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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Kommentar

Heide-Ulrike Wendt: Meine erste Reise in den Westen 

Heide-Ulrike Wendt erinnert sich an Zeiten, wo die Jugendweihe im Westen noch Konfirmation hieß. Oder umgekehrt?

Meine Eltern sitzen wie immer in der Veranda, als ich sie am 15. November 1987 besuche. Sie sind allein, und das ist ungewöhnlich, denn meist trinken sie mit meinem Bruder und meiner Schwester nachmittags einen Kaffee. 

„Wo sind denn die zwei“ frage ich, und mein Vater sagt mit vollem Mund: “Im Westen“, und knautscht weiter ungerührt an seinem Kuchen.

„Wie, im Westen?“ frage ich. „Sind sie geschäftlich in Magdeburg oder so unterwegs?“

„Nein“, sagt meine Mutter. “Sie sind bei Tante Erika in Göttingen. Sie feiert ihren 70. Geburtstag und hat die beiden eingeladen.“

„Na klar“, sag ich. „Und da sind zum Bürgermeister gegangen und haben gesagt: Lieber Genosse Berthold, hier ist eine Einladung von unserem Tantchen nach Göttingen. Bitte geben sie uns einen Pass, wir kommen auch ganz bestimmt wieder.“

„Genauso ist es“, bestätigt mein Vater. „Die Reisebedingungen für Bürger der DDR haben sich erheblich gelockert. Du weißt doch sonst immer alles besser.“

Ich werde krebsrot, und meine Mutter fächelt mir frische Luft ins Gesicht.

Na toll, meine Geschwister sind 25 Jahre nach dem Bau der Mauer das erste Mal wieder im Westen und ich sitze hier wie doof. 

„Dann fährst Du eben nächstes Jahr nach Göttingen“, tröstet mich meine Mutter. „Da feiert die älteste Tochter deiner Cousine Jugendweihe.“

„Drüben heißt das Konfirmation“, verbessert sie mein Vater, und nimmt sich noch ein Stück Kuchen.

Acht Monate später stehe ich wirklich mit meiner Schwester, zwei Koffern voller Räuchermännchen und mundgeblasenen Goethebarometern auf dem Bahnhof Friedrichstraße und warte auf den Zug.

„Stell dich nicht so dicht an den weißen Strich auf dem Bahnsteig“, warnt sie mich gerade, als eine harsche Stimme durch den Lautsprecher brüllt:

„Runder von der Bohnsteigmargierung, aber dalli.“ 

„Siehste“, sagt meine Schwester, „wären wir bloß mit den anderen im Auto mitgefahren.“

„Dann könnten wir doch aber auf der Rückfahrt nicht in Westberlin aussteigen und den Ku-Damm rauf und runter latschen“, fauche ich sie an.

„Brüll das doch noch lauter durch die Gegend“, faucht sie zurück und redet während der ganzen Fahrt kein Wort  mehr mit mir. 

Mein Bruder holt uns in Göttingen am Bahnhof ab, zeigt auf ein Haus gegenüber und sagt: „Guckt mal, wie da unterm Dach der Putz abblättert. Hier im Westen is och nich allet Gold, wat glänzt.“

Gut zu wissen.

Ich verkrafte alles. Die Bananen, die Bücher, Spaghetti al dente, Zugverbindungen nach Paris oder London, selbst die Kaugummiautomaten, die es an allen Ecken und Enden noch gibt. So, als wäre ich seit 1961 niemals weg gewesen. 

Aber dann fährt mein Bruder mit mir an die Grenze, und der Blick ins geteilte Land ist niederschmetternd: überall Metallgitterzäune, Hundestaffeln, Beobachtungstürme, Soldaten mit Kalaschnikows über der Schulter. Noch nie hatte ich die Grenze aus solcher Nähe gesehen und verstand plötzlich, warum meine Tante mich gefragt hatte: „Und Du kehrst zurück in dieses schreckliche Land?“ 

Vier Tage später fahre ich in der Nacht ohne meine Schwester zurück nach Berlin. Der Zug hält um 5.30 Uhr am Bahnhof Zoo und ich steige mit zitternden Knien aus, denn auf der Zählkarte ist das auch eindeutig zu sehen. Aber meine Neugierde ist größer als meine Angst vor dem DDR-Grenzregime.

Der Bahnhof ist dreckig, die Straße davor trostlos. Ein Typ mit roten Haaren fragt mich: „Haste mal `ne Mark?“ 

Nee, hab ick nich. Um neun Uhr treffe ich mich vor dem Europa-Center mit einem Freund. Er spendiert mir bei Möwenpick einen Freundschaftseisbecher mit 24 Kugeln Eis. 

Mir ist schlecht.

Eine Stunde später soll ich im Café Kranzler warmen Apfelstrudel mit Vanillesoße essen. Ich kann nicht. Ich muss immer daran denken, was passiert, wenn ich mit meiner Zählkarte im Tränenpalast ankomme und mich der Grenzer fragt: Bürgerin, wussten sie nicht, dass es verboten ist, in der selbstständigen politische Einheit Westberlin auszusteigen? Hände hoch! Sie sind verhaftet!

Mir ist sehr schlecht.

Anschließend fahren wir mit seiner Freundin Sabine zum Schloss Charlottenburg und essen Rote Grütze mit Vanillesoße. Danach essen wir im „Zwiebelfisch“ Speckkuchen und trinken einen offenen Wein, der mir die Löcher in den Socken zusammen zieht. Sabine sieht es und sagt: „Ach stimmt ja, ihr in der DDR trinkt ja lieber was Süßes.“  

Mir ist wirklich sehr schlecht.

Wir fahren zum Brandenburger Tor, und als ich die berühmte Holztreppe emporsteige, um über die Mauer in den Osten zu glotzen, muss ich an John F. Kennedy und dieses blöde Lied zum 750. Jahrestag von Berlin (West) denken: „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauer …“

Ich muss …

Als ich kurz vor Mitternacht down und out in der S-Bahn Richtung Friedrichstraße sitze, starre ich auf meine Zählkarte. Soll ich sie wegwerfen? Oder soll ich sie trotzig zeigen?

Ich zerfetze sie. Ihr Schweine! Sperrt mich doch ein!

„Passen sie das nächste Mol besser uff ihre Zählkarte uff, Bürgerin, sonst lassen wir sie nisch mehr rüberfohrn“, schnauzt mich der Grenzer an. “Ich gäb ihnen jetzt ´ne neue. Aber das is das letzte Mol.“ 

Als die eiserne Tür hinter mir zukracht, sagt einer neben mir: „Endlich. Die Heimat hat uns wieder.“

Heimat? Was ist das?

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