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30 Jahre Deutsche Einheit – Was nun? Was tun?
Foto: Bernd Lammel
Aktuell

30 Jahre Deutsche Einheit – Was nun? Was tun? 

Wenn wir im 30. Jahr der Deutschen Einheit eine Zwischenbilanz der Transformation ziehen, so gilt es, neben all dem, was erreicht und gut gelaufen ist, auch erhebliche Desiderate zu konstatieren.  Die fortdauernde Dominanz westdeutscher Eliten im Osten ist augenfällig.

Von Thomas Krüger

Der umfassende Elitenaustausch begann bereits im letzten, dem 41. Jahr der DDR. Alles möglichst schnell so haben zu wollen „wie im Westen“ führte auch personell zu einer Pfadentscheidung. Deren Wirkungen halten bis heute an: In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten bisweilen immer noch als kultureller Kolonialismus, mindestens aber als Kolonialität erlebt: ein Zustand, indem sich Prozesse und Strukturen verfestigt haben, die aus geradezu kolonialen Verhältnissen stammen, und fortdauern.

So ist nach wie vor die Anzahl ostdeutsch Sozialisierter in Spitzenjobs von Unternehmen, Universitäten, Staatsanwaltschaften, Gerichten oder gar Bundes- oder Landesinstitutionen sehr überschaubar. An den obersten Gerichten der ostdeutschen Länder stammen beispielsweise bis heute noch kaum 15 Prozent der Richter aus dem Osten. Zwar wurde Ines Härtel, eine Ostdeutsche, vor kurzem vom Bundesrat zur Richterin beim Bundesverfassungsgericht gewählt – aber es ist bezeichnend, dass diese Personalie im 30. Jahr der Deutschen Einheit besonders erwähnenswert ist.

Nicht allein der nahezu vollständige Elitenaustausch zeigt bis heute Wirkungen. Auch der erhebliche Kapitaltransfer von Ost nach West nach 1990 hat mit dazu beigetragen, dass „Westdeutschland“ weiterhin als „Normalfall“ gilt und die Entwicklungen in „Ostdeutschland“ daran gemessen werden: als nachholende Modernisierung oder als Verwestlichung. „Ostdeutsch“ ist so zur Markierung einer vermeintlich defizitären Andersartigkeit geronnen.

Dabei erfolgte die Konstruktion des „Ostdeutschen“ erst nach 1990, als eine Art Abwehrreaktion auf die Dominanz des Westens im Vereinigungsprozess und in der Transformation. Vermutlich gab es während der Phase der deutschen Teilung niemals so viele überzeugte DDR-Bürger wie nach 1990 überzeugte Ostdeutsche. Das muss uns zu denken geben. Im Überschwang der Einheitsfreude und der zunächst von einer Mehrheit durchaus befürworteten, wenn nicht sogar ersehnten, „Übernahme“ (I.-S. Kowalczuk) der DDR nach ihrem ruhmlosen, als „Beitritt“ vollzogenen Untergang wurde sehr bald „der Ostdeutsche“ erfunden. Heute gilt diese Zuschreibung durchaus auch als selbstbewusste Selbstbezeichnung.

Ich habe mich zu DDR-Zeiten nie als DDR-Bürger verstanden, geschweige denn mich mit der DDR identifiziert. In der Transformation wurde plötzlich ein öffentlicher Diskurs organisiert, der aus Menschen, die in der DDR in einer spezifischen Vielfalt gelebt haben, Ostdeutsche und DDR-Bürger konstruierte – und sie sogleich kulturell deklassierte. Das wirft vielleicht ein Licht darauf, dass wir die vergangenen 30 Jahre viel stärker zum Gegenstand politischer Bildung und öffentlicher Debatte machen müssen, als es bisher der Fall war.

 

Was tun?

Wir sollten uns endlich den Desideraten der Transformation zuwenden und dabei Ambivalenzen und Ambiguitäten nicht nur ertragen, sondern fördern. Es ist an der Zeit, von „deutscher Vielfalt“ zu sprechen statt von einer unerreichbaren „inneren Einheit“. Wie ginge das besser, als bisher kaum gehörte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die uns bisher kaum erzählte Geschichten der Transformation erzählen? Unheard voices, untold stories.

Analogien sind immer windschief, aber diese Strategie könnte dazu beitragen, die im Osten bis heute häufig als nicht nur kulturelle Kolonisierung, sondern auch als Migration in ein anderes Land erfahrene Transformation im Hegel’schen Sinne aufzuheben – also in einer Synthese zu etwas anderem, Neuem zu transformieren. Wollen wir Ost und West nicht endlich postkolonial denken? Hören wir denen zu, die bisher zu kurz gekommen sind.

Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten, die bisher aus unserer gesamtdeutschen Geschichte eher rauserzählt worden sind. So ist zum Beispiel das Leben derjenigen – wohl mehr als zwei Drittel der DDR-Bevölkerung – kaum erzählt worden, die eben nicht zur Täter-Opfer-Dichotomie gehören, sondern versucht haben, ein richtiges Leben im falschen zu führen. Leute, die sich bemühten, in ihren Nachbarschaften irgendwie mit den widrigen Situationen der DDR-Diktatur zurechtzukommen, die versucht haben, in den Spiegel zu schauen und ihr Leben zu leben, ohne sich allzu sehr zu verbiegen, auch wenn sie im Alltag immer wieder in Kompromisse gezwungen wurden. Friedrich Schorlemmer, in der DDR als dissidentischer Pazifist Repressionen ausgesetzt, bringt dieses Grau in der SED-Diktatur auf den Punkt: „Die Stasi war eine Realität, aber bestimmt hat sie unser Leben nicht. Die meiste Zeit brachten wir damit zu, uns an gewöhnlichen Dingen zu erfreuen: einem herrlichen Gouda, einem trinkbaren Rotwein.“

Ein weiterer Aspekt ist der Arbeitsalltag in den Betrieben – in einem Land, das auf dem Papier Vollbeschäftigung auswies und daher mit Wolfgang Engler als „arbeiterliche Gesellschaft“ zu charakterisieren wäre. Stimmt das viel zitierte Bonmot überhaupt, nach dem man in der DDR seinen Chef folgenlos schmähen konnte, weil man ohnehin am längeren Hebel saß, während abfällige Bemerkungen gegen die politische Kaste unmittelbare Folgen hatten – und es im Westen bis heute genau anders herum ist? Und was erzählen die Kombinatsdirektoren, die in den schwierigen Wirren der DDR-Wirtschaft das Improvisieren erlernt haben? Haben wir in den vergangenen 30 Jahren deren Geschichte hinreichend mitbekommen, um daraus zu lernen?

Wir haben zuletzt intensiv über 100 Jahre Frauenwahlrecht diskutiert. Frauen haben erst im Jahr 1918 ein Stimmrecht bei Wahlen erhalten. Doch der Weg bis zur Selbstbestimmung war damit lange nicht zu Ende. Bis 1977 noch hieß es im Bürgerlichen Gesetzbuch, dass die Frau die Erlaubnis von ihrem Ehemann einzuholen hatte, wenn sie arbeiten gehen wollte: „Sie [die Frau] ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ In der Bundesrepublik Deutschland war das der Fall – im Osten nie. Wer spricht, wer wird repräsentiert, nicht nur wenn von Frauen die Rede ist, und wer nicht, wird nur selten berücksichtigt.

Denken wir auch an die Nichtdeutschen, die in der DDR gelebt haben, die Vertragsarbeiter, die Sowjetsoldaten und viele andere mehr. Wie vielfältig war ihr Leben tatsächlich, wie abgeschlossen war es? Wie haben sie Vereinigung und Transformation erfahren? Der Molekularbiologe Jens Reich sagt im Rückblick: „Wir waren größtenteils von der Welt abgeschnitten. Da waren wir glücklich, überhaupt Fremde zu sehen.“ Unter welchen Bedingungen blühte aber Fremdenfeindlichkeit? Und warum wirkt sie offenbar fort bis heute? Nicht nur führende Pegidisten, auch die Wortführer des parlamentarischen Arms der Abendlandretter sind Westimporte – oder -exporte, je nach Sichtweise.

Zu berücksichtigen ist auch der Aspekt, dass sich in der Zeit der ökonomischen und sozialen Transformation vieles ereignete, was noch der „Aufarbeitung“ bedarf – und damit meine ich nicht nur das Treiben der Treuhandanstalt, das gerade eingehend wissenschaftlich erforscht wird. Wenn von der „maroden wirtschaftlichen Situation der DDR-Wirtschaft“ gesprochen wird, ist das sicherlich wahr. Aber implizit ist es auch immer ein gutes Argument, um das neoliberale Gewitter, das in den 1990er Jahren über die Landschaften Ostdeutschlands hinweggegangen ist, zu rechtfertigen: 80 Prozent der Menschen haben ihren Job verloren. Das sind Erfahrungen, die sich in den Biografien einnisten. Und welches Selbstbewusstsein ist aus den Arbeitskämpfen der frühen 1990er-Jahre erwachsen, als sich nicht nur die Kalikumpel in Bischofferode verzweifelt, aber erfolglos gegen die Turboprivatisierung wehrten? Auch dies gilt es zu reflektieren, zum Thema zu machen, um zu einer Bewertung zu kommen, was eigentlich DDR-Geschichte für uns heute in der Gegenwart heißt.

Ein bekannter Historiker mit DDR-Biografie hat einmal gesagt, dass er erst nach der globalen Finanzkrise 2009 wieder unbelastet das Wort Kapitalismus aussprechen konnte, ein Wort, das ihm die Kommunisten „mit Panzerketten“ ausgetrieben hatten. Das macht deutlich, dass diese Dimension von Ökonomiekritik gar nicht mehr aufgerufen und in die Diskussion gebracht wurde, obwohl es gute Gründe gibt, sich damit heute wieder intensiver zu beschäftigen.

Es ist notwendig, die Dimensionen, Erzählungen und Perspektiven bei der Reflexion von Gegenwart und Zukunft aufzurufen. Ich plädiere dafür, Eindimensionalität und stereotype Erklärungen durch einen vielfältigen Blick auf das abzulösen, was die DDR tatsächlich war und was das für die Gegenwart bedeutet. Ein offener Blick auf die Desiderate der Transformation könnte zudem unser Land – das ja längst eine multiethnische und diverse Migrationsgesellschaft ist – weiter modernisieren.

Die DDR wurde retrotaktisch sehr schnell als eine Art abgeschlossenes Sammelgebiet konstruiert, hermetisch und in sich ruhend. Dabei vergaßen viele, auch in der öffentlichen Diskussion, dass es eine miteinander verflochtene Parallelgeschichte der beiden deutschen Staaten im Nachkriegsdeutschland gab. Diese intensiven Verflechtungen werfen einen ganz anderen Blick auf das, was nach 1945 passierte, und erklären sehr viel über die jeweiligen Gesellschaften.

Es geht mir überhaupt nicht darum, das Thema Diktatur, also die systemische Gretchenfrage, auszublenden. Das ist doch selbstverständlich, aber wir müssen daneben auch andere Zusammenhänge aufzeigen und deutlich machen, dass DDR-Geschichte eben nicht eindimensional ist. Es gab keine homogene DDR-Gesellschaft, sondern sehr viele unterschiedliche Perspektiven und Geschichten, die über die DDR erzählt werden können.

Wir verlangen in der politischen Bildung ja gerade nicht, dass man einer einzelnen Idee hinterherläuft, sondern wir fördern die Akzeptanz von unterschiedlichen Bewertungen politischer Sachverhalte und historischer Ereignisse, weil es letztlich einen Mehrwert und eine Kontroverse in der Gesellschaft erzeugt, die uns allen mehr gibt. Und zwar mehr gibt in dem Sinne, dass wir in der Gegenwart die unterschiedlichen Perspektiven wach aushandeln und nicht nur eine Position haben, die immer wieder kommemoriert wird. In einer demokratischen Gesellschaft, im Unterschied zur DDR, brauchen wir auch einen demokratischen Umgang mit Geschichte, eine Vielfalt der Stimmen – ohne Furcht vor Kakophonie.

Zu dieser Vielfalt gehören auch Formen ostdeutscher Repräsentation im öffentlichen Leben. Steffen Mau spricht zu Recht von einem enormen Artikulationsbedürfnis in Ostdeutschland. Bei der Kultivierung dieses Diskurses müssen unterschiedliche Positionen ausgehalten und im demokratischen Sinne verhandelt und bewertet werden. Das ist bei allem Respekt vor den gelebten Biografien immer auch in Erinnerung zu rufen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, vor allem in großer Verantwortung gegenüber der nächsten Generation.

Ich will nicht, dass die DDR vergessen wird in der deutschen Geschichte, sondern angemessen an sie erinnert wird, damit sie endlich auch in ihrer Pluralität in den Blick gerät. Die Menschen sollen sich ein eigenes Urteil bilden können, welches auch immer getragen werden sollte von der Frage: Wie will ich heute und morgen leben? Hierfür kann man aus der DDR-Zeit sehr viel lernen – vor allem darüber, was man verhindern und vermeiden sollte. Denn es geht nicht darum, Menschen zu erniedrigen und ins Abseits zu stellen, sondern ihnen einen Gestaltungsspielraum für ihre Leben zu ermöglichen. Mehr Selbstvertrauen, mehr Selbstbewusstsein für den Osten, für gelebte Leben, für Erfahrungen: Das wäre die beste Remedur gegen Engstirnigkeit und Xenophobie. Diese wachsen immer dort am besten, wo Minderwertigkeit erfahren wird, wo das Selbstvertrauen gering ist. Das sollten wir aus den zurückliegenden Jahren der Transformation gelernt haben.

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