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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Das Treffen der Spione – Dokumentarfilm über die Agententätigkeit von DDR-Bürgern für die CIA und den BND im Kalten Krieg
Foto: Bernd Lammel
Film

Das Treffen der Spione – Dokumentarfilm über die Agententätigkeit von DDR-Bürgern für die CIA und den BND im Kalten Krieg 

Enttarnte Top-Agenten der DDR, wie der Referent des Bundeskanzleramts, Günter Guillaume, sind bis heute im kollektiven Bewusstsein verankert. Doch es gab auch Gegenspieler in den eigenen Reihen. Staatsbürger der DDR, die für den sogenannten Klassenfeind Spionage im „Arbeiter und Bauernstaat“ betrieben. Anke Ertner hat drei V-Leute des BND und CIA aufgespürt und den Dokumentarfilm „Das Treffen der Spione“ gedreht.

Der Bundesnachrichtendienst bezeichnet den Dokumentarfilm der Journalistin, Regisseurin und Drehbuchautorin Anke Ertner als weltweit einmaliges Projekt – ein wenig wie James Bond, nur keine Fiktion. Anke Ertner thematisiert eine bisher kaum behandelte und doch zentrale Facette deutsch-deutscher Geschichte: die Ära der Spione während des Kalten Krieges.

Der Stoff ist Thema zahlreicher Romane und Filme, von John le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ bis zu Ian Flemings „James Bond“, aber über die echten Spione aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung ist nur wenig bekannt. Die meisten sind verstorben oder schlicht nicht auffindbar – und Spione sind über ihre aktive Zeit hinaus zum Stillschweigen verpflichtet. Regisseurin Anke Ertner hat dennoch drei ehemalige West-Agenten im Osten aufgespürt und vor die Kamera gebracht. Neben ihrer bürgerlichen Existenz als Koch, Forstarbeiter und Kfz-Spezialist in der DDR beobachteten sie mit ausgeklügelter Spionagetechnik militärische Einrichtungen und trafen auf politische Führer wie Honecker, Gorbatschow und den jungen Wladimir Putin.

Im Gespräch mit NITROerzählt Anke Ertner, weshalb sie 31 Jahre nach dem Mauerfall einen solchen Dokumentarfilm gedreht hat, wie sie ihn finanzierte und wie sie die Ex-Spione fand, die zwischen den 1950er und 1980er Jahren aus unterschiedlichen Gründen für den BND und die CIA spionierten.

? Ihr Dokumentarfilm „Das Treffen der Spione“ thematisiert die Agententätigkeit von DDR-Bürgern für die CIA und den BND im Kalten Krieg. Wie sind Sie auf den Filmstoff gekommen?

! Als ich begann, als Journalistin und Dokumentarfilmerin zu arbeiten, war das Kapitel der Spionage zwischen Ost und West weitgehend abgeschlossen. Mein erster Film „Generation 89“ thematisierte die Wendezeit meiner Generation. Im Zuge der Auswertung dieses Filmes brauchte der britische Autor John le Carré bei der Recherche seines Buches „Das Vermächtnis der Spione“ Hilfe in Berlin. Eine Kollegin aus London hat mich empfohlen, und so kam ich mit John le Carré zusammen. Wir trafen uns und kamen sehr gut miteinander klar.

? Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit John le Carré vorstellen?

! Er hat ein großes Netzwerk an Mitarbeitern, seine Söhne haben eine Produktionsfirma, die seine Filme herausbringt, und mit dieser Firma Ink Factory begann die Zusammenarbeit für das Buch „Das Vermächtnis der Spione“. Irgendwann im Laufe der Recherchen kam John le Carré selbst nach Berlin. Ich traf ihn und erzählte aus meiner Biografie. Dann bat er darum, meinen Vater zu treffen.

? Aus welchem Grund?

! Mein Vater ist ehemaliger NVA-Offizier, und John le Carré hat in den späten 1950ern, frühen 1960ern in Berlin beim britischen Militär gearbeitet – jedenfalls hieß es damals offiziell so. Ich glaube aber, dass in seinem Leben der britische Geheimdienst auch eine Rolle gespielt hat, sonst hätte er diese Einblicke nicht gehabt. Wir sind gemeinsam zwei Tage durch Berlin gefahren, an Orte, die ihn interessierten. Dann haben wir meinen Vater getroffen, und er hat sich mit ihm ausgetauscht. Ich glaube, es war für beide sehr interessant.

? Wo haben Sie für John le Carré recherchiert?

! Ich war fast ein Jahr im Stasi-Archiv, habe Akten und bestimmt mehrere 10.000 Seiten recherchiert – speziell aus den 1950er und frühen 1960er Jahren. Es ging um Themen wie: Wie agierte nach Auffassung der Staatssicherheit der britische, amerikanische und französische Geheimdienst im Kalten Krieg? Was wusste die Staatssicherheit über die Agenten dieser Geheimdienste in der DDR? Dabei fiel mir auf, und das war wie ein Erwachungsmoment für mich, dass ganz normale Bürger, Fleischer, Lehrer, Schlosser für westliche Geheimdienste spioniert haben und dass das eigentlich kaum bekannt ist.

? Sie hatten sofort die Idee, daraus einen Dokumentarfilm zu ­machen?

! Ich dachte, wenn die Recherche für John le Carré abgeschlossen ist, werde ich das Thema für mich recherchieren. Vor drei oder vier Jahren stellte ich in der Stasiunterlagenbehörde einen Medienantrag, um im Archiv recherchieren zu können. Nach einem weiteren Recherchejahr hatte ich drei Protagonisten gefunden. Ursprünglich waren es vier Ex-Spione, aber ein Protagonist ist im Verlauf der Trailer-Produktion verstorben.

? Sie haben in den Stasiakten die Namen der Spione gefunden?

! Nein. Es ist nicht so, dass man sich ins Archiv der Staatssicherheit setzt und dort Klarnamen liest. Es ist sehr viel schwieriger und komplizierter, denn Namen sind geschwärzt. Ich hatte zwar Tausende Akten von Leuten gefunden, die in den 1950er, 1960er, 1970er, 1980er Jahren für westliche Geheimdienste gearbeitet hatten, aber ich wusste nicht, wie sie heißen. Zusammen mit meiner Kollegin Natascha Gillenberg, die mich bei der Recherche unterstützt hat, haben wir alle Institutionen in Deutschland angeschrieben, die in irgendeiner Weise etwas mit der Aufarbeitung des DDR-Regimes oder mit der deutsch-deutschen Geschichte zu tun haben. Nach einem langwierigen Prozess hatten wir vier Namen herausbekommen.

? Was meinen Sie, warum hat sich kaum jemand für Personen aus dem Osten interessiert, die für westlichen Geheimdienste spioniert haben?

! Nach der Wende war das Thema Stasi-Aufdeckung so groß und so präsent, dass sich kaum jemand für die Spione interessierte, die in umgekehrter Richtung spioniert haben. Mein Film hatte allerdings nie den Ansatz der Aufarbeitung der Arbeit von Westspionage. Das kann man mit einer kleinen Produktionsfirma gar nicht leisten. Ich wollte die Ex-Spione fragen, warum sie spioniert und sich in eine so große Gefahr gebracht haben. Geld war nach Aussagen der drei nicht das Motiv. Raimund, der in den 1950er Jahren spioniert hat, ­betont in jedem Gespräch, dass er außer Spesen kein Geld für die ­Informationen bekommen hat.

? Wie haben Sie mit den Ex-Spionen Kontakt aufgenommen?

! Das war ein ganz langsamer Prozess. Als ich Namen, Adressen und Telefonnummern hatte, habe ich angerufen, um mich vorzustellen und mein Anliegen zu erklären.

? Wie war die Reaktion?

! Keiner von den drei Ex-Spionen war am Telefon sofort begeistert. Ich habe dann jeweils einen Termin zum Kennenlernen vereinbart, und diese Treffen verliefen sehr unterschiedlich. Raimund August, der älteste der Ex-Spione, der Anfang der 1950er Jahre spioniert hat, als er 17 beziehungsweise 18 Jahre alt war, stellte eine Bedingung: Er wollte, dass ich sein Buch lese, bevor er sich mit mir trifft – es hat 800 Seiten.

? Sie haben es gelesen?

! Natürlich, es war seine Bedingung. Ich habe sein Buch in drei oder vier Tagen gelesen, und als wir uns dann trafen, hatten wir beide gleich eine sehr große Sympathie füreinander. Er fand mein Projekt interessant und hat nach zwei Stunden Kaffeetrinken zugesagt.

Bei Norbert war es anders: Der hat in den 1980er Jahren spioniert. Um Kontakt zu einem Geheimdienst aufzunehmen, hatte er seine Mutter in den Westen geschickt und ihr gesagt: „Erkundige dich mal, wie ich für den BND spionieren kann.“ Er wurde 1988 enttarnt und saß im Gefängnis, als die Mauer fiel. Er war lange nicht sicher, ob er am Film mitarbeiten sollte, und bis zum Dreh war nicht klar, ob er und seine Frau sich auf mich einlassen.

? Das ist sicher eine schwere Entscheidung.

! Ganz sicher sogar, denn ein Spion verpflichtet sich, niemals über seine Arbeit zu reden. Selbst wenn, wie im Fall der DDR, das Gesellschaftssystem zusammenbricht, dürfen Spione nicht über ihre Arbeit reden. Bei Eberhardt war es ganz anders. Er hatte bereits Erfahrung mit Medien, weil er über seinen Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke in den 1980er Jahren schon im Fernsehen gesprochen hatte. Erstaunlicherweise war Eberhardt am wenigsten begeistert von meinem Anliegen …

? Wissen Sie weshalb?

! … ich glaube, er hat mir nicht zugetraut, dass ich dem Filmstoff „gewachsen“ bin. Am Ende war der erste Dreh mit ihm in Berlin so erfolgreich, dass er sagte: „Gut, ich mache mit.“

? Die Umsetzung des Dokumentarfilms erinnert an Dokumentationen von Al Jazeera. Die lassen auch die Protagonisten reden – ohne Moderator, der die Aussagen in eine Richtung lenkt oder durch Suggestivfragen beeinflusst.

! Das war auch mein Ansatz, denn in einem Dokumentarfilm ist das genau richtig. Ich wollte, dass die Protagonisten dem Zuschauer durch ihre Aussagen näherkommen. Tatsächlich werde ich häufig auf diese Machart des Filmes angesprochen und gefragt, ob ich es mir damit nicht schwergemacht habe, und ich antworte: Nein, es ist ein Dokumentarfilm. Und ich möchte dem Zuschauer nicht das Denken abnehmen.

? Wir werden jetzt nicht über den Inhalt des Films sprechen, den können sich interessierte Leser ansehen. Wann haben die drei Ex-Spione den Film zum ersten Mal gesehen, und wo fand die Premiere statt?

! Anfang dieses Jahres hatte der Film im Spionagemuseum in Berlin Premiere und eine Woche später in Bad Kissingen – dort wohnt einer der Ex-Spione heute. An beiden Premieren haben alle drei Ex-Spione teilgenommen. In Berlin war es das erste Treffen der drei nach den Dreharbeiten, die sie zuvor erstmalig an genau diesem Ort zusammengeführt hatte.

? Wie haben die drei Protagonisten den fertigen Film aufgenommen?

! Ich hatte den Eindruck, dass allen ein Stein vom Herzen gefallen ist. Mir übrigens auch. Denn es braucht eine Menge Vertrauen, Menschen dazu zu bringen, mir ihre Geschichte zu erzählen – vor allem eine Geschichte, über die sie seit Jahrzehnten kaum gesprochen haben und die nun einem breiten Publikum gezeigt wird. Für diesen enormen Vertrauensvorschuss, den sie mir entgegengebracht haben, bin ich sehr, sehr dankbar.

? Haben Sie für den Dokumentarfilm Geld von der Filmförderung erhalten?

! Nein! Wir haben zwar den ganzen Prozess der Filmförderung durchwandert. Am Ende stand eine große Enttäuschung: Obwohl wir alle nötigen Partner im Boot hatten, bekamen wir eine Absage. Wir hatten einen Fernsehsender, der einsteigen wollte, einen deutschen Filmverleih, einen internationalen Vertrieb, und das Goethe-Institut hatte Interesse. Es gab sogar einen weiteren Fernsehsender, der an einer Zweitauswertung interessiert war. Mehr Partner kann man nicht für ein Projekt begeistern. Aber wir haben trotzdem keine Filmförderung bekommen.

? Wie wurde der Film am Ende finanziert?

! Ein Teil wurde durch Crowdfunding finanziert, und ich habe mir Geld geliehen, mein privates Geld reingesteckt, und meine Familie und Freunde haben mich unglaublich unterstützt. Außerdem ist mir mein Team mit ihren Tagessätzen entgegen gekommen – von Kameramann bis Cutter und Grafiker. Mein Mann hat die Musik geschrieben, und ich habe Regie und Drehbuch übernommen und war die Produzentin – alles ohne Honorar.

? Der Film ist auf DVD erschienen. Diese Kosten mussten auch aufgebracht werden…

! Klar, diese Kosten kamen noch on top. Ich bin froh, dass der Film, der ein Herzensprojekt von mir ist, trotzdem erscheinen konnte. Aber ich kann so etwas nicht öfter wiederholen, ein Projekt mit einem großen Minus umzusetzen.

? Der Film ist mehrsprachig produziert – mit Untertiteln in Englisch, Französisch, Spanisch – um auch ein internationales Publikum zu erreichen. Wo kann man ihn kaufen?

! Im Spionagemuseum, bei Dussmann und auf Amazon.

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