Neuestes Heft: Jetzt bestellen!

	Die vierte Gewalt am Limit?
Trump fehlt politischer Kompass
Bildschirmfoto (c) Bernd Lammel
Top

Trump fehlt politischer Kompass 

Mit seinem Buch „Der Masterplan der Trump-Regierung: Project 2025“ schaffte es David Andrew Graham in die Bestsellerliste der New York Times. Dabei ist sein Werk schwer verdauliche Kost. Nicht wegen des Stils, sondern wegen seiner treffsicheren Analyse, die einem mehr als nur ein beunruhigendes Gefühl auf das, was da noch kommen mag, vermittelt. N führte ein Interview mit dem Autor über sein Buch „Project 2025“, die Pressefreiheit in den USA und den fehlenden politischen Kompass Donald Trumps.

? Ihr Buch „The Project: How Project 2025 Is Reshaping America“, das Sie während des Wahlkampfs in den USA geschrieben haben, wurde im Mai 2025 in Deutschland veröffentlicht. Als es erstmals in den USA erschien, sagten Journalisten, es habe echten Mut erfordert, so etwas in der aktuellen politischen Situation zu veröffentlichen – eine Aussage, die man eher in einer Autokratie erwartet hätte, nicht in den USA. Wie viel Mut war nötig, dieses Buch zu schreiben und zu veröffentlichen? Und wie wurde es in den USA aufgenommen?

! Ich weiß nicht, ob es wirklich so viel Mut erfordert hat, aber die Lage für die Presse fühlt sich derzeit sehr merkwürdig an. Einerseits habe ich nicht das Gefühl, dass mich einer meiner Artikel persönlich in Gefahr bringt. Andererseits gibt es ganz klar ein Klima, in dem die Regierung versucht, die Presse einzuschüchtern und in manchen Fällen sogar zu unterdrücken. Als Reporter ist es momentan schwer einzuschätzen, wie riskant die eigene Arbeit ist. Am ehesten in Gefahr fühle ich mich auf den Trump-Kundgebungen. Aber im Großen und Ganzen gibt es in den USA immer noch Pressefreiheit. Die Resonanz auf das Buch war am Anfang verhalten, aber die Menschen wollen verstehen, was gerade passiert in den USA und was als Nächstes kommen könnte. „Project 2025“ war dabei ein sehr hilfreicher Leitfaden, und ich glaube, viele finden darin eine Orientierung, woher diese Ideen stammen.

? Sie sind politischer Journalist beim Magazin The Atlantic, einem sehr traditionsreichen Blatt. Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet, und wie viel Unterstützung erhielten Sie von der Redaktion und von Chefredakteur und Herausgeber Jeffrey Goldberg – insbesondere da er zwei Monate vor der Buchveröffentlichung versehentlich in einer Signal-Gruppe die Angriffspläne der Trump-Regierung erhalten und veröffentlicht hatte?

Unterstützung von den Journalisten von The Atlantic

! Es begann alles mit Jeffrey Goldberg. Ich hatte schon vor dem Buch „Project 2025 Der Masterplan der Trump-Regierung“ während des Wahlkampfs ein Buch geschrieben und dann im November nach der Wahl mit „Project 2025“ begonnen. Es ging alles sehr schnell. Meine Kollegen von The Atlantic haben mich sehr unterstützt. Das Thema gehört zum Schwerpunkt unserer Berichterstattung. Jeffrey Goldberg ist sehr klar und entschlossen darin, dass wir in der Redaktion starke Recherchen veröffentlichen und die Entwicklungen offen und verständlich darstellen. Nicht aus Aktivismus, sondern um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er ist ein Vorbild für mich, und ich bin froh, dass The Atlantic diese Linie beibehält.

? In Ihrem Buch analysieren Sie das „Mandate for Leadership – Project 2025“, das von der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation noch vor dem Wahlkampf veröffentlicht wurde. Dieses Dokument legte einen politischen Masterplan zur radikalen Umgestaltung der US-Regierung unter einer möglichen zweiten Amtszeit von Trump dar. Können Sie die Kernideen von Project 2025 für diejenigen zusammenfassen, die Ihr Buch noch nicht gelesen haben?

! Die Strategen glaubten, dass Trumps erste Amtszeit unter ihren Erwartungen blieb – nicht, weil Trump scheiterte, sondern weil es keinen Masterplan und kein geeignetes Personal gab. Das wollten sie ändern. Die Hauptziele sind:

Wer im Regierungsapparat arbeitet, soll absolut loyal sein.

Die Exekutive soll unter vollständige Kontrolle gebracht werden, sodass der Präsident mehr Macht erhält als je zuvor.

Diese Macht soll genutzt werden, um eine strikt rechte Agenda durchzusetzen – mit detaillierten Plänen für praktisch jedes Ministerium. Ziel ist eine stärker traditionelle, sehr christliche, konservative Gesellschaftsordnung.

Elon Musk – ein wichtiges Werkzeug der Regierung

? Hat Elon Musk beim Project 2025 eine aktive Rolle gespielt? Wurde er durch seine 285-Millionen-Dollar-Spende an Trumps Wahlkampf prominent eingebunden oder wollte Trump sich lediglich mit dem reichsten Mann der Welt schmücken?

! Trump wollte sich ganz sicher mit dem reichsten Mann schmücken, und Musks Spende öffnete ihm definitiv Türen. Als Project 2025 entworfen wurde, war Musk noch nicht Teil des Trump-Lagers, die Autoren standen dem Big Tech sogar feindlich gegenüber. Aber als Musk sich der Regierung anschloss, erkannten sie, dass er ein nützliches Werkzeug sein würde – etwa beim Abbau des öffentlichen Dienstes oder bei der Machtkonzentration für Trump. So wurde Elon Musk zu einem Instrument ihrer Strategie.

? Trumps Regierungsstil wirkt oft unstrukturiert und chaotisch. Im Gegensatz dazu präsentiert Project 2025 einen detaillierten methodischen Plan. Gibt es tatsächlich eine strategische Struktur hinter all dem, beziehungsweise wie passt beides zusammen?

Die Autoren von Project 2025 hatten erkannt, dass ihnen Trumps Chaos Spielraum verschaffen kann. Es gibt Dinge, die Trump sehr wichtig sind – etwa Migration und Zölle –, es gibt aber auch viele Dinge, die ihn kaum interessieren. Zudem geht es ihm um Vergeltung. Die Heritage Foundation bot Trump mit Project 2025 einen Weg, Kontrolle zu gewinnen, Rache zu nehmen und seine Ziele umzusetzen. Das wiederum ermöglichte ihnen, ihre eigene Agenda voranzutreiben und in Trumps Chaos methodisch verdeckt umzusetzen. Es gibt allerdings auch Konflikte – zum Beispiel, wenn Trump sich von Verbündeten abwendet, obwohl Project 2025 eine Zusammenarbeit ausdrücklich empfiehlt.

Autoritäre Mittel, statt Machtbegrenzung

? 2024 sagte der Präsident der Heritage Foundation, Kevin Roberts: „Wir befinden uns inmitten einer zweiten Amerikanischen Revolution – sie bleibt blutlos, wenn die Linke es zulässt.“ Wen meint er konkret mit „die Linke“?

! Alle, die seinen Plänen widersprechen. Das schließt Intellektuelle, Akademiker, Journalisten, Demokraten – aber auch gemäßigte Republikaner ein. Es ist eine „manichäische* Sichtweise: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – also „links“.

? Trump hat nach Amtsantritt in rasantem Tempo Dekrete erlassen, um seine Wahlversprechen umzusetzen. Aber Dekrete sind keine Gesetze und brauchen keine Zustimmung des Kongresses. Hat Sie überrascht, wie schnell er versucht, die USA nach seinen Vorstellungen umzubauen?

! Ja, etwas überrascht war ich schon – obwohl ich es eigentlich hätte erwarten müssen, nachdem ich das Buch geschrieben hatte. Viele dieser Schritte sind genauso im Project 2025 vorgesehen. Der Einsatz von Dekreten wird dort sogar ausdrücklich empfohlen – um den Kongress zu umgehen. Das ist ein Bruch mit der traditionellen Haltung der Rechten, die eigentlich für Machtbegrenzung und Gewaltenteilung steht. Jetzt setzen sie auf autoritäre Mittel, aber die sind fragil, weil sie nicht gesetzlich verankert sind.

? Trump gilt vielen als unberechenbar – sei es bei den Zöllen, beim Versuch, das Bildungsministerium abzuschaffen, oder in seiner Haltung zu Putin. Was steckt hinter seinem scheinbar unstrukturierten Regierungsstil?

! Er kennt sich mit vielen Themen einfach nicht aus. Deshalb ist die letzte Person, mit der er gesprochen hat, oft am einflussreichsten. Er trifft Entscheidungen spontan, ohne Hintergrundwissen oder ideologische Orientierung. Es fehlt ihm an einem politischen Kompass.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Ausgabe „USA: Wenn nichts mehr sicher ist“

Das Interview führten Bernd Lammel und Bettina Schellong-Lammel

*„Manichäisch“ bezieht sich auf den Manichäismus, eine dualistische Religion aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. von „mani“, gegründet. „Manichäisch“ wird auch verwendet, um eine Denkweise zu beschreiben, die von einem starken Dualismus zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis oder Geist und Materie geprägt ist.

Ähnliche Beiträge

Datenschutz-Übersicht
Logo

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von Ihnen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind.

Unbedingt notwendige Cookies

Unbedingt notwendige Cookies sollten jederzeit aktiviert sein, damit wir Ihre Einstellungen für die Cookie-Einstellungen speichern können.

Drittanbieter-Cookies

Diese Website verwendet Matomo Analytics, um anonyme Informationen wie die Anzahl der Besucher der Website und die beliebtesten Seiten zu sammeln.

Diesen Cookie aktiviert zu lassen, hilft uns, unsere Website zu verbessern.