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Valentin Thurn über Lebensmittelvernich­­tung: Ab in die Tonne
Allgemein

Valentin Thurn über Lebensmittelvernich­­tung: Ab in die Tonne 

Der Journalist und Filmemacher Valentin Thurn hat mit TASTE THE WASTE einen Dokumentarfilm in die Kinos gebracht, der ein­drücklich nachweist, wie unsere westliche Nahrungsmittel­deka­denz den Hunger verschärft und wie die auf Überproduktion ge­trimmte Landwirtschaft riesige Ressourcen verschlingt und so zum Klimakiller wird. 150 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Europa und Nordamerika jedes Jahr vernichtet. Damit könnten alle Hungernden der Welt drei Mal ernährt werden. Wohlstand oder Wahnsinn? NITRO sprach mit Valentin Thurn über die Hin­tergründe und die Verantwortlichen einer Lebensmittelvernich­­tung von erschreckendem Ausmaß.

NITRO: Seit dem 31. Oktober 2011 leben sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Können wir die alle satt bekommen?

THURN: Aber ja. Es gibt genügend Lebensmittel auf der Erde, sie werden nur nicht entsprechend verteilt. Und das liegt vor allem daran, dass die­je­ni­gen, die hungern, nicht über die nötige Kaufkraft verfügen. Selbst in den Regionen, in denen Dürre herrscht, gibt es noch Lebensmittel, aber die Menschen dort haben nichts mehr, was sie dagegen eintauschen können. Und das sorgt für Hunger. Es gibt einen wichtigen Trend, der dieses Pro­blem zusätzlich verschärft: seit 2008 steigen die Weltmarktpreise für Le­bensmittel. Davor gingen die Preise eher nach unten. Das hat sich nun um­gekehrt und diese Entwicklung wird sich in Zukunft noch weiter ver­schärfen.

Die Abhängigkeit vom Weizen hat fa­ta­le Folgen

? Sie stellen in Ihrem Buch „Die Essensvernichter“die These auf, der Wunsch der Konsumenten, alles jederzeit verfügbar zu haben, verschärfe den weltweiten Hunger. Was hat das Angebot im Supermarkt um die Ecke mit den Hungernden in Afrika zu tun?

! Wir ernähren uns ebenso vom Weltmarkt wie die Afrikaner. Das trifft vor allem auf Produkte zu, die an den Weltbörsen gehandelt werden, zum Beispiel Getreide. Selbst wenn nicht 100 Prozent des erzeugten Ge­trei­­des an den Weltbörsen gehandelt werden – die Preise legen sie fest. Weil sie jahrelang sanken, konnten vor allem Länder, in denen Hunger herrscht, billiges Getreide einführen und Brot daraus backen. Dadurch wur­de Brot in diesen Ländern zu einem Grundnahrungsmittel, wo es tra­di­tionell eigentlich keins ist, weil Weizen aus klimatischen Gründen gar nicht angebaut werden kann. Diese Abhängigkeit vom Weizen hat natürlich fa­ta­le Folgen, wenn sich die Preise dafür wie seit 2008 verdoppeln oder gar ver­dreifachen.

Was bestimmt die Höhe der Weltmarktpreise?

! Die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt sind auch durch Spekulation beeinflusst, aber erstrangig werden sie durch die Nachfrage bestimmt. Wenn wir mehr Lebensmittel oder landwirtschaftliche Erzeugnisse nach­fragen – und sei es am Ende für die Tonne oder den Tank – dann steigen die Preise. Am häufigsten landet Brot in unseren Mülltonnen. Selbstver­ständlich gibt es da einen direkten Zusammenhang mit den Getreideprei­sen auf dem Weltmarkt, denn das weggeworfene Brot gaukelt ja faktisch eine Nachfrage vor, schließlich werden die Ressourcen dafür verbrau­cht, auch wenn es am Ende nicht verzehrt wird. Das alles schlägt sich in den Preisen nieder. Mit dem Unterschied, dass große Bevölkerungsteile in Eu­ropa die Preissteigerungen entweder nicht bemerken oder sie als nicht besonders gravierend empfinden. Was vor allem daran liegt, dass die Eu­ropäer einen viel geringen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus­ge­ben müssen, als die Menschen in Afrika. Bei uns sind es 10 bis 15 Prozent, in Afrika 60, 70 Prozent und mehr. Völlig klar, dass sich Preisstei­ge­rungen in Afrika also viel stärker auswirken. Die Leute dort können die ho­hen Preise nicht mehr kompensieren, außer durch hungern!

In Deutschland werden 10 bis 20 Millionen Tonnen Le­bensmittel im Jahr vernichtet

Ihr Film „Taste The Waste“ zeigt sehr genau und klar, wie viele Lebensmittel ver­schwendet und vernichtet werden. Und wie viele kommen gar nicht beim Verbraucher an?

! Die Mehrzahl! Wir sind als Verbraucher für etwa 30 bis 40 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel verantwortlich. Aber das heißt auch, dass 60 bis 70 Prozent schon vorher weggeworfen werden – bei den Land­wirten, beim Transport, in den Le­bens­­mittelfabriken, im Supermarkt. Ich habe auf der Basis von österreichischen und britischen Studien für Deutschland hoch­gerechnet, dass jedes Jahr ins­ge­samt 10 bis 20 Millionen Tonnen Le­bensmittel vernichtet werden. Diese Größenordnung wirdauch von der EU bestätigt. Eine weitere Bestätigung kommt aus der Verpackungs­in­dus­trie: Eine Studie des Tütenherstellers Toppits besagt, dass allein die deutschen Verbraucher jährlich 6,6 Millio­nen Tonnen unverdorbene Lebensmittel wegwer­fen.

Was kann an einer Kartoffel denn falsch sein?

Ein Bauer sagte uns, dass er 40 bis 50 Prozent seiner Kartoffeln auf dem Feld lässt, weil sie zu groß, zu klein oder zu unförmig geraten sind.Ich warte auf den Tag, wo der Handel wieder Handelsklasse-II-Ge­mü­se – also knorrige Kartoffeln und krumme Karotten – mit einem kleinen Preisabschlag anbietet. Das kann er na­tür­lich nur, wenn wir als Kunden darauf positiv reagieren – das Grünzeug sieht zwar gewöhnungsbedürftig aus, schmeckt aber genauso gut.

Backstein spendet Brot für die Tafeln oder als Tierfutter

Früher waren die Semmeln morgens am frischesten, heute wer­den beinahe rund um die Uhr Brot und Brötchen gebacken. Sind daran auch die Verbraucher schuld, weil sie alles scheinbar im­mer frischer, immer krosser wollen?

!  Der Verbraucher ist verwöhnt und verzogen worden. Er hat sich ja vor 30 Jahren auch damit zufrieden gegeben, dass nach 17 Uhr das Brot bei allen Bäckern knapper wurde. Das ist inzwischen anders. Wenn heute ein Bäcker weniger anböte als die anderen, hätte er einen klaren Nachteil.

?  Ein rheinländischer Bäcker verbrennt sein Brot, um daraus Energie zu gewinnen. Das klingt unglaublich…

!  Ja, es ist eigentlich pervers. Eigentlich, denn gleichzeitig ist dieser Bäcker besonders engagiert und macht sich sehr viele Gedanken darüber, wie er seinen Brotmüll so weit wie möglich reduzieren kann. Er dünnt sein Angebot zum Ladenschluss hin aus und seine Verkäuferinnen bieten den Kunden gute Alternativen an, wenn deren Lieblingsbrot ausverkauft ist. Trotzdem bleiben auch bei ihm noch acht Prozent der Tagesproduktion in den Regalen liegen. Einen Teil davon gibt er den Tafeln, einen anderen ins Tierfutter, aus dem Rest gewinnt er Energie, indem er ihn verbrennt. Trotzdem wäre die sinnvollere Lösung, weniger zu backen, aber da müssten die Kunden mitspielen.

Nicht alle Konsumenten essen Erdbeeren im Winter

?  Lebensmittel sind ein verderbliches Gut und oft auch ein saisonales. Erdbeeren und Kirschen im Winter, Spargel das halbe Jahr – ist das tatsächlich der Wunsch der Konsumenten oder eher das wirtschaftliche Interesse des Handels?

! Das eine bedingt das andere. Der Handel kann seine Umsätze nur noch ausweiten, wenn er die Zahl seiner Produkte vergrößert, das haben mir alle bestätigt. Sicher essen nicht alle Konsumenten Erdbeeren im Winter, aber es gibt sie, sonst könnte der Handel damit kein Geschäft machen. Dazu kommt, dass die Konsumenten vor allem in den Städten verlernt haben, auf den Geschmack zu achten, sonst würden sie ja im Dezember keine Erdbeeren essen, die wie Kohlrabi schmecken.

Ist der Handel denn bereit, an dieser Stelle etwas zu tun?

! Nur, wenn er eine Nachfrage spürt und merkt, dass er dabei sein Image verbessern kann. Ich kenne bisher nur eine kleine Supermarktkette in Hessen, Tegut, die auch Gemüse der Handelsklasse II anbieten.. Die Gro­ßen der Branche zieren sich, auch diejenigen, die das Wort Nach­haltigkeit groß im Munde führen. Konkrete Schritte bleiben hierzulande noch aus.

Verdorbenes und Weggeworfenes wird auf die Preise umgelegt

?  Ein französischer Supermarktleiter hat festgestellt, dass sich die Haltbarkeitszeiten bei Lebensmitteln dramatisch verkürzt haben. Früher hätte Mineralwasser in der verschlossenen Flasche anderthalb Jahre gehalten, heute nur noch sechs Monate. Wie begründen die Hersteller so etwas?

! Die Verkürzung der Haltbarkeitszeiten scheint das letzte Mittel zu sein, in einem saturierten Markt doch noch etwas Wachstum zu gene­rie­ren. Vieles wird auch mit Vorsorge gegenüber dem Konsumenten begrün­det, doch was soll das für eine Vorsorge sein, wenn Nudeln plötzlich nur noch 12 Wochen haltbar sind? Bei Molkereiprodukten wie Milch oder Jog­hurt steuert der Handel schon dagegen, weil er keine Produkte will, die zu kurz laufen. Bei länger laufenden Produkten haben die Hersteller aber  große Einflussmöglichkeiten und nutzen sie offensichtlich auch. Es gibt keine Behörde, die das festlegt, das machen die Hersteller selbst.

?  In einem Großmarkt in Frankreich konnten Sie filmen, wie fast neun Tonnen Orangen vernichtet wurden. Wie ging es Ihnen dabei?

! Mir war schlecht. Das ist die Überflussgesellschaft. Wir haben stän­­dig von allem zu viel und das rechnet sich auch noch, denn natürlich wird Verdorbenes und Weggeworfenes auf die Preise umgelegt. Wir zah­len das alles mit. So macht der Händler trotzdem seinen Schnitt. Viel schlim­mer wäre es für ihn, er hätte mal keine Orangen, wenn sein Kunde Appetit drauf hat und würde zu einem anderen Händler wechseln. Dieses Risiko will weder ein Groß- noch ein Einzelhändler eingehen. Ein Teufels­kreis.

Schweine und Hühner fressen seit Jahrtausenden unsere Essensreste

? Die Anfangssequenz Ihres Films „Taste The Waste“zeigt zwei Mülltaucher in Wien. Wie lecker ist der Wiener Supermarkt-Müll?

! Das meiste, was die beiden finden, ist in durchaus verwertbarem Zustand. Der Wiener Müll ist also ziemlich lecker. In Deutschland fanden wir einen Container, halbvoll mit Schokoriegeln. Die waren absolut ge­nieß­bar, steckten aber in einer Aktionsverpackung wegen der Fußball-WM. Die war vorbei, interessierte keinen Menschen mehr, also ab in den Müll da­mit. Es ist auch Legende, dass die Weihnachtsmänner Ende Dezember ein­geschmolzen werden, um daraus Osterhasen zu machen. Die wandern na­türlich auch in die Tonne!

? Warum eigentlich werfen wir denn die Lebensmittel weg, kön­n­ten wir sie nicht an Nutztiere verfüttern? Oder sind Speisereste zu gefährlich im Futter?

! Sind sie nicht. Schweine und Hühner fressen seit Jahrtausenden unsere Essensreste. Leider sammeln wir aber in der Biotonne nicht Futter für Schweine und Hühner, sondern Nachschub für die Biogaserzeuger. Weil es gefährliche Tierseuchen gab, unter anderem BSE, gibt es seit 2006 in der gesamten EU ein Verbot, Lebensmittelabfälle zu verfüttern. Das ist eine völlige Überreaktion. In anderen Teilen der Welt hat man das sammeln und verfüttern von Speiseresten sogar intensiviert. Die nö­ti­ge Sicherheit herzustellen – und das weiß auch die EU – ist technisch über­haupt kein Problem. Die Reste werden auf 70 bis 80 Grad erhitzt. Damit sind die Keime tot. Das BSE-Risiko kann man dadurch vermeiden, dass Reste, die tierisches Eiweiß enthalten, nicht an Rinder ver­füttert werden. Inzwischen wird in der EU darüber wieder diskutiert. Aber es steht eine mächtige Lobby dagegen, und zwar die Biogas-Lobby. Die Unternehmen dieser Branche machen hochsubventioniert daraus Energie. Sicher ist es besser, Biogas aus den Resten zu machen, als sie in die Müllverbrennung zu geben. Ein höherer Nutzen würde aber entstehen, wenn die wert­vol­len Proteine an die Tiere verfüttert werden.

Soja aus Brasilien – im schlimmsten Fall sogar Gen-Soj

? Und wie reagiert der Bauer auf dieses Dilemma?

! Er importiert Soja aus Brasilien – im schlimmsten Fall sogar Gen-Soja – und dafür wird dann Regenwald abgeholzt, damit wir unsere Schweine mästen können.

?  Was kann jeder Einzelne tun, damit Lebensmittel in den Mund und nicht auf den Müll wandern?

! Kein Mensch stirbt, wenn er sich, statt auf das aufgedruckte Da­tum zu schauen, auf seinen Geruchs- oder Geschmackssinn verlässt. Wenn der Joghurt nicht mehr frisch riecht und schmeckt, dann muss er halt weg. Aber wenn er noch schmeckt – auch wenn das Datum bereits überschritten ist – warum sollte er dann verdorben sein? Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) hat nichts mit Gesundheitsgefährdung zu tun. Allerdings ist das beim Ver­brauchsdatum anders, und da liegt das Problem: Die meisten verwechseln die beiden Daten. Hier ist dringend mehr Aufklärung nötig.

Meine Botschaft an die Verbraucher ist: Traut euren Sinnen. In dem Mo-ment, wo Menschen sich umschauen und fragen, wo kommt mein Essen her, was ist gut, was ist schlecht, bringen sie den Nahrungsmitteln mehr Wertschätzung entgegen

Kampagne von Regierung und Supermärkten

?  Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihren Filmen „Frisch auf den Müll“, „Taste The Waste“und dem Buch „Die Essensvernichter“, dass Sie gemeinsam mit Stefan Kreutzberger schrieben, etwas bewegen konnten?

! Das hofft man natürlich immer. Und nach „Taste The Waste“ gab der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Johannes Remmel für das Land NRW eine Studie in Auftrag, um das Thema Lebensmittel­vernich­tung in Nordrhein-Westfalen zu erfassen. Fünf Wochen später kündigte Ilse Aigner, die Bundeslandwirtschaftsministerin, eine bundesweite Studie an. Wir werden also binnen Jahres­frist Daten über Deutschland zu unserem The­ma haben. Aber über diese Studien hinaus wünsche ich mir eine richtige Kampagne von Regierung und Supermärkten, die etwas in den Köpfen von Herstellern und Verbrauchern bewegt und die Lebensmittelvernichtungs­ma­schinerie stoppt.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

Autos:

Valentin Thurn ist seit 1990 Filmemacher für ARD, ZDF, ARTE und andere öffentlich-rechtliche Sender. Sein im Oktober 2010 gezeigter Film „Frisch auf den Müll“ wurde inzwischen in 12 Ländern gezeigt und bescherte der ARD eine Rekordquote. Der Kino-Dokumentarfilm „Taste The Waste“ wurde auf der Berlinale 2011 uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. 1993 gründete er mit Journalisten aus über 50 Ländern die „International Federation of Environmental Journalists“.

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