Marlboro“ zugeklebt hat. Was soll das heißen? Bei phrasen.com findet sich unter „be the dream“ weder eine deutsche, noch eine englische Redewendung diesen Ausmaßes, dafür aber „It´s all Chinese to me“ – was übersetzt nun aber nicht „Das ist für mich das reinste Fachchinesisch“, sondern „Ich verstehe nur Bahnhof“  heißt.

Ich finde das alles ziemlich verwirrend, doch als ich mich gerade deshalb dem Kapitel „Yo! Man“, Teenie-Denglisch, widmen möchte, setzen sich zwei ältere Damen auf die Bank gegenüber und packen zwei lecker Sandwiches aus. Als die Bahn anfährt, kann ich gerade noch sehen, womit der Bäcker wirbt, bei dem sie wohl shoppen waren: „Take me home! Delicious Brötchen, fresh belegt!

This makes zwar not sense *, aber den beiden schmeckt es trotzdem. Und während sie völlig entspannt vor sich hinkauen, fragt die eine die andere: Weißt du eigentlich, was dieses SALE bedeutet, was jetzt überall in den Schaufenstern hängt?“

Nein, das weiß sie auch nicht, was mich wiederum umhaut, obwohl mein Englisch ebenfalls under all pig is. (siehe auch Seite 234 im Survival-Guide!)

Die beiden achten nicht darauf, aber während wir so gemütlich mit der Tram durch die Petersburger zuckeln, fahren wir an Shops, Geschäften, Läden  vorbei, die sich „Second Bike“, „Coiffeur for Haarmony“, „Papa No – take away“, „the new face of architectur“, „Kleen Royal“, „Cut& Color“ oder  „mamo falafel vegetarian delights“ nennen.

Nie und nimmer würde ich mich trauen, in letzteren zu gehen, denn was würde der Typ hinter der Theke denken, wenn ich die carrot wie garrote  ausspreche oder

Peas wie peace?

Da gehe ich lieber in den Laden nebenan, da gibt es „Coffee to go und Fischbrötchen zum Mitnehmen“ – oder auf dem Rückweg in die Jugendmode Fuck Fashion in der Schönhauser.

Oops.

 

(„this make sense“ mit „das macht Sinn“ zu übersetzen, ist frevelhaft, denn im Deutschen ist etwas  sinnvoll, hat einen Sinn oder ergibt Sinn – siehe auch Survivale-Guide Seite 224)

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