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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Kolumne

Heide-Ulrike Wendt: Nackte Tatsachen 

Heide-Ulrike Wendt träumt davon, endlich ungestört glücklich zu sein.

Am 22. Mai 2013 stand auf meinem Rabenkalenderblatt folgendes Zitat vom „Bergdoktor“, der sich im ZDF seit gefühlt 90 Jahren jeden Samstag ab 19 Uhr 25 um Blasensteine, Hammerzehen oder gebrochene Herzen kümmert: „Immer wenn ich geglaubt habe, jetzt bin ich glücklich, kam irgendetwas dazwischen.“

Mir persönlich ging das so, als ich am 22. Mai 2012 vor vier lieblichgrünen Stachelbeerbäumchen an einem Gartenzaun in der Uckermark stand und in diesem Moment begriff, dass sie tatsächlich mir gehörten – also die Stachelbeerbäumchen, die himmelblaue Clematis an der Scheune, der Magnolienbaum im Hof, und die zwölf kleinen Setzlinge, die mir Heidi, meine bezaubernde Nachbarin, gerade geschenkt hatte. Im Herbst sollten sie dicke Kürbisse in allen Farben und Formen tragen.

Ich kann durchaus sagen, dass ich in diesem Moment glücklich war – bis ich am nächsten Morgen die Setzlinge betrachtete, die ich zum Einpflanzen in einem Körbchen vor dem Beet abgestellt hatte: Sie sahen aus, als wäre ein Tornado über sie hinweggefegt oder Godzilla oder ein Hagelschauer mit kindskopfgroßen Körnern ‑ was ja in unseren Breiten inzwischen auch im Mai nicht mehr auszuschließen ist.

Die Wirklichkeit war allerdings entschieden trostloser, niederschmetternder, fatalistischer, denn während Tornados, Godzillas und kindskopfgroße Hagelschauer durchaus das Potential zur Spitzenmeldung haben, interessiert das heimtückische, schleimige Unwesen einer Nacktschnecke, speziell das der Spanischen Wegschnecke,kein Schwein. Aber genau die hatte meinen uckermärkischen Traum von Kürbissuppe mit Ingwer und Kokosmilch, Kürbis gebacken mit Chili oder einfach nur süß-sauer eingelegt, mit Stumpf und Stil kahlgefressen.

Das Mistvieh frisst übrigens alles, außer Unkraut, schläft tagsüber gern unter Rhabarberblättern, Steinhaufen oder Blumentöpfen und beginnt in der feuchtfrischen Dämmerung mit ihrem Festmahl. An Kürbis- und Zucchinipflanzen findet sie alles lecker, die Blüten natürlich am leckersten, und sollte sie tatsächlich mal eine übersehen, weil im Nachbarbeet gerade die Erdbeeren reif sind, schnurpst sie auch gern mal einen winzigkleinen Kürbis zwischendurch.

Meine Nachbarin, die übrigens mit zwei grünen Daumen gesegnet ist, holt die Schnecken deshalb jeden Abend dort ab, wo sie sich am wohlsten fühlen, und schickt sie anschließend auf eine weite Reise. Wohin, verrät sie mir nicht, aber lebend an einem Feldrain absetzen bringt definitiv nichts. Die Viecher schaffen pro Nacht bis zu 25 Meter.

Harald Martenstein, Kolumnist der Zeit, der ebenfalls ein gespaltenes Verhältnis zu Nacktschnecken hat, weil sie „kaputt machen, was man sich über Jahre mühsam aufgebaut hat“, empfiehlt, sie auf Zahnstocher aufzuspießen. Und behauptet: „Ein Zahnstocher bietet Platz für drei bis vier Schnecken.“

Bei mir im Garten passen auf die Zahnstocher – jedenfalls auf die, die wir benutzen ‑ nicht mal zwei Nacktschnecken, wenn man davon ausgeht, dass jeder sie so aufspießt, dass sie die Finger nicht berühren. Deshalb fand ich die weitere Anregung von Martenstein, statt der Zahnstocher besser Grillspieße zu nehmen, wenn, wie bei ihm, die Zahnstocher alle sind, sehr hilfreich. Da passen tatsächlich acht bis neun Schnecken drauf.

Doch was passiert dann mit ihnen? Rammt man den Spieß einfach nur in den Boden und hofft, dass sie am nächsten Tag in der Sonne still und leise vor sich hinbrutzeln? Aber erstens scheint in Deutschland, wie schon gesagt, keine Sonne mehr, zweitens sind Nacktschnecken keine Vegetarier und fressen deshalb ohne zu Zögern selbst ihre Brüder und Schwestern, auch dann, wenn sie sich qualvoll auf Holzspießen winden, und drittens gehen Holzspieße ganz schön ins Geld. Bei Butlers kosten 50 BBQ Holzspieße 1,99 Euro plus 4,99 Euro Versand. Bei PAPSTAR kosten 6 mal 1000 Stück 35,34 Euro, plus Versand. Bei denen muss man allerdings für über 50 Euro einkaufen, bevor die einen als Kunden überhaupt akzeptieren.

Neulich las ich, ebenfalls in der Zeit, „Ich habe einen Traum“ von Fritzi Haberlandt. Dort erzählt sie, dass sie aufs Land gezogen ist ‑ nach Brandenburg, wo sie überhaupt nicht mehr weg will: „Ich bin in der Natur, da geht’s mir gut. Vorher wusste ich gar nicht, wie sehr ich es liebe, im Garten zu sein…Vermutlich brauche ich nicht so viele Reize von außen, weil ich vollends mit meiner Innenwelt beschäftigt bin.“

Tja, wer möchte das nicht! Aber was macht sie mit ihren Nacktschnecken?

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