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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Dokumentarfilm „Verlorene Sterne“: Human glaubt nicht mehr
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Dokumentarfilm „Verlorene Sterne“: Human glaubt nicht mehr 

Von Katharina Dockhorn

Im ersten Golfkrieg gerät der Iraner Human Mirrafati in irakische Kriegsgefangenschaft, in deren Folge er fünf Jahre im Gefängnis verbringt. Während dieser Zeit ist er unfassbarem Leid ausgesetzt – er verliert seinen Glauben, wird zum Atheisten. Als er 1990 schließlich freikommt und in seine Heimat zurückkehrt, wird er nun dort festgenommen und gefoltert. Der Grund: Die islamische Republik ahndet den Abfall vom Glauben mit der Todesstrafe. Der Dokumentarfilmer Amir Abdolreza Kohanrouz, hat die Geschichte des Human Mirrafati nach dessen Buch nun ins Kino gebracht.

Die Sterne – Human Mirrafati hatte sie während seiner Haftzeit so sehr vermisst. Als er sie auf der Fahrt zurück in seine Heimat endlich wieder bewundern kann, liegen fünf Jahre in dunklen Gefängnisräumen hinter ihm. Dieser Moment hat sich tief in sein Gedächtnis eingegraben, zugleich ist es ein Moment der Hoffnung und der Angst.

Die Sterne werden für den 1962 im Norden des Iran geborenen Tischler zu einem Leitmotiv, als er seine Erinnerungen an die Schrecken der Haft und die Verfolgung im Iran zunächst zu Papier bringt und sich für den gleichnamigen Film nochmals ins Gedächtnis ruft.

Der irakische Diktator Saddam Hussein ist nicht zimperlich, um die Soldaten zu brechen. Die Genfer Konvention zur humanen Behandlung von Kriegsgefangenen wird ignoriert. Die Inhaftierten haben Hunger, sind entwürdigend untergebracht und werden systematisch gefoltert. Bald besteht Human Mirrafati nur noch aus Haut und Knochen, er ist mehrmals nahe an dem Punkt, mit dem Leben abzuschließen.

Bewegende Erzählung von Folter und innerer Stärke

Mirrafatis Bericht über die Erlebnisse wird zum Herzstück des Films des in Prag lebenden Regisseurs Amir Abdolreza Kohanrouz. Die Schicksale Flüchtender sind Themen, die ihn packen. Bereits 2008 folgt er in seiner Doku „East … dreams West“ afghanischen Flüchtenden auf dem beschwerlichen Weg aus ihrer zerstörten Heimat bis nach Griechenland. In „Greeks on uncertain flight“ fängt er 2013 die Stimmung in dem von der Wirtschaftskrise gebeutelten Land ein, in dem er elf Jahre lebte. Auf Human Mirrafatis Schicksal wird er durch ein Interview aufmerksam, das sein Bruder nach dem Erscheinen von dessen Buch „Verlorene Sterne“ für den persischsprachigen Dienst der BBC mit dem Deutschiraner führt.

Als Drehort wählt er eine verfallene russische Kaserne in Schönwalde bei Berlin. Auf Wunsch des Regisseurs erzählt Human Mirrafati, der mittlerweile gut Deutsch spricht, in seiner Muttersprache Farsi von den von ständiger Angst geprägten Tagen im Gefängnis und den Ereignissen nach der Rückkehr in den Iran. Seine Erzählungen machen die Folter und den Schrecken noch plastischer, als es das Buch vermag, und lassen dem Zuschauer einen Schauder über den Rücken laufen.

Und der ist durchaus beabsichtigt. Human Mirrafati will nicht nur all jenen eine Stimme geben, die die Gefangenschaft nicht überlebten, an den Repressalien zerbrochen sind oder über ihr Leid schweigen. Mit seinem Plädoyer will er wachrütteln und ein klares Zeugnis gegen jede Form von Krieg und Gewalt ablegen. Krieg werde niemals ein Problem lösen, und die Soldaten werden für eine falsche Sache missbraucht, schloss er aus seinen eigenen Erfahrungen, und diese Haltung macht er seit Jahren bei Lesungen und öffentlichen Auftritten deutlich.

Gegen den Heldenkult in seiner Heimat

In seiner Heimat wird der 1. Golfkrieg, der 1981 bis 1989 zwischen dem Iran und Irak tobte, dagegen bis heute glorifiziert, und die Gefangenen werden zu Helden stilisiert. Im Westen würden wir die Mehrzahl der Bücher und Filme, die zu diesem Thema erscheinen, als Propagandawerke einstufen.

Zu solch einer Heldensaga taugt „Verlorene Sterne“ nicht. In Mirrafatis Heimat wird das Buch in elektronischer Form in persischer Übersetzung von Leser zu Leser weitergereicht, auch der Film wird dort wohl nie offiziell herauskommen.

Geflüchtete als Laienschauspieler

Seinen Weg in die Freiheit begleitet seine Frau Sigrid, die Liebe seines Lebens. Sie ergänzt seine Erzählungen vom Neuanfang in Berlin. Sie verlieben sich ineinander, als sie für ihn während der Behandlung beim Traumatherapeuten Dr. Sepp Graessner übersetzt. Sie haben zwei Söhne, die im Film mitwirken, aber nicht interviewt werden wollen.

Um den Film mit Bildern zu unterfüttern, inszeniert Amir Abdolreza Kohanrouz einige Folterszenen und verfremdet sie stark. Vor der Kamera stehen Geflüchtete, um die sich Mirrafati und eine Initiative aus dem brandenburgischen Falkensee kümmern. Sie organisieren Begegnungen zwischen Zugereisten und Einheimischen und stehen ihnen beim Neuanfang bei. Mirrafati hilft ihnen als Sprachmittler und kümmert sich um ärztliche Hilfe, da er selbst um die psychischen und physischen Belastungen durch Krieg und Terror weiß, die ihn noch heute nachts manchmal einholen.

Sein Engagement ist nicht allen recht, zweimal wird er Opfer rechtsradikaler Übergriffe. Erneut lässt er sich nicht entmutigen und schleust die Ankommenden aus aller Welt weiter durch den deutschen Bürokratiedschungel. Der Neuanfang war auch für ihn schwer. Seine Ausbildung als Tischler wird in Deutschland nicht anerkannt, er muss erneut in die Lehre gehen. Auch die Fahrerlaubnisprüfung legt er ein zweites Mal ab.

Engagement für ein von Toleranz geprägtes Miteinander

Außerdem gründete er zusammen mit einigen Bürgern aus Falkensee den Verein „Pro Urknall“, der sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt, sich kritisch mit allen Religionen auseinandersetzt und stattdessen für eine tolerante, demokratische und weltoffene Gesellschaft engagiert.

Human Mirrafati will mit seinem sozialen und gesellschaftlichen Engagement der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben, die ihn gastfreundlich empfangen hat. Er will uns teilhaben lassen an seinen Erlebnissen und Verständnis wecken für alle, die ein ähnliches Schicksal haben. Obwohl er in Berlin längst heimisch wurde und in der Arbeit im heimischen Garten Ruhe findet, sind seine Gedanken oft im Iran. Heute verfolgt er in den Nachrichten, wie sich die Stimmung in dem von Corona und Sanktionen gebeutelten Land entwickelt, in dem Medikamente und Benzin knapp sind. Die geringe Beteiligung an den Wahlen vor wenigen Wochen ist für ihn ein Zeichen der Hoffnung auf einen Wandel in seiner ersten Heimat.

Filmpremiere

Dienstag, 14. September 2021, um 20 Uhr in Anwesenheit des Filmemachers und ­Human Mirrafatis sowie ­weiterer Gäste.

Ort: Kino Babylon Berlin
, Rosa-Luxemburg-Str. 30
, 10178 Berlin

Katharina Dockhorn arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Film- und Fernsehkritikerin sowie Redakteurin für Fernsehen, Zeitungen, Fachzeitschriften und Online-Publikationen. Zu ihren Veröffentlichungen zählen zwei Buchbeiträge über den Regisseur Atom Egoyan und den Filmstandort Babelsberg. Regelmäßig wird sie in Jurys internationaler Filmfestivals in Berlin, Kairo, Wladiwostok, Kiew, Isfahan und Annecy berufen.

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