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Zwischen Lockdown-Leugnern und Pandemie-Panik
Foto: Nikolai Schmidt
Corona Pandemie

Zwischen Lockdown-Leugnern und Pandemie-Panik 

Politiker möchte man heute nicht sein – es ist ein Spagat zwischen Menschen, die die Pandemie grundsätzlich leugnen, solchen, die den Lockdown für völlig übertrieben halten, und anderen, die große Ängste, ja Todespanik haben und am liebsten das ganze Land stilllegen würden. Irgendwo dazwischen: wir „Normalos“.

Von Lorenz Borsche

Für die meisten Menschen und ist es schwierig, die Zahlen, mit denen wir über die Medien tagtäglich konfrontiert werden, richtig zu interpretieren. Dazu gehört nicht zuletzt eine profunde Kenntnis von Statistik, gepaart mit gesundem Menschenverstand. Über das Letztere verfügen viele Menschen, über das Erstere eher wenige, es ist und bleibt eine Orchideendisziplin für Nerds. Wenn das Publikum bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ die Frage „Wie viel sind 20 Prozent, ein Viertel, ein Fünftel oder ein Zwanzigstel?“ mehrheitlich falsch beantwortet, muss sich niemand schämen zuzugeben, selbst keine Ahnung zu haben. Auch wenn Prozentzahlen täglich in Zeitungen zitiert werden, werden sie selten verstanden. Eine Aktie, die um 50 Prozent steigt, um dann wieder um 50 Prozent zu fallen, das ergibt was? Den Ursprungswert? Mehr? Weniger? Was würde eine Umfrage wohl mehrheitlich ergeben? Richtig: die falsche Antwort. Denn in Wirklichkeit sind es nur noch 75 Prozent des Ausgangswertes. Und wie viel Mehrwertsteuer in Cent ist in meinem 3,50 Euro Käse enthalten? Nein, nicht sieben Prozent von 350, das wären 24,5 Cent, sondern nur 23 Cent. Sonst wird es zu wenig, wenn ich auf den Nettopreis wieder sieben Prozent aufschlage.

Fragen Sie mal, wie viele Menschen auf der Straße wissen, wie man das rechnet (dividiert durch 1,07 ergibt den Netto, die Differenz zum Brutto sind die gesuchten sieben Prozent Mehrwertsteuer). Nicht einer von zehn, jede Wette. Schon am Prozentrechnen scheitern also die meisten Menschen. Aber: Dafür sollte sich niemand, wirklich niemand schämen. Denn dass dieselbe Zahl rauf- und runtergerechnet völlig andere Effekte haben kann, ist einfach kontraintuitiv. Mit Coronazahlen wird es aber noch weit undurchsichtiger.

Ich will versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel dieser Zahlen zu bringen. Dabei bediene ich mich meiner Kenntnis statistischer (soziologischer) Analysen und andererseits auch soziologischer Hermeneutik. Mein Statistiklehrer war Professor Uwe Schleth, Mitbegründer der berühmten Mannheimer „Forschungsgruppe Wahlen“, die uns regelmäßig an Wahlabenden mit ihren präzisen Prognosen versorgt. Aber auch die Hermeneutik, die rein verstehende, nicht zahlenbasierte Interpretation menschlichen Verhaltens war in meine Studienzeiten in der Heidelberger Soziologie und Politologie gut vertreten.

Statistik oder Hermeneutik: Das eine ohne das andere muss schiefgehen, wenn wir es mit Menschen und Zahlen zu tun haben. Der Mensch als „Datenlieferant“ für Statistik ist schon hochkomplex, weil so individuell und divers. Wenn wiederum Menschen ohne entsprechende Ausbildung aber solche Daten interpretieren sollen, wird es doppelt schwierig. Dazu bedarf es des Verstehens, wie die meisten Menschen Daten und Zahlen überhaupt wahrnehmen – nämlich sehr besonders. Das werden wir gleich ein ums andere Mal sehen.

Fangen wir mal an mit einem Thema, das die Kanzlerin versucht hat, Normalbürgern zu verdeutlichen: mit der Reproduktionsrate R0. Frau Merkel sagte: R0 ist eins, wenn je fünf Menschen fünf weitere infizieren. Gemeint ist: während der ganzen Zeit, in der sie infektiös sind.

Ein praktisches Beispiel: 10 000 sind infiziert und stecken weitere 10 000 an. Mit R0= 1 bleibt diese Zahl immer gleich. Wenn 500 davon schwerkrank werden (das wären fünf Prozent), dann brauchen wir 500 Intensivbetten. Wenn R0 aber 2 und nicht nur 1 wäre, das heißt, jeder steckt zwei andere an, und wenn dazu die Infektiosität sich über eine Woche erstreckt, dann werden aus 10 000 in Woche eins leider 20 000 in Woche zwei. In Woche 10, nach zweieinhalb Monaten, reden wir über sage und schreibe 10 240 000 Infizierte – zehn Millionen. Das ist das berühmte Gleichnis vom Weizenkorn auf dem Schachbrett, ein Korn auf dem ersten Feld, zwei auf dem nächsten und so fort: Der König wird dem Weisen niemals so viele Weizenkörner geben können, wie sich nach 64 Verdoppelungen ergeben. R0 für Covid-19 ist aber eher 3 oder 3,5, wenn es sich ungehindert ausbreiten kann. Und mit 3 geht es noch viel schneller voran.

Nehmen wir R0 = 3, fangen mit „Patient Null“ an und schauen, wann unsere 28 000 Intensiv-Betten alle belegt sind: 1 > 3 > 9 > 27 > 91 > 243 > 729 > 2187 > 6 561 > 19 683 > 59 049 > 177 144 > 531 441 > 1 594 323 – nach 14 Wochen oder dreieinhalb Monaten hätten wir 1,5 Millionen Infizierte und rund 80 000 (= 5 Prozent) Schwererkrankte. Das wären aber fast dreimal so viele, wie wir unterbringen könnten.

Und die Überlastung träte sogar schon vorher ein, weil die Verweildauer auf der Intensivstation (12 bis 14 Tage) länger ist als die durchschnittliche Infektionszeit. Die sogenannte Letalität, die für Corona offenbar etwa zwei Prozent beträgt (dazu später mehr), würde dann wegen fehlender medizinischer Behandlung leicht auf 3,5 Prozent steigen. Wir müssten mit 50 000 bis 60 000 zusätzlichen Toten rechnen. Und es würde von Tag zu Tag schlimmer werden, denn bis zur Herdenimmunität von 70 bis 75 Prozent, also ca. 60 Millionen Infizierten, müssten sich die letzten Zahlen (1,5 Millionen Infizierte) ja vervierzigfachen.

Überforderte Bestatter 
und Sargträger

Das wiederum ginge schnell: 1,5 > 3 > 6 > 12 > 24 > 48 Millionen. Dazu braucht es also nur weitere fünf Wochen plus ein oder zwei Tage. Zwei Millionen Tote zusätzlich bei jährlich normalerweise etwa 960 000 Sterbefällen, und das binnen 20 Wochen, also fünf Monaten, das kann nicht unbemerkt bleiben. Die Medien wären voll davon. Es wären ja 5- bis 6-mal mehr als normal in dieser Zeit (5 Monate: 400 000 „normale“ Sterbefälle). Bestattungsunternehmen, Friedhofsverwaltungen, Sargträger, alle wären völlig überfordert, ähnlich wie im März in Bergamo, und das würde man buchstäblich „sehen“.

(Anm. für Matheprofis: R(effektiv) verhält sich etwas anders: bei 30 Prozent Infizierten muss ein R0 = 3 auf 2 fallen, weil ja schon ein Drittel nicht mehr angesteckt werden kann. Deshalb habe ich oben nur mit 2 weitergerechnet, aber bei 48 Millionen müsste R0 schon auf < 1 fallen.)

Es ist nicht so sehr die absolute Zahl der Verstorbenen – andere Pandemien waren da deutlich grausamer, die Pest mit fürchterlichen 30 Prozent beispielsweise. Aber es gab damals keine Massenmedien, die uns heute mit Bildern von gestapelten Särgen auf Militärkonvois konfrontieren und damit die Angst verstärken, auch wenn es weit entfernt stattfindet. Und es ist die Konzentration dieser mindestens zwei Prozent zusätzlichen Sterbefälle auf einen sehr kurzen Zeitraum, der unsere Wahrnehmung verzerrt.

Wie gesagt, im Jahr sterben bei uns circa 960 000 Menschen, einfach, weil sie das Ende ihres Lebens erreicht haben. Die Zahl ist leicht zu ermitteln: 82 Millionen Menschen geteilt durch etwa 82 Jahre Lebenserwartung wären etwa eine Million. Ebenso viele Geburten müssten stattfinden, wenn die Bevölkerungszahl stabil bleiben soll, es sind allerdings nur ca. 760 000. Das nur am Rande. Hinzukommen aber die vielen Flüchtlinge, die im Schnitt „jünger“ sind und die Sterbestatistik beeinflussen. Deshalb versterben eben etwas weniger als die errechnete Million. Das ist unsere „normale“ Sterbeziffer von etwa 1,2 Prozent pro Jahr. Nun steigt diese Mortalität im Winter immer etwas durch Grippewellen, im Sommer auch mal durch Hitzewellen, das ist eine sogenannte Übersterblichkeit. Wenn im Januar/Februar bei einer schweren Grippewelle wie 2017/18 zum Beispiel 25 000 Menschen versterben, dann fällt das auf, weil die normale Zahl in zwei Monaten etwa 160 000 wäre, die zusätzlichen 25 000 also etwa 16 Prozent oder ein Sechstel mehr sind, jeweils sieben statt sechs Menschen. Und das sieht man als kleinen Berg, wenn man die Statistik als Kurve abbildet. Aber nicht auf dem Friedhof, da fällt das nicht auf.

Dazwischen, also zwischen Grippe und Hitzewellen-Bergen, muss die Letalität naturgemäß etwas geringer ausfallen, eine Untersterblichkeit, ein Tal in der Kurve, eine Abweichung vom Jahresmittel nach unten also. Aber Corona ginge weit über eine Grippewelle hinaus. Mit einem ungebremsten Coronavirus würde die Kurve buchstäblich durch die Decke gehen.

Tatsächlich muss man die Letalität (= wie viele Infizierte überleben es nicht) durch Covid-19 für zum Beispiel Bergamo mit vermutlich 3,5 Prozent ansetzen, also höher als die obigen zwei Prozent. Anders bekommt man in der Statistik die Eckpunkte nicht in Einklang mit den Zahlen – das ist auch auf das überforderte Medizinwesen zurückzuführen. Verdichten Sie diese Zusatzletalität auf einen sehr kurzen Zeitraum, dann sehen Sie, und das war so in Bergamo, in der schlimmsten Woche nicht vier bis fünf Bestattungen, sondern 40 und mehr – ein Matterhorn in der normalerweise flachen Hügellandschaft der Sterbefallkurve.

Fehlendes Verständnis für Statistik

Die genannten Zahlen gelten für eine ungebremste Verbreitung von Corona ohne jede Gegenmaßnahme. Und Statistik ist bisweilen grausam: Jedem Epidemiologen und jedem Statistiker ist völlig klar, dass diese „Übersterblichkeit“ in den nächsten Jahren ohne weitere Corona-Epidemie aufgrund der erreichten Herdenimmunität durch eine Untersterblichkeit „ausgeglichen“ werden würde. Alle Risikopatienten, die aufgrund Covid-19 jetzt akut sterben mussten, sterben ja morgen und übermorgen nicht mehr.

Bergamo wird in den Monaten nach Ende der Epidemie nicht mehr 30 Bestattungen in der Woche erleben, sondern nur noch 20 oder weniger, denn in Bergamo sind beziehungsweise waren schon gut ein Drittel der Bevölkerung infiziert. Selbst in einer zweiten Welle könnten nicht sehr viel mehr als die ersten 1000 von 120 000 Einwohnern sterben. Aber wen tröstet das?

Dazu kommt, wie die Menschen sterben: einsam und allein. Zitat einer Krankenschwester aus New York (FOCUS):

„Es ist furchtbar, dass die Menschen sterben“ sagt sie. Aber schlimmer noch sei die Art, wie sie sterben. „Jeder hier stirbt alleine.“ Viele Verwandte wüssten nicht einmal, was mit ihren kranken Angehörigen passiere. Es gibt keinen Besuch, die meisten älteren Patienten könnten nicht einmal ein Smartphone bedienen, um ihre Familien auf dem Laufenden zu halten. „Es verfolgt mich“, sagt Strickland mit brüchiger Stimme. „Kein Leben sollte auf diese Art enden müssen.

Und das würden die Menschen den Politikern nicht verzeihen – verständlicherweise.

Aber warum können ein Mediziner wie Wolfgang Wodarg und andere behaupten, die Panik sei völlig unangebracht, man sähe die Covid-19-Toten ja gar nicht in der Statistik? Tja, Mediziner und Statistik: ein weites Feld. Aber das gilt auch für Wirtschaftswissenschaftler wie Professor Stefan Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen (!) der Uni Hannover, der in der Tageszeitung Die Welt massiv gegen den Lockdown wettert und den schwedischen Weg anpreist. Dazu später mehr.

Warum also? Weil manchen Menschen jedes „hermeneutische“ Verständnis für Statistik fehlt. Das passiert auch Menschen, die mit Zahlen viel zu tun haben. Sie haben – wie Professor Homburg – offenbar die sehr menschliche Wahrnehmung von Zahlen nicht im Blick. Ein Beispiel: Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 3 000 Menschen bei Verkehrsunfällen, das sind über acht am Tag und etwa 60 in einer Woche. Was lesen wir davon in der Presse? Selten irgendetwas. Eine Ausnahme: Wenn zum Beispiel in Südamerika ein Busunglück mit 30 Toten zu beklagen ist, wird darüber berichtet.

In Deutschland sind es – umgerechnet – jedes Jahr praktisch 100 Busse mit 30 Insassen, die da tödlich verunglücken, jede Woche zwei. Es müsste also zweimal jede Woche ein Aufschrei durch die nationale Presse gehen, dass schon wieder ein ganzer Bus … Tut es das? Nein. Weil wir den einen Unfalltoten in Buxtehude und den anderen in Rosenheim und den dritten in Magdeburg als Einzelfälle gar nicht wahrnehmen.

„Übertriebene“ Wahrnehmung von Abweichungen hilft zu überleben

Evolutionär sind wir Menschen darauf ausgelegt, besondere Ereignisse extrem stark zu überzeichnen. Das ist oft nützlich, denn jede kleine Abweichung von der Norm besonders intensiv wahrzunehmen, schützt uns. Nur so konnten die chinesischen Ärzte eine ungewöhnliche Häufung schwerster Lungenentzündungen rein gefühlsmäßig wahrnehmen, denn die absoluten Zahlen – nur einige wenige binnen einiger Wochen – waren für eine Neun-Millionen-Stadt, in der jede Woche für über 2 000 Menschen das Leben endet, statistisch völlig unsichtbar. Jeder Statistiker würde das unter „Rauschen“ einordnen. Ein Prozent plus oder minus, da schlägt keine Statistik an. Anders, wenn man nach dem „Wie“ fragt: Lungenentzündungen sind als Todesursache nicht so häufig. Das fällt den Ärztinnen schon eher auf, wenn es hier einer und dort noch einer ist. Es ergibt also evolutionär einen Sinn, dass wir es „übertreiben“ mit der Wahrnehmung von Abweichungen: Wir sind dadurch vorsichtiger, wachsamer, und das hilft uns zu überleben.

Wie aber können Wodarg et.al. die Zahlen so fehlinterpretieren? Ich mache mal ein Beispiel: Sie sind in einer Firma angestellt, die hat 100 Abteilungen mit je zehn Mitarbeitern, also 1000. Jetzt werden drei Mitarbeiter Ihrer Abteilung schwer grippekrank und müssen zu Hause bleiben. Ein Ausfall von 30 Prozent. Merken Sie das? Aber hallo, Sie müssen ja für die mitarbeiten. Und wie Sie das merken! Sie schlagen Gegenmaßnahmen vor. Aber da kommt der Oberstatistiker der Firma und sagt: Nein, das brauchen wir nicht, in den Arbeitszeitkurven ist nichts zu sehen, alles ganz normal im Fehlerbereich. Hat er recht? Jein.

Es sind momentan nur drei Promille der Arbeitskraft (3 von 1000), das geht im statistischen Rauschen tatsächlich unter. Aber die Aussage ist natürlich Quatsch. Denn wenn sich diese Grippe ausbreitet, dann sind es am Ende 300 von 1000 und dann sieht er das natürlich in seiner Statistik – leider viel zu spät. Der Chef hört zwar auf Sie, aber weil er den anderen Arbeitnehmern nicht richtig deutlich machen kann, welche Gefahr da droht, wird er die Gegenmaßnahmen (Handschlagverbot, Mundschutz, Kantine wird geschlossen und anderes mehr) nur Stück für Stück in Kraft setzen, nicht bevor sich nicht eine zweite und dritte Abteilung infiziert haben und dann jeder sehen kann, dass da wirklich etwas im Busch ist.

So ähnlich ist es mit Corona. Und mit Bergamo, wo es fürchterlich, aber auf ganz Italien gerechnet in der Übersterblichkeit der Nationalstatistik nicht sichtbar war, kaum einen Unterschied macht. Genau das hat Wolfgang Wodarg ja zum Kern seines Arguments gemacht: Was wollt ihr mit den 1000 oder 2 000 Toten? Die beeinflussen die Sterblichkeitskurve ja viel weniger, als jede Grippewelle es tut. Richtig und doch grottenfalsch, weil es nicht zu Ende gedacht ist!

Epidemiologen und Statistiker mit tiefem Blick sehen allerdings das Grauen im Potenzial einer solchen Seuche und können das den Politikerinnen auch vermitteln. Oder was glauben Sie, warum die Chinesen innerhalb kürzester Zeit eine Neun-Millionen-Stadt praktisch stillgelegt haben? Sind die verrückt? Oder besonders humanistisch? Weder noch. Sie sind realistisch, könnte man sagen. Man muss die gering erscheinenden Todeszahlen aus Wuhan nicht unbedingt glauben, aber verglichen mit dem neunmal größeren Deutschland sind sie weit weniger beeindruckend – etwa 3 000 mal 9 wären 27 000. Davon sind wir heute (Stand 22.04.2020) mit etwas über 5 000 Covid-19-Toten noch weit entfernt. Aber selbst 27 000 wären kaum mehr als die Grippetoten von 2017/18, und da hat doch auch niemand Panik verbreitet? Tja, aber mehr konnte diese schwere Grippewelle eben auch nicht anrichten, bevor die Saison zu Ende war. Das Potenzial von Corona sind aber die oben genannten 2,4 Millionen – und die will niemand, ganz sicher nicht.

„Arm“ und „Reich“ haben eine unterschiedliche Lebenserwartung

Was haben wir also: Hotspots, an denen wir ablesen können, wie virulent und wie tödlich die Seuche ist oder werden könnte. Virulent? R0 = 3,5, und binnen 12 Wochen wäre das ganze Land durchseucht. Tödlich? Realistische zwei Prozent kann man exemplarisch am Kreuzfahrtschiff „Diamond Prinzess“ ablesen: 13 Tote auf 700 Infizierte, das sind 1,8 Prozent. Geben Sie einen unerkannten, weil später Verstorbenen dazu, dann sind es genau zwei Prozent. In etwa die Zahl, die man in Schweden verzeichnet. In Schweden? Ohne Lockdown? Oh nein, dort sind es heute laut worldometers.info bei 16 004 Infizierten schon 1937 Sterbefälle, also 12 Prozent. Woran man ablesen darf: Die Schweden testen ganz sicher viel zu wenig, haben eine hohe Dunkelziffer.

(Anm.: Auf der Diamond Prinzess entsprach der Altersschnitt der Passagiere natürlich nicht dem in der Bevölkerung, er war deutlich höher. Andererseits wird das durch die weitaus jüngere Crew ausgeglichen, die in der Regel mindestens ein Drittel der Menschen an Bord ausmacht. Und auch durch einen anderen Effekt, der selten bedacht wird: „Arm“ und „Reich“ haben eine bis zu zehn Jahre unterschiedliche Lebenserwartung. Arm ist man häufiger „vorerkrankt“ und stirbt früher, und eine arme Rentnerin wird man selten je auf einem Kreuzfahrtschiff antreffen. Inwieweit sich die genannten Effekte konterkarieren, werden wir erst sehen, wenn uns Untersuchungen nicht nur zum Alter von Covid-19-Toten vorliegen, sondern auch zu deren ISEI, also ihrem sozioökonomischen Index.)

Mehr als zwei Prozent kennen wir aus Situationen, in denen das Gesundheitswesen überfordert war, wie in der Lombardei, in Spanien, in Frankreich. Sicher auch durch zu wenige Tests und eine Unterschätzung der Zahl der Infizierten. Wir sind in Deutschland schon über zwei Prozent (ja, richtig, Stand 22.04.2020: 3,5 Prozent). Das liegt aber nicht an der Überforderung unserer Krankenstationen, die sind eher leer, sondern daran, dass auch bei uns die Zahl der Infizierten notwendigerweise zu klein sein muss. Die der Toten zwar eventuell auch, aber weniger stark unterschätzt. Da die Tests knapp und teuer sind, wird man nur unter bestimmten Voraussetzungen getestet. Symptome haben 50 Prozent der Menschen schon mal nicht. Die Zahl der Toten wird unterschätzt, weil sie nur dann gezählt werden, wenn sie schon vorab als Corona-positiv galten. Ein Verstorbener, der vorher nicht getestet war, was manchmal vorkommt, wird normalerweise auch nicht mehr nachträglich getestet. Trotzdem: Die Zahl der Toten ist viel realistischer als die der Infizierten, und inklusive Dunkelziffer werden auch wir bei zwei Prozent landen.

Angefangen hatte es mit Quoten von 0,2 Prozent Mitte März – aber zwischen Infektion und Sterbefall liegen etwa 12 Tage – die Quote bleibt so lange falsch, wie sich die Zahl der Neuinfizierten Tag für Tag erhöht und die der Toten zwölf Tage hinterherhinkt. Erst, wenn diese Zahlen gleichbleiben, werden wir wissen, wie die Letalität wirklich ist. Zwei Prozent plus/minus x erscheint aber durchaus realistisch. Und wie war das mit der Studie in der Gemeinde Gangelt vom Virologen Hendrik Streeck? 0,37 Prozent wollte er ermittelt haben, weit entfernt von zwei Prozent oder gar 3,5 Prozent:

„Die Letalität (case fatality rate) bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten in der Gemeinde Gangelt beträgt mit den vorläufigen Daten aus dieser Studie etwa 0,37 Prozent.“

Sieben Sterbefälle sind es in Gangelt (NRW) gewesen. Um da auf eine Letalität von 0,37 Prozent zu kommen, müssten fast 1900 Personen infiziert gewesen sein, das folgt aus Streecks Studie. Realistischer klingt da die Aussage des Landrats, der 48 Kondolenzbriefe verschickt haben will bei offiziell knapp etwas über 1500 Infizierten im Landkreis. Das ergibt etwa drei Prozent Letalität. Diese Größenordnung kennen wir ja schon, auch wenn sie, wie überall, überschätzt ist, weil zu viele symptomlose Infizierte nicht getestet wurden. Wie kam Dr. Streeck zu seiner Mini-Zahl? Zum einen könnte da ein Kommafehler vorliegen. Bei realistischen 3,7 Prozent kämen wir auf 190 Infizierte. Nimmt man die Zahlen des Landrats, wären es 230 Infizierte und 7 Tote. Aber wie kommt Streeck auf die 8- bis 10-fache Anzahl Infizierter? Nun, es gibt tatsächlich auch „harmlose“ Corona-Erkältungsviren, das musste auch ich lernen. Und die Tests auf Antikörper (das sind nicht die üblichen Tests des RKI auf eine aktive Covid-19-Infektion) könnten auch auf Antikörper solcher Viren angeschlagen und damit die Zahl der angeblich Corona-Positiven stark erhöht haben.

Ohne restriktive Maßnahmen 
wäre Heinsberg überall

Also zwei Prozent plus x: Das doppelte der normalen jährlichen Sterblichkeitsziffer. Aber hier verdichtet auf wenige Wochen oder Monate und damit auch in der Wahrnehmung vervielfacht – das war das Bild, das Politikerinnen vor Augen stehen musste. Und nun begründen Sie mal äußerste Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten mit den wenigen Toten, die es Anfang März gab – auch in Heinsberg waren es im ganzen Landkreis ja nicht mehr als 50. Auf 19 Millionen Einwohner Nordrhein-Westfalens eine Quantité negligeable gerechnet: absolut unsichtbar.

Aber ohne die restriktiven Maßnahmen wäre Heinsberg überall. Oder Mitterteich, Tirschenreuth, Ischgl, Mulhouse, Madrid, New York. Und überall und ohne Lockdown hieße: zwei bis drei Millionen Tote nur in Deutschland in einer Zeitspanne, in der sonst 250 000 sterben. No country for old men. Und ein Armageddon für Politiker.

Kommen wir zur vermaledeiten Infektiosität, Reproduktionsrate R0 und Letalität im Einzelnen. Und natürlich Schweden.

Was wissen wir über Covid-19? Die Coronaviren sind nicht mit den Grippeviren verwandt. Die Vorläufer von Covid-19, SARS und MERS (Covid-19 heißt offiziell SARS-CoV-2) waren weitaus tödlicher. SARS mit 10 Prozent, MERS sogar mit 30 Prozent. Aber sie waren auch weit weniger infektiös: Sie mussten direkt in der Lunge aufschlagen und wurden von dort aus nur schwer auf andere übertragen, vor allem weil da schon heftige Symptome aufgetreten waren, die eine Isolation des Kranken nach sich zogen.

Covid-19 ist anders: Bis zu sieben Tage kann man symptomlos, aber infektiös sein. Die Infektion beginnt im Rachen, von dort aus wird das Virus schon beim lauten Sprechen, Singen, heftigen Atmen (Joggen und anderes mehr), leichtem Hüsteln und Ähnlichem freigesetzt und auf andere übertragen. Bei einer Grippe ist das vielleicht ähnlich, aber da setzen die Symptome schon binnen 24 bis 48 Stunden ein. Das unterbindet dann die Infektionskette schneller, denn der Kranke wird zu Hause bleiben. Was die Letalität angeht, scheint Covid-19 tatsächlich eher einem völlig neuen, dem Bevölkerungskörper „unbekannten“ Virus zu ähneln, denn zum Beispiel die Spanische Grippe 1918 bis 1920 hatte wohl eine noch höhere Letalität. Es wird weltweit über 5 bis 10 Prozent spekuliert. In Deutschland waren es wohl eher 0,5 Prozent. Und die „Spanische“ hatte eine Besonderheit, vor allem gegenüber der Covid-19-Welle: Am heftigsten wütete sie unter den 20- bis 30-Jährigen, allerdings mit demselben Symptom wie heute: nicht das Virus bringt die Menschen um, sondern ein überschießendes Immunsystem, das bei der Bekämpfung völlig außer Kontrolle gerät, auch eigentlich gesunde Zellen angreift und zunächst einen Zytokin-Sturm und dann eine Sepsis verursacht.

Bislang war eine der Erklärungen, mit den 20- bis 30-Jährigen sei es eben eine Gruppe mit starkem Immunsystem gewesen. Das würde aber auf jede Grippewelle zutreffen. Eine alternative Erklärung ist: Es hätte vielleicht schon 35 bis 40 Jahre vorher eine Grippewelle mit einem ähnlichen Erreger gegeben, und es könnte eine Ähnlichkeitsimmunisierung vorgelegen haben, von der aber nur die Über-35-Jährigen hätten profitieren können.

Als ich das las, kam mir in den Sinn, dass ein früher Verwandter 1889 mit nur 46 Jahren binnen einer Woche an einer Grippe gestorben ist. Eine tragische Geschichte, weil er erst kurz vorher zum Richter ernannt worden und damit ein gemachter Mann war, dann aber eine junge Frau und drei kleine Kinder in Armut hinterließ (Rente gab es damals noch nicht). Tatsächlich gab es eine Influenza-Pandemie von 1889 bis 1895, die sogenannte Russische Grippe. Als Erreger werden H3N8 aber auch H2N2 diskutiert. Die Spanische Grippe soll H1N1 gewesen sein. Normalerweise sollten Antikörper von zum Beispiel H2N2 nicht gegen H1N1 schützen. Allerdings sind Aussagen über einen Teilschutz, der die bessere Bewältigung der Infektion durch die damalige Ü30-Generationen erklären könnte, epidemiologisch wohl nur schwer zu verifizieren oder zu widerlegen.

Nun also haben wir fast alles: Ohne wirksame Bekämpfung der Infektionskette durch zum Beispiel Lockdown oder einen Impfstoff droht ein Blutbad in der ungeschützten Bevölkerung. Aber was ist denn nun mit Schweden? Nun, wenn wir die nackten Zahlen ansehen, dann vermeint oben erwähnter Professor Homburg Folgendes zu entdecken: Schweden ist, obwohl alle Cafés offen sind, viel besser, wie man an der blauen versus die gelbe Kurve sieht (siehe Grafik unten).

Die hohe Kunst des Lügens 
mit Statistik

Da sieht Deutschland – das ist die hohe gelbe Kurve – ja so richtig schlecht aus. „Übersehen“ hat der Herr Professor, dass in Deutschland achtmal mehr Menschen leben als in Schweden, 82 Millionen gegen 9,9 Millionen – er hat für die obige Grafik nämlich die Absolut-Zahlen genommen. Wenn man diese auf den korrekten Vergleichswert von Todesfällen pro eine Million Einwohner normiert (siehe auch worldometers.info), dann sieht es so aus (am 22.04.): Schweden mit 192 Toten je eine Million Einwohner, Deutschland dagegen mit 63. Schweden hat also über dreimal mehr Tote – nicht etwa weniger als Deutschland. Homburg hat übrigens noch einen bösen Taschenspielertrick angewandt, um Deutschland möglichst schlecht aussehen zu lassen: Er hat die Zahlenbalken nicht nebeneinandergesetzt, sodass man sie vergleichen könnte, sondern übereinander. Was, weil Deutschland ja mit Gelb oben steht, dazu führt, dass man die Zahlen rein optisch drastisch überschätzt. Am 8. April hatte Schweden 93 neue Tote, Deutschland hingegen 228, zusammen die knapp 330, die der zusammengesetzten Balken optisch zu Lasten Deutschlands anzeigt.

Das ist die hohe Kunst des Lügens mit Statistik. Wundert es irgendwen, dass auch er sich von Milena Preradovic für ihren YouTube-Kanal „Punkt.Preradovic“ interviewen ließ, die sich bereits bei ihrem Interview mit Wolfgang Wodarg mit wenig Kompetenz auszeichnete?

Nimmt man Deutschlands Lockdown-Politik als Maßstab, dann hat der schwedische Staats-Epidemiologe mit der von ihm zu beantwortenden Laissez-faire-Politik 200 Prozent mehr Tote zu verantworten. Die anderen Nordländer sind eigene Wege gegangen – und das sieht man auch: Dänemark mit 66 Covid-19-Toten pro einer Millionen Einwohner (EW), ähnlich wie Deutschland, Norwegen mit 33 noch weit besser, genauer: fast sechsmal besser. Und dabei waren Norwegen und Schweden mal gleichauf: Am 14. März 2020 gab es in Norwegen (5,5 Millionen Einwohner) 1090 Infizierte und 3 Tote, in Schweden (mit 9,9 Millionen Einwohnern fast doppelt so groß) 961 Infizierte und 2 Tote. Am 22.04.2020: Norwegen 7 338/187 und Schweden: 16 004/1 937.

In absoluten Zahlen sind das natürlich immer noch nur wenige, denn auch in Schweden sterben jedes Jahr ca. 120 000 Menschen eines natürlichen Todes, da fallen die jetzigen 2 000 Covid-19-Toten kaum auf. Aber viele meinen, Schweden sei jetzt schon „durch“, sozusagen auf dem Weg in die Herdenimmunität und damit Deutschland weit voraus. Was für ein fataler Irrtum. Selbst hochgerechnet mit einer Zwei-Prozent-Letalität, die die Dunkelziffer Covid-19-Positiver, aber Symptomloser berücksichtigt, gibt es in Schweden nur 100 000 Infizierte. Das wären schon sechsmal so viele, wie offiziell angegeben, aber von 9,9 Millionen, die es noch nicht sind, noch um den Faktor 99 entfernt. 9,8 Millionen Schweden sind also noch nicht infiziert und damit auch nicht (herden)immun. Auch mit dem schwedischen Weg werden sie nicht dieses Jahr immun und nicht nächstes, auch nicht bei 100 000 Infektionen pro Monat nicht. Aber bis zum Impfstoff sterben dann in Schweden dreimal so viele Menschen wie in Deutschland und sechsmal so viele wie in Norwegen.

Wieviel Immunität ist notwendig?

Das ist immer abhängig von der Infektiosität der Krankheit. Die Masern haben ein R0 von 15 bis 20, da braucht man 95 Prozent Herdenimmunität, um neue Ausbrüche sicher zu verhindern. Aber Masern haben auch nur eine Letalität von 0,1 Prozent, ein Promille. Trotzdem: 760 tote Kinder jedes Jahr durch eine vermeidbare Krankheit, das wäre gesellschaftlich nicht akzeptabel. Zumal die Rate der teils schweren bis schwersten Gesundheitsschäden nach überstandener Infektion zehnmal höher ist. Deshalb: Impfung.

Die Letalität einer Grippe ist eher niedrig mit 0,1 Prozent. Und bis die Saison (die Erreger sind stark saisonal, ggfs. klimatisch bedingt, was bei SARS und MERS nicht der Fall ist, daher bei Covid-19 noch völlig unklar), bis also die Grippe-Saison „durch“ ist, reicht eine Immunität von 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung – in ungefähr auch die Impfrate –, sodass normalerweise nur ein paar hundert oder 1000 Grippetote zu verzeichnen sind. Zielt der Impfstoff mal auf den falschen Erreger, wie 2017/18, können es auch mal 25 000 werden. Man sieht, was eine Ähnlichkeitsimmunisierung durch vorangegangene Grippen bewirken kann, denn ein fast gänzlich neuer, unbekannter Grippeerreger wie die spanische Grippe, kann eben auch – z. B. im Deutschen Reich von 1919 – bis zu 300 000 Tote fordern. Da damals angeblich zwei von drei Menschen infiziert waren, wäre das ein Letalität von 300 000/(60 Mio*2/3) = 0,75 Prozent. Und wenn wir bei Corona mit zwei Prozent rechnen müssen, ahnen Sie vielleicht, was uns blühen würde ohne Lockdown und ohne Impfung.

Für Covid-19 rechnet der Virologe Drosten mit Herdenimmunität bei 60 bis 70 Prozent Infizierter, keine völlig unplausible Annahme. Das wären in Schweden etwa 6 bis 7 Millionen Infizierte/Immune. Derzeit gibt es dort, selbst inklusive großzügiger Dunkelziffer, vielleicht 100 000 Infizierte. Bis zu sechs Millionen ist es noch ein weiter Weg. Und bei einer Laissez-faire-Politik würde das 120 000 bis 140 000 Tote bedeuten. Skål, Herr Tegnell.

Es wäre hilfreich gewesen zu sagen, Masken schützen andere Menschen

Ischgl hätte schon am 6. März seine Aprés-Ski-Virenschleudern schließen müssen. Der Karneval und Fasching hätten abgesagt werden müssen. Maskenpflicht für alle im öffentlichen Raum ab dem 10. März. Wäre, wäre, Fahrradkette. Mal eine Frage: OHNE die daraus entstandenen Hotspots mit den Schreckenszahlen, wie hätte man das der Bevölkerung erklären sollen? Wie durchsetzen? Immerhin, die ganz groben Fehler wie in der Lombardei, wo man alte infizierte Menschen aus dem Krankenhaus in Altenheime umgelagert hat, sind vermieden worden.

Ansonsten: Wir haben etwas Glück gehabt. Es gab dort auch keine 2000 Menschen auf einem mehrtägigen religiösen Treffen, wie etwa im französischen Mulhouse. Keine Internationaler-Tag-der-Frauen-Kundgebung mit 120 000 Teilnehmerinnen, wie in Madrid. Keine Covid-19-Verharmloser, wie die beiden blonden Witzbolde in London und Washington. Und es wäre rechtschaffen und hilfreich gewesen zu sagen: Masken schützen – nicht uns selbst, aber die anderen. Wir haben versäumt, welche zu besorgen. Das passiert halt mal. Jetzt müsst ihr uns helfen: Bastelt euch welche, die beste Anleitung kriegt ein Bundesverdienstkreuz. Die Bevölkerung hätte diese Ehrlichkeit zu schätzen gewusst anstelle der Herumlaviererei. Ansonsten: Es wird wohl zu früh und zu viel intubiert. Auch da ein ökonomisches Dilemma: Man hat die Intensivstationen freigeräumt und anstehende OPs abgesagt und verdient somit kein Geld. Viele Intensivbetten stehen leer. Das Teuerste ist eine Intubation. Aber vor allem ist sie als Leitlinie der Goldstandard, an den die Ärztinnen sich halten müssen, der aber für die atypische Covid-19-Lungenentzündung möglicherweise nicht der passendste ist. Mehr muss man nicht dazu sagen, außer dass die Überlebensrate offenbar nicht so günstig ist und einige trotz unterirdischer Sauerstoffsättigung durchaus lebendige Menschen nach Intubation schnell verstarben. Ein Arztbericht dazu hier: https://youtu.be/_4fjb6PFem0 Wird gerade geprüft!

„In Hamburg ist niemand ohne Vorerkrankung an Corona gestorben“

Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel untersucht mit seinem Team die Corona-Opfer in der Hansestadt, und er hält die Angst vor dem Virus für überzogen. In Hamburg sei bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben, sagt Püschel der „Hamburger Morgenpost“. „Dieses Virus beeinflusst in einer völlig überzogenen Weise unser Leben. Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht“, sagt der renommierte Rechtsmediziner. „Ich bin überzeugt, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen wird.“ (WELT.de)

Was das Letztere angeht, da irrt er sich: Schon jetzt liegt in Bergamo die Übersterblichkeit für März bei 400 Prozent, und das wird sich auch in der Jahressterblichkeit auswirken. Wenn nur ein Monat mit 400 Prozent dazukommt, dann ist das wie 11 plus 4 Monate, also 15 statt 12. Dann muss das in der Bergamo-Jahresstatistik auffallen. Püschel ignoriert zudem, dass nicht nur ganz alte Menschen, bei denen es vielleicht wirklich nur um einige Monate gegangen wäre, vorzeitig sterben, sondern auch relativ junge, wie der Partner des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit, der an COPD litt, damit aber noch etliche Jahre hätte leben können. Ja, offenbar können Gesunde auch mit 93 oder 98 oder 101 die Infektion überleben. Dürfen wir deshalb alle Vorerkrankten zum Tod verurteilen? Wie viele sind das überhaupt? Da sind die Asthmatiker, rund 8 Millionen. Die Diabetiker, rund 6 Millionen. Die Bluthochdruckpatienten, das sind bereits 20 bis 30 Millionen Menschen. Und 75 Prozent aller über 70-Jährigen? Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn wir uns auf 15 Millionen einigen, die der einen oder anderen Risikogruppe angehören. Dürfen wir die alle einer Covid-19 Infektion aussetzen? Denn klar, die Gesamtletalität bezieht sich auf alle. Wenn aber nur Risikomenschen sterben, dann verfünffacht sich die Letalität auf zehn Prozent Ein 50-jähriger Asthmatiker, der mit Covid-19 plötzlich einen Eins-zu-zehn-Chance hat, vorzeitig zu sterben, dürfte etwas anderer Meinung sein als Herr Püschel, wenn der sagt: „Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht.“

Wann können wir wieder normal leben?

Wenn ein Impfstoff wirksam geprüft ist und alle 15 Millionen Risikopersonen geimpft sind. Das kann dauern. Bis dahin muss die R0-Rate unter 1 bleiben. Also Kneipen geschlossen, Theater und Kino auch, kein Fußball, keine Festivals. Warum 1, warum nicht 1,2? Die 1,2 hat Merkel so erklärt: Das ist, wenn von 5 Menschen 4 nur einen anstecken, aber einer dann zwei, zusammen also sechs. 6 durch 5 ist 1,2. Machen wir es wieder als Reihe: 1,2 > 1,44, > 1,73 > 2,07 > 2,49 > 2,99 > 3,58 > 4,3 > 5,16 > 6,2. In 10 Wochen also mehr als 6 statt 1. In weiteren 10 Wochen 38 statt 1. Oder 380 000 statt 10 000. Und daraus 7 200 Tote. Während es bei 1 auch genau bei 1 geblieben wäre. Das ist die Krux einer exponentiellen Ausbreitung, R0 ist ein sehr empfindlicher Faktor, das Gleichgewicht ist fragil. Unter 1 gehen die Infektionen natürlich irgendwann von selbst gegen null, und da will man gerne hin, solange es keinen Impfstoff gibt.

PS: In Schweden mussten zwei wissenschaftliche Studien zurückgezogen werden:

„Damit ist die Annahme nicht mehr haltbar, dass […] in Wirklichkeit sogar schon 20 bis 30 Prozent aller Schweden angesteckt gewesen und damit immun sein könnten.“

„Und auch Staats-Epidemiologe Anders Tegnell musste einen Rückzieher machen. Die Gesundheitsbehörde hatte aufgrund einer Studie vermutet, dass auf jeden nachgewiesenen Coronafall in Schweden 999 unerkannte kämen. Bei etwa 6400 Erkrankten allein in Stockholm hätte das allerdings mehr als sechs Millionen Infizierte bedeutet, während in der Stadt nur knapp eine Million Menschen leben.“

(https://www.tagesschau.de/ausland/schweden-corona-studienpannen-101.html)

Muss ich noch mehr sagen zum Problem: Statistik ist schwierig?

Lorenz Borschehat Mathematik und Physik studiert, später Soziologie und Politologie. Er ist Software-Entwickler (POS/PPS), und Statistik ist sein langjähriges Steckenpferd. Vom Spiegel wurde er wegen seiner Kritik an PISA einmal ironisch als „Statistik-Guru“ bezeichnet. Er ist Gründer der größten Buchhändlerinnen-EK-Genossenschaft (ebuch eG) mit einem eigenen bundesweiten Webshop genialokal.de

Zuletzt ist von ihm das Buch: „Zucker: Tödliche Versuchung“ erschienen.

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