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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Corona-Alltag im Lockdown: Wie ich aus der 
Künstlersozialkasse flog
(c) Franziska Hauser
Feinbild Journalist

Corona-Alltag im Lockdown: Wie ich aus der 
Künstlersozialkasse flog 

Von Franziska Hauser

Künstler und Journalisten versuchen, nach dem Studium in die Künstlersozialkasse (KSK) aufgenommen zu werden, so wie andere sich um eine erstrebenswerte Anstellung bemühen. Sie müssen der KSK lediglich nachweisen, dass sie mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Viel braucht das nicht zu sein: Nur 3901 Euro im Jahr! Der Rest des Einkommens, den man zum Leben braucht, kann von den Eltern kommen oder am besten vom Ehepartner. Aber absurderweise darf der Rest nicht aus einer anderen Arbeit hinzuverdient werden. Allerdings ist genau das der häufigste Fall. Man macht Kunst und arbeitet im Journalismus, wovon man nicht leben kann, und verdient in einem nichtkünstlerischen Job freiberuflich etwas dazu.

So habe ich das seit zehn Jahren gehalten. Zu den Einnahmen aus Kunst und Fotografie haben die zusätzlichen 450 Euro vom Kellnern und anderen Jobs, die leicht zu kriegen waren, gereicht. Wenn man davon ausgeht, dass alle Künstlerbiografien zwangsläufig ungewöhnlich sind, ist meine Biografie gewöhnlich.

Nach meinem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee fing ich erstmal an, Kinder zu bekommen. Als Fotografin war mein Einkommen immer so, dass ich davon zwar neue Kameratechnik kaufen und die Filme entwickeln lassen konnte, nur für die KSK hat es damals noch nicht gereicht. Ein sich selbst finanzierendes Hobby also. Ich zog die Kinder groß und arbeitete als Trainerin für Selbstverteidigung an Grundschulen. Der Vater meiner Kinder war Schriftsteller. Wir schrieben Projektanträge, Förderanträge und bemühten uns um Stipendien, was nur in Ausnahmefällen klappte. Wovon wir eigentlich lebten, kann ich mir jetzt kaum noch erklären. Aber wir hatten Zeit, wir hatten die Kunst, die Liebe und die niedlichen Kinder. Irgendwann mussten wir aber doch Geld verdienen, denn kleine Kinder brauchen zwar eher Zeit statt Geld, aber große Kinder brauchen auch langsam Geld und lassen dafür ihren Eltern mehr Zeit, es zu verdienen. Inzwischen hatte der Kindsvater einen guten Job, aber irgendwie schien Geld zu dieser Beziehung nicht zu passen. Die Ehe war auseinandergegangen, und ich fing an zu schreiben, denn ich hatte erkannt, dass ich nicht warten musste, bis jemand eine Reportage schrieb, zu der ich dann Fotos machen durfte, sondern dass ich die Reportage einfach selbst schreiben konnte. Das klappte so gut, dass ich endlich in die KSK aufgenommen wurde. Ich hatte es geschafft und betrachtete mich, zehn Jahre nach Beendigung meines Kunststudiums, endlich als echte Künstlerin, die etwas schuf, das auf Interesse und Bedarf stieß und bezahlt wurde. Die KSK übernahm den Arbeitgeberanteil meiner Kranken-, Pflege- und Renten-Versicherung. Das war die Rettung meiner Berufstätigkeit.

Gereicht hat es trotzdem nicht ganz, und ich arbeitete freiberuflich als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Ein guter Nebenjob für eine geschichtensammelnde Autorin. Außerdem eine gute Sicherheit, falls mal was passiert. Und dann passierte es. Mein dritter Roman erschien und fiel 2020 direkt ins Corona-Loch. Dreißig Lesungen fielen aus, Literaturfestivals wurden abgesagt, Schreibkurse fanden nur noch rudimentär statt. Aber ich hatte ja noch einen Job, der weiterhin gebraucht wurde. Die Sprachschule konnte mit sechzigprozentiger Auslastung irgendwie weiterarbeiten. Zusammen mit der Soforthilfe ließen sich die ausgefallenen Lesungen halbwegs ausgleichen.

Anfang Dezember 2020 waren aber die Reserven aufgebraucht, Existenzminimum war angesagt, der Kindsvater hatte jetzt auch keine Arbeit mehr, ein Kind war in Ausbildung. 240 Euro KSK-Beitrag wurden zu viel. Ich schrieb das der KSK und bat um Anpassung der Beitragshöhe. Die Antwort war, dass die KSK beabsichtige, meine Versicherung zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu beenden und ich mir ganz frei eine andere suchen dürfe. Das war ein paar Tage vor Weihnachten. Widerspruchsfrist: zwei Wochen. Ich widersprach und erklärte, dass ich in diesem Jahr durchschnittlich 1000 Euro monatlich aus künstlerischer Arbeit verdient habe. Weil das mit Kindern und allein wohnend aber zu wenig ist und alle geplanten Lesungen, Festivals, Literaturveranstaltungen und Schreibkurse nicht stattfinden durften, hatte ich mit meiner ­Arbeit als ­Deutschlehrerin 
600 Euro monatlich dazuverdient. Es hätten aber nur 450 Euro sein dürfen, die freiberuflich aus einer nichtkünstlerischen Tätigkeit verdient werden dürfen.

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Dieser Beitrag ist ein Nachdruck aus der Berliner Zeitung vom 15. Januar 2021.

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin, ist Autorin und Fotografin. An der KHS Berlin-Weißensee studierte sie Bühnenbild und freie Kunst und an der Ostkreuzschule Fotografie. 2015 erschien ihr Roman „Sommerdreieck“ im Rowohlt Verlag und erhielt den Debüt-Preis der lit.Cologne. Im Kehrer Verlag erschien der Fotobildband „Sieben Jahre Luxus“ und 2018 ihr zweiter Roman „Die Gewitterschwimmerin“ im Eichborn Verlag, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Sie schreibt und fotografiert für Das Magazin, Berliner Zeitung, FAZ, Brigitte, Maxi, Die Welt, Separé. Ihr dritter Roman „Die Glasschwestern“ erschien im Februar 2020 im Eichborn Verlag.

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