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Fotograf Harald Hauswald: Chronist des Alltäglichen
Foto © Bernd Lammel
Fotografie

Fotograf Harald Hauswald: Chronist des Alltäglichen 

Die Wende in der DDR jährt sich in diesem Jahr zum 25. Mal. Auf mehr als 5000 Filmen bannte der Fotograf Harald Hauswald die DDR-Wirklichkeit abseits von Ideologie und staatlich propagierten Werten, dafür mit unverstelltem Blick und voller Sympathie für die Menschen, denen er begegnete. Veröffentlichen durfte er seine Fotos in der DDR bis auf wenige Ausnahmen nicht. Ausstellungen fanden nur unter dem Dach der Kirche und in Privatwohnungen statt. Harald Hauswald publizierte in Kirchenmedien, ab 1988 auch in der Wochenzeitschrift des Kulturbundes Sonntag und in DAS Magazin. Aber Hauswalds Bildreportagen erschienen in Westdeutschland, beispielsweise im stern, in der taz, im ZEIT MAGAZIN, in GEO. Gegen den Willen der Kulturfunktionäre wurde er 1989 Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR. 1990 gehörte der Fotochronist zu den Gründern der bekannten Bildagentur OSTKREUZ, die nach dem Vorbild von Magnum Photos entstand. Im Mai feiert Harald Hauswald seinen Sechzigsten und NITRO gratuliert. 

Von Bettina Iduna Kieke

Harald Hauswald sieht auch heute noch aus, wie man sich in der DDR einen Unangepassten vorstellte: lange Mähne, inzwischen grau, kurz gestutzter Vollbart und Klamotten, die deutlich signalisieren, dass er keinen Wert darauf legt, sich darüber zu definieren. Harald Hauswald nimmt sich selbst ganz zurück. Fragt man ihn nach seinem bewegten, DDR-untypischen Leben, berichtet er ohne Schnörkel, unaufdringlich und als sei das alles ganz normal,was er als junger eigensinniger Fotograf erlebte. 

Chronist des Ostens im Westen geboren –  „Im Westen von Radebeul“

Harald Hauswald sagt über sich, er sei als Chronist des Ostens im Westen geboren. „Im Westen Radebeuls“ fügt er nach einer kurzen Pause grinsend hinzu, wenn man ihn fragend anschaut und ergänzt: „Im Tal der Ahnungslosen.“ So wurde die Region um Dresden genannt, weil man dort keine Westsender empfangen konnte und sich vom Rest der Welt abgeschottet fühlte. Dieses Abgeschottetsein störte Hauswald bereits im Teeniealter, deshalb wollte er beruflich unbedingt etwas machen, was ihm „Freiheit im Kopf“ ermöglichte. Er begann 1970 eine Ausbildung in der Werkstatt seines Vaters, eines Fotografenmeisters, brach sie aber ab und jobbte ab 1972 als Band-Techniker für die damals schnell bekannt und beliebt gewordene Bürkholz-Formation. Die junge Rockband trat gemeinsam mit der Klaus Renft Combo, den Puhdys und der ungarischen Band OMEGA auf, wurde aber schon im Sommer 1973 verboten. Um zwischen den Bandauftritten Geld zu verdienen, arbeitete Hauswald in verschiedenen Berufen, unter anderem als Industrieanstreicher. 

1974 fand er Arbeit als ungelernter Fotograf bei der zentralen Bildstelle der Technischen Universität Dresden und arbeitete für die Unizeitung. Seinen Berufsabschluss machte Hauswald 1976 an der Fachschule für Fotografie in Caputh bei Potsdam, die er neben seiner Arbeit an der TU Dresden absolvierte. 

Fotograf in der evangelischen Stephanus-Stiftung

1978 zog Harald Hauswald, inzwischen allein erziehender Vater einer Tochter, nach Berlin (Ost) und landete im Prenzlauer Berg, wo er bis heute wohnt. Um Zeit zum Fotografieren zu haben, nahm er eine Anstellung als Telegrammbote an. Vier Stunden am Tag fuhr er mit dem Rad durch die Straßen Berlins und stellte Telegramme zu, die Kamera hatte er immer dabei. Er sagt: „Als Telegrammbote brauchte ich keinen Arbeitsvertrag, denn der Lohn wurde auf Stundenbasis abgerechnet. Da blieb mir genügend Zeit für die Kamera.“ Später arbeitete er als Heizer bei der Deutschen Post, als Laborant im Deutschen Theater und endlich auch als Fotograf in der evangelischen Stephanus-Stiftung. Hauswald fotografierte vorwiegend mit Weitwinkelobjektiv, aus geringer Entfernung zu Dingen und Menschen, denn „ich wollte nah an allem dran sein“. Dieses Unmittelbare, Nichtgestellte ist es, was den Betrachter seiner Bilder fasziniert. 

In den Jahren zwischen 1978 und 1990 entstanden zahlreiche seiner Fotos, die später berühmt wurden, in großen Ausstellungen zu sehen waren oder in Büchern erschienen wie zum Beispiel „Alexanderplatz“, „Ost-Berlin“ oder „Ferner Osten – Die letzten Jahre der DDR“.

Hauswalds Fotos Punks, Grufties und Hooligans

Hauswalds Art zu fotografieren, war den DDR-Behörden ein Dorn im Auge. Ungeschönt bildete er den gewöhnlichen Alltag ab. Seine Bilder sind einfühlsam und oft mit hintergründigem Humor, einer Ironie, die dem Moment geschuldet ist, wie dieses: „Unsere Vielfalt ist Spitze“ steht auf dem Schaufenster des Kaufhauses Fix in der Cantianstraße im Prenzlauer Berg, dahinter ein ärmliches Angebot für die Küchenaustattung: drei Gemüsemesser, zwei Kellen, ein Schöpflöffel, ein Schnellkochtopf und zwei tschechische Plätzchenpressen. 

Hauswalds Fotos zeigen Rentner auf einer Bank, müde schwarzverschmierte Kohlenmänner mit ihren Kiepen, die grauen zerbröckelnden Fassaden der Gründerzeithäuser im Prenzlauer Berg, bei denen das Wohnungsbauprogramm der DDR nicht ankam, Frauen in den damals unvermeidlichen Dederon-Kittelschürzen beim Ausschenken hinter einem Kneipen-Tresen. Er fotografierte aber auch Punks, Grufties und Hooligans beim 1. FC Union Berlin, Leute, die es in der DDR offiziell nicht gab, Betrunkene auf Volksfesten, Volkspolizisten, FDJler auf Pfingsttreffen und ihre „Winkelemente“, die sie gleich nach dem offiziellen Teil in die Mülltonnen vor dem ADN-Gebäude, der Nachrichtenagentur der DDR, versenkten. Hauswald zeigte Leute, Zustände und Nischenorte, die in den DDR-Medien nicht oder kaum vorkamen.

Fotos sind Beleg einer lustvoll gelebten Ost-Identität

Einer, der trampte, der sich in der Rock-Szene der DDR bewegte, der fotografierte, was sich hinter den offiziellen Parolen verbarg, der zu Subkulturen und Untergrundbewegungen, zu kirchlichen Kreisen und westdeutschen Journalisten Kontakt hatte, so einer wurde misstrauisch von den Behörden beäugt und von der Stasi auf Schritt und Tritt verfolgt. Über eine Ausstellung seiner Bilder in einer Kirche notierten seine Überwacher: „Die Bilddarstellung sei nach Wertung des IM trist, ohne jedoch grundsätzliche pessimistische Aussage. Zum Teil zeigen die Bilder eine gute Beobachtungsgabe. Vordergründig zeigen die Aufnahmen Skepsis zum in den Fotos dargestellten Leben in der DDR.“

Hauswald erzählt: „Ich hätte nur das fotografiert, was düster, arm und primitiv war, schrieben sie in meiner Akte.“ Aber so sah er seine Fotos nicht. In dem berühmten Buch „Ost-Berlin“, das nie in Ostdeutschland, dafür 1987 in München im Piper Verlag erschien und bis zur Wende in der DDR heimlich als Fotokopie kursierte, schrieb der Schriftsteller und DDR-Dissident Lutz Rathenow: „Es war unsere Art der Liebeserklärung an eine Stadt, die wir zugleich als Hälfte einer geteilten Stadt und doch auch als ein Ganzes wahrnahmen. (…) Insofern sind Text und Fotos gleichzeitig Beleg einer lustvoll gelebten Ost-Identität und Ausdruck oppositionellen Verhaltens gegen den Staat.“ „Ost-Berlin – Leben vor dem Mauerfall“ erschien im Januar 2014 im Jaron Verlag als Neuauflage, vollständig überarbeitet und erweitert. 

1982 in ein Sommercamp nach Polen

Anfang der 1980er-Jahre machte Harald Hausmann in Bulgarien die Bekanntschaft von westdeutschen Jugendlichen, die zu den Pfadfindern gehörten. Von ihnen wurde er 1982 in ihr Sommercamp nach Polen eingeladen. Seit Dezember 1981 galt in Polen jedoch Kriegsrecht – eine hilflose Geste der polnischen Regierung gegen das Aufbegehren der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność. Die DDR-Bürger benötigten nun eine Einladung und ein Führungszeugnis, wenn sie nach Polen reisen wollten. „Die Einladung hatte ich“, sagt Hauswald, „das Beantragen eines Führungszeugnisses habe ich gar nicht erst versucht.“ Auf abenteuerlichem Weg gelangte er nach Polen. Das Sommercamp befand sich etwa 80 Kilometer von Danzig entfernt. Diese Gelegenheit wollte der Fotograf natürlich nutzen, um Aufnahmen von der Solidarność -Bewegung zu machen. Kaum war er wieder zu Hause, durchsuchte die Stasi seine Wohnung und beschlagnahmte einen Teil der Filme. Später erhielt Hauswald diese Aufnahmen von Joachim Gauck, der damals Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR war, zurück.

Die Stasi, hatte über 30 IMs (IM =Informeller Mitarbeiter, d. Red.) auf Harald Hauswald angesetzt und führte seine Akte unter dem Decknamen „Radfahrer“. In dem Film „Radfahrer – Die Überwachung des Fotografen Harald Hauswald durch die Stasi“ stellt Marc Thümmler Schwarz-Weiß-Fotos von Hauswald Textstellen aus seiner mehr als 1500-seitigen Stasi-Akte gegenüber. „Meistens habe ich es ja gemerkt, wenn die hinter mir hergeschlichen sind“, sagt Hauswald. Einmal jedoch geriet er seinem Verfolger aus dem Blick. In der Akte stand dann: „Das Objekt Hauswald geriet außer Kontrolle.“ Aber den eigenwilligen Fotografen für längere Zeit einzusperren wagten die Behörden nicht, denn das wäre ein gefundenes Fressen für die westdeutschen Medien gewesen. 

Auf Kodak und in Farbe fotografiert

Das Buch „Ferner Osten – Die letzten Jahre der DDR“, erschienen 2013 im Lehmstedt Verlag, zeigt eine repräsentative Auswahl seiner etwa 4000 Farbaufnahmen, die Hauswald in der DDR machte ‑ Raritäten, denn Harald Hauswald fotografierte für gewöhnlich in Schwarz-Weiß. Erst gefiel ihm die grobkörnige Farbverarbeitung auf Orwo-Filmen nicht, später war es ein Statement, die DDR-Wirklichkeit in Schwarz-Weiß abzulichten. „In all den Jahren seit der Wende hatte ich ganz vergessen, dass ich so viele Aufnahmen mit DDR-Sujets in Farbe habe“ erzählt er, „sie gingen 1990 in das Archiv der Fotoagentur Ostkreuz ein.“ 

Für Bildreportagen in westdeutschen Zeitschriften musste Hauswald Farbbilder liefern. Befreundete BRD-Korrespondenten, die in der DDR arbeiteten und lebten, versorgten ihn heimlich mit Kodak-Filmen. Hauswalds Bilder überzeugten Hans Joachim Bonhage von GEO dermaßen, dass im Themenheft „Berlin“ 1986 gleich zwei Reportagen von ihm erschienen. Hauswald: „Zwölf Doppelseiten!“ Das Honorar dafür wurde auf einem westdeutschen Konto geparkt, dass ein befreundeter Journalist für ihn einrichtete. Hauswald ließ sich davon moderne Fototechnik besorgen. Nach dem Erscheinen seiner Bilder in GEO durfte Hauswald nicht mehr das Entwicklungslabor des Berliner Verlags nutzen, das einzige Ost-Berliner Fachfotolabor für Kodak-Technik. 

Wanderausstellungen „Deutschlandbilder“ und „Mythos Osteuropa“

Seit 1990 reihte sich bei Harald Hauswald eine Ausstellung an die andere: in Deutschland, den Niederlanden, in Frankreich, in der Schweiz, in Italien und den USA. Im Jahr 2005 beteiligte er sich mit der Agentur Ostkreuz an der weltweiten Wanderausstellung „Deutschlandbilder“, die das Goethe-Institut veranstaltete. Ein Jahr später begann die Wanderausstellung „Mythos Osteuropa“, für die Hauswald in Litauen, Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien fotografierte. Das Stipendium für diese Reportagreise gewann Hauswald 2004 bei einer Ausschreibung der Bundeszentrale für politische Bildung. 

Neben Reportagen in zahlreichen Magazinen erscheint beinahe jährlich ein Buch mit Fotos von ihm oder ein Buch, an dem er beteiligt ist. Im vorigen Jahr waren es gleich zwei: „Vor Zeiten ‑ Alltag im Osten, Fotografien 1976 – 1990“ und „Ferner Osten ‑ Die letzten Jahre der DDR, Fotografien 1986 – 1990“, beide im Lehmstedt Verlag.

Interesse für die Geschichte der DDR ist gewachsen

Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung geht Harald Hauswald heute in Schulen und berichtet über das Leben in der DDR und sein Leben als Fotograf. „Das Interesse für die Geschichte der DDR ist in den letzten Jahren gewachsen, gerade bei den Jungen“, sagt er. 

Zurzeit arbeitet Hauswald ‑ neben anderen Projekten ‑ mit zwei weiteren Künstlern an dem multimedialem Bühnenwerk „Elbe – Zeitstrom“, dem eine Idee von 1985 zu Grunde liegt. Damals wurde das geplante Werk wegen seines umweltkritischen Ansatzes in Dresden verboten. Die Show will mit der fiktiven Geschichte eines alten Fährmanns den Wandel im Strom sowie rechts und links des Flusses zeigen und soll ab Sommer 2014 in Städten, die an der Elbe liegen, aufgeführt werden. 

 

Harald Hauswald

www.harald-hauswald.de

www.ostkreuz.de 

Der Film „Radfahrer“ ist zu sehen unter: www.bpb.de/mediathek/125419/radfahrer

Auszeichnungen:

1997: Bundesverdienstkreuz

2006: „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“

Hauswald fotografierte vorwiegend mit Weitwinkelobjektiv, aus geringer Entfernung zu Dingen und Menschen, denn er wollte nah an allem dran sein.

Seine Bilder sind einfühlsam und oft mit hintergründigem Humor, einer Ironie, die dem Moment geschuldet ist. Hauswald zeigte Leute, Zustände und Nischenorte, die in den DDR-Medien nicht oder kaum vorkamen.

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