Neustes Heft: Jetzt bestellen!

Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Buchrezension: Depeche Mode – die offizielle, illustrierte Geschichte der Kultband
(c) Anton Corbijn
Aktuell

Buchrezension: Depeche Mode – die offizielle, illustrierte Geschichte der Kultband 

Von Jens Schrader

Die offizielle, illustrierte Geschichte der Kultband Depeche Mode, fotografiert von dem niederländischen Künstler Anton Corbijn, ist im XL-Format bei TASCHEN erschienen. Und natürlich enthält sie Worte, aber eigentlich werden sie nicht gebraucht.

Die großartige Partnerschaft zwischen DM und AC beginnt mit einem Zufall. Der Musiker Frank Tovey – besser bekannt unter seinem Pseudonym Fad Gadget – hatte Anton Corbijn alias AC gebeten, seine Konzerte zu fotografieren. Im Vorprogramm des New-Wave-Pioniers trat ein Support-Act auf: vier Jungs, ihre Band nannten sie Depeche Mode oder kurz DM. „Sie waren mir zu ‚poppig‘, deshalb achtete ich nicht so sehr auf sie.“, schreibt der Niederländer auf den ersten Seiten des in jeder Hinsicht XL-formatigen Bildbandes. Aber fotografiert hatte er sie trotzdem. Was für ein Glück, wie er selbst Jahrzehnte später feststellt: „Auf diese wenigen Aufnahmen der frühen Depeche Mode zu stoßen, fühlte sich an, wie einen kleinen Schatz zu finden.“

Die Bilder entstanden im April 1981, als Anton Corbijn, damals 26, der noch unbekannten Band Depeche Mode zum ersten Mal begegnete. Dieser Konzertabend sollte der Anfang der ganz und gar ungewöhnlichen, kreativen und (jahrzehnte-)langen gemeinsamen Reise von Depeche Mode und Anton Corbijn stehen. Das Magazin GQ nennt diese Kooperation im Rückblick treffend eine „geniale Symbiose“. Anton Corbijn fotografierte DM zwar im August des gleichen Jahres erneut – diesmal im Auftrag des Musikmagazins NME, denn Depeche Mode hatten in der Gründungsbesetzung Dave Gahan, Martin Gore, Andy Fletcher und Vince Clark gerade ihr Debütalbum „Speak & Spell“ veröffentlicht – doch erst fünf Jahre später trafen sich der Fotograf und die Synth-Rock-Band in Los Angeles wieder. Andy Fletcher erinnert sich: „’86 haben wir ihn uns geschnappt, was zu dem Video für ‚A Question Of Time‘ in LA führte. Der Rest ist Geschichte.“

Anton Corbijn wurde so etwas wie der Art Director von Depeche Mode, der Wächter ihrer Marke. Sein Wirken prägte den Look der Band und begründete außerhalb der Musik ihren Kultstatus. Dave Gahan sagte anlässlich der Aufnahme der Band in die „Rock & Roll Hall of Fame“ im November 2020: „Ich möchte mich bei Anton Corbijn bedanken, der Gott sei Dank zur richtigen Zeit zu uns stieß und uns tatsächlich cool aussehen ließ.“ Corbijn hat für Depeche Mode etwas Einmaliges, Unverwechselbares geschaffen und dem Sound der Band zur Seite gestellt. Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan sagt: „Anton war in der Lage, dem DM-Sound, den wir zu kreieren begannen, eine visuelle Identität zu geben.“ Corbijns Kreativität drückte sich aber nicht nur in der Fotografie aus. Der Niederländer realisierte ikonische Musikvideos wie „Personal Jesus“ oder „Enjoy the Silence“, entwarf Albumcover, konzipierte Stage Visuals oder auch ganze Bühnenausstattungen. Zu seinen begeistertsten Anhängern gehört die Band selbst. „Ich kann ehrlich sagen, dass ich nie irgendeines der lächerlichen Outfits, die ich tragen musste, oder die Rollen, die ich in Antons Videos, Filmen oder Fotos spielen musste, infrage gestellt habe. Wir waren schon große Fans seiner Kunst, bevor wir mit ihm zu arbeiten begannen …“, sagt Martin Gore.

Um diese Kunst zu beschreiben, zitiert Simon Bainbridge, Chefredakteur des British Journal of Photography, in der Einleitung der buchgewordenen Hommage „DM AC 81 – 18“ die langjährige Kuratorin des International Center of Photography in New York, Kristen Lubben. Corbijn rufe in seinen Porträts eine Art „struppigen Glamour“ hervor. Ihr hoher Kontrast und ihre Körnigkeit heben seine Aufnahmen von anderen ab. Allein das ist es aber nicht. Anton Corbijn hat der Musikfotografie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre eine neue Substanz verliehen. Mehr noch als innovative Kompositionen und ein souveränes Spiel mit Licht und Schatten hebt die seinen Bildern innewohnende Ernsthaftigkeit den Fotografen und die von ihm Fotografierten in eine höhere Sphäre. Diese Intensität des Arbeitens, des Auseinandersetzens spürt man beim Betrachten seiner Bilder permanent. Und noch etwas anderes, etwas aus den Anfangsjahren seiner Karriere, weit vor Depeche Mode, hat Corbijn den Schlüssel zu seinem Stil verschafft: die Zusammenarbeit mit Herman Brood, welche dem später größten Rockstar Hollands zu einem visuellen Image verhalf. „Ich begriff, welchen Wert es hat, wenn dir jemand vertraut. Dann erhält man Zugang zu Situationen, die normalen Fotografen verschlossen bleiben. Also man bekommt andere Bilder“, erinnert sich Corbijn.

Diese Nähe zu den Künstlern war das Geheimnis der besten Musikfotografen. Corbijn störte aber auch daran noch etwas, nämlich der Umstand, dass diese Bilder für ein Publikum entstanden, das diese Musik liebte. Er wollte noch weitergehen. „Ich war auf ein breiteres Publikum aus; ich wollte Menschen fotografieren, nicht Musiker.“ So zeigt er das Unverfälschte. Ohne Tricks und Kniffe. Auf das Wesentliche reduziert. Mit vorhandenem Licht und großem Gespür für den Augenblick der Wahrheit.

Für Depeche Mode, zweifellos eine der größten Kultbands des Planeten, wurde Anton Corbijn – der Sohn eines protestantischen Pfarrers – vom Fotoautodidakten zu einem stilprägenden Visualizer. „Vieles blieb einfach an mir hängen, und ich wollte, dass es richtig für sie ist. Ich wollte für sie denken. Für sie genial sein.“ Dieser Bildband zeugt von der Tiefe und Breite dieser Genialität und feiert eine der kreativsten und beständigsten Verbindungen der Musikgeschichte.

Depeche Mode by Anton Corbijn (81−18)

Anton Corbijn, Reuel Golden

Preis: 100 Euro

(Deutsch, Englisch, Französisch)

ISBN 978-3-8365-8670-2

www.taschen.com

Für alle Depeche Mode Fans ein weiteres, ganz besonderes Highlight!

Anton Corbijn signiert am Donnerstag, den 7. Oktober, von 18 bis 19 Uhr im Kölner TASCHEN Store, Neumarkt 3, 50667 Köln das Buch Depeche Mode by Anton Corbijn.

 

Ähnliche Beiträge