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Heft 2-2022 | PROPAGANDA
Digital

Erzwungene Digitalisierung in Deutschland 

Nicht billiger, sondern besser: Das muss das Ziel von Digitalisierung sein. Und es muss dabei echte Wahlfreiheit geben. Erzwungene Digitalisierung ist eine Sackgasse.

Ein Erlebnis aus dem Familienkreis: Sie hat eine E-Mail-­Adresse! Sie, das ist eine über achtzigjährige Verwandte, die weder tippen kann noch einen Computer besitzt, geschweige denn einen solchen bedienen könnte. Die Medien ihres Lebens sind das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das Telefon, die vielen handgeschriebenen Briefe, selten einmal das Telefax. Und damit pflegt sie ihr soziales Netz, das von der unmittelbaren Nachbarschaft, engerer Familie, der Verwandtschaft, dem Ort, in dem sie lebt, bis zum ganzen Land und darüber hinaus reicht. Und dieses Netz ist von einer Größe und Lebhaftigkeit, dass so mancher Jugendliche neidisch werden könnte. Likes auf Facebook oder Instagram? Unbekannt, wozu auch? Die sind wertlos. Ein soziales Netz kann analog sehr gut funktionieren, gänzlich ohne Viren und Spam. Warum um alles in der Welt hat sie eine Mailadresse, wenn es doch achtzig Jahre ganz prima ohne ging? Vor allem: Wie liest sie ihre Mails, ohne Computer?

Der Netzbetreiber ihres Mobilphones. Das Ding liegt die meiste Zeit in irgendeiner Ecke, nur auf den seltenen Reisen wird es wirklich benutzt. Aber eines Tages meldete sich der Netzbetreiber mit einer SMS und bat darum, doch bitte die Mailadresse mitzuteilen, damit man dorthin künftig die Rechnungen schicken könne. Und das tat er dann jeden Tag aus Neue, die SMS kamen und kamen. Und jede SMS vermittelte die Botschaft, das etwas nicht funktioniert, dass sie handeln müsse.

Die Firma, die E-Mails schicken will, hat selber keine

Man könnte glauben, das sei einfach: Man muss ja nur auf die SMS antworten: „Habe keine E-Mail“ oder Ähnliches. Weit gefehlt! Ebenso wenig, wie die SMS von einem Menschen versandt wurde, kann man darauf antworten. Die Antwort würde vermutlich auch niemand lesen.

Nun könnte der Firma ja jemand eine E-Mail schicken und darauf hinweisen, dass die Nutzerin dieser Mobilnummer selbst keine E-Mail hat. Weit gefehlt! Die Firma, die E-Mails schicken will, hat selber keine. Jedenfalls wird auf der gesamten Website keine genannt. Und von der Pressestelle des Konzerns heißt es: „Wir danken für Ihr Verständnis, dass das Presseteam nur redaktionelle Anfragen von Journalisten beantwortet.“ Man ahnt, warum.

Eine Hotline gibt es, die man anrufen kann. Für nur eine Gebühreneinheit aus dem Festnetz oder zu den üblichen Mobilfunkgebühren. So geschehen, zum Glück aus dem Festnetz. Dort meldete sich eine typische, sympathische, freundliche Stimme vom Band und wies auf eine voraussichtliche Wartezeit hin, ehe das obligate Hotline-Gedudel begann. Mitgestoppt exakt eine Stunde lang, ohne ein weiteres Wort. Nach einer Stunde wurde die Verbindung dann gekappt.

Die Firma, die von ihren Kunden verlangt, per E-Mail erreichbar zu sein, ist für ihre Kunden selbst nicht erreichbar. Aber der Wunsch des Unternehmens ist ja klar: Kaufen Sie sich einen Computer, richten Sie sich eine Mailadresse ein und drucken Sie Ihre Rechnungen selber aus …damit wir Kosten sparen können. Denn selbstverständlich plant die Firma nicht, sich an den Kosten für all das oder der dafür nötigen Weiterbildung zu beteiligen.

Es geht, wie so oft im Kapitalismus, nur darum, Kosten zu sparen. Und das gelingt auch. Die Kundin spürte, dass etwas „nicht funktioniert“. Was sie nicht realisierte: Das liegt nicht an ihr. Eigentlich hätte sie nur abwarten müssen, bis die Firma ihr die Rechnungen wieder per Post zuschickt, wie gewohnt. Abwarten, SMS löschen, stoisch ignorieren. Das fiel ihr mit jedem Tag schwerer. Obwohl auch ihr klar war, dass sie keine E-Mail braucht und nichts damit anfangen kann. Ein Verwandter hat ihr schließlich eine kostenfreie Mailadresse eingerichtet, die Rechnungen brauche man ja gar nicht, man könne ja auf den Kontoauszügen an den monatlichen Abbuchungen sehen, ob irgendwas los sei. So kann man das selbstverständlich auch sehen.

Vermutlich können viele Leser ähnliche Geschichten erzählen. Man kann das Verhalten der Firma als Frechheit bezeichnen (die es zweifellos ist). Oder auch als erfolgreiche Digitalisierung! Aber eben als eine Digitalisierung, die niemanden weiterbringt, außer vielleicht das Betriebsergebnis der Firma.

Lesen Sie den ganzen Text in der aktuellen Ausgabe.

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