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Heft 4-2023 | KI und die Zukunft der Arbeit
Journalismus

Wer erzählt Geschichten aus dem Osten? 

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, wenn man das Angebot von MDR und ARD betrachtet: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es Firmen und Kreative sowie Filmkollektive, die alle Sendeplätze vom abendfüllenden Spielfilm über den Dokumentar-, Animations- und Kurzfilm bis hin zum Kinder- und Experimentalfilm bedienen können. Doch allzu oft werden die Geschichten aus der Region von anderen erzählt und produziert.

Natürlich gibt es Ausnahmen, wenn auch mit Einschränkungen. In Sachsen werden qualitativ hochwertige Kurzfilme zu regionalen Themen von Leuten aus der Region gemacht, allerdings nicht vom MDR beauftragt. Zumindest laufen sie auch beim MDR, im Kurzfilmmagazin „unicato“ oder auch in den regelmäßigen Kurzfilmnächten des Senders.

Auch in der Animation werden hiesige Themen von Firmen aus der Region produziert. Allerdings beschränken sich diese, wenn sich der MDR beteiligt, auf die Endzeit der DDR bzw. den Übergang 1989/90. Themen nach der Wende sowie aktuelle Themen werden nicht verhandelt.

Ganz düster sieht es im Bereich Kinderfilm aus. Eine Wiederauflage von „Spuk unterm Riesenrad“ ist da kein Ersatz. Im Dokumentarischen treffen die Filme oft den Nerv der Region, wenn an ihnen Leute aus der Region redaktionell beteiligt werden (aktuell Nils Werner mit „Generation Crash“, Leipziger Produktionsfirma). Dass dieselbe Redaktion mit ihren beauftragten Filmen weit danebenliegen kann, wenn sich Macherinnen und Macher möglicherweise aufgrund von regionaler Distanz keinen Bezug zum Gegenstand erarbeiten, zeigte unter anderem „Techno House Deutschland“.

Mehr Schatten als Licht gibt es im Bereich der Fiktion. Dazu nur zwei Beispiele. Unter dem Label „Mein Schwein pfeift“ suchte der MDR im Jahr 2021 drei fiktionale Web-Serien-Formate als Online-Originale. Diese sollte Themen der Region (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) verhandeln und das Lebensgefühl der Menschen in Mitteldeutschland auf unterhaltsame, humorvolle und überraschende Weise in Szene setzen. Der MDR wollte mit dieser Initiative Produzentinnen und Produzenten mit regionaler Kompetenz ansprechen. Für Sachsen wurde mit „Straight outta Crostwitz“ ein sorbisches Thema ausgewählt. Weder die Produktionsfirma noch der Drehbuchautor kamen allerdings aus der Region. So erstaunt es nicht, dass die Serie klischeehaft einen Konflikt beschrieb, der offenbar zu den Sorben passt. Es geht um das Schicksal einer sorbischen Familie aus einem kleinen Dorf. Die Oma trägt natürlich Tracht, der Vater Pullunder. Er ist dickköpfig und extrem konservativ. Die Tochter versucht, dieser engen Mikrowelt als Rapperin zu entkommen, der Sohn kann sich zu seiner Homosexualität nicht bekennen.

Doch die sorbische Welt ist viel mehr als dieser immer wieder thematisierte Konflikt zwischen Moderne und Tradition, dem Alten und Neuen. Hätte man nicht die Geschichte auch aus der Region heraus erzählen können? Schließlich gibt es dort Filmemacherinnen und -macher, Rapperinnen und Rapper. Haben die keine filmreifen Geschichten zu erzählen?

Diese Serie ist kein Einzelfall. Bei „Lauchhammer – Tod in der Lausitz“ kamen weder die Produktionsfirma noch Drehbuch oder Regie aus der Region. Das schlägt dann voll durch, sodass Andrea Kaiser sich fragt, „ob die Zuschauer im Sendegebiet von RBB und MDR es schätzen werden, sich, ihre Eltern und Großeltern so zu sehen?“. Für sie blickt die Miniserie „so außerordentlich konsequent durch die Wessibrille auf den Osten, dass es einem sogar als Wessi auffällt“ (epdmedien 38/2022).

Muss man aus der Region stammen, um sie zu verstehen und gute Filme zu beauftragen? Im Fiktionalen sind weder Hauptredaktionsleiterin noch Redaktionsleiterin ostdeutscher Herkunft. Kann Professionalität nicht vor Vorurteilen und Fehleinschätzungen schützen?

Doch wie sind dann folgende Fakten zu erklären? Mehr als 30 Jahre nach seiner Gründung vergab der MDR im Jahr 2022 im Fiktionalen nur 41 Prozent seines Auftragsvolumens (7,7 von 18,3 Mio. Euro) ins Sendegebiet. Während es im Bereich Gesellschaft fast 70 Prozent (4,5 von 6,5 Mio. Euro) waren, lag die Unterhaltung bei knapp 21 Prozent (3,8 von 17,7 Mio. Euro). Sicher, der Sitz einer Firma allein sagt nichts über die Qualität aus, zumal es sich auch nur um eine Außenstelle handeln kann.

Die Mitteldeutsche Medienförderung verfügt über 19 Mio. Euro, der MDR vergibt laut Produzentenbericht für sein Programm (mit Unterhaltung) über 58 Mio. Euro. Warum gibt es nicht ausreichend originäre Firmen in der Region, die diese Volumina mit Inhalten bedienen können und dann zusätzlich noch Aufträge aus anderen Regionen an Land ziehen? Warum wachsen diese Firmen nicht, und warum stagniert die Auftragsvergabe des MDR? Die Firmen haben nur eine Chance zu wachsen, wenn der MDR kontinuierlich Aufträge in die Region vergibt, die Mitteldeutsche Medienförderung hier einen konkreten Förderauftrag hat und die Regierung eine konsequente Filmförderpolitik betreibt. Das war bisher nicht der Fall. So ist es kein Wunder, wenn ihnen Konkurrenten hiesige Aufträge wegschnappen.

Sicher, viele der Entscheider beim MDR kommen nicht aus der Region. Führt deren anderer soziokultureller Hintergrund dazu, dass die regionalen Macher stärker um ihre Projekte kämpfen müssen? Oder setzen in Zeiten knapper werdender Mittel die Redakteure lieber auf eine „sichere Bank“? Wenn es dann schiefging, lag es nicht an ihnen. Liegt es an der Hierarchisierung der Sender, bei denen es klare Vorgaben gibt, wer erreicht werden soll? Die Entscheidungskompetenz von Redakteuren wurde reduziert, manchmal haben die Distributionsmanager mehr zu sagen.

Doch geht es nicht darum, ein Thema für verschiedene Zielgruppen aufzuarbeiten, anstatt sich von Verbreitungsweg und angenommener Zielgruppe bestimmen zu lassen? Viele Filme werden zumeist nur quantitativ bewertet, eine qualitative Debatte gibt es kaum. Die Fehlerkultur ist nur gering ausgeprägt, man hat Angst, bei Misserfolgen ausgegrenzt zu werden. Neue Themen werden oftmals nicht erkannt, da die Themenauswahl durch viele Filter erfolgt. So werden Kompromisse gesucht, möglichst keine Risiken eingegangen. Schließlich können Filme, die zum Faktor der öffentlichen Meinungsbildung werden, wie es der Medienstaatsvertrag vorgibt, zu politischem Druck führen. Es hängt also vom Rollenverständnis der Redakteurin, der Redaktionsleiterin oder der Direktorin ab, welche neuen, kontroversen Ideen und Themen ihren Weg ins Programm finden.

Es liegt somit nicht an den Kreativen, die viele relevante Themen vorschlagen. Es liegt auch nicht an den Redakteurinnen und Redakteuren, die versuchen, die Themen den Zielen des Senders anzupassen. Es liegt an einem System, das andere Ziele verfolgt.

Doch der MDR hat laut Staatsvertrag einen Vielfaltsauftrag. Diese Vielfalt muss sich auch im filmischen Angebot spiegeln. Damit ist nicht nur gemeint, dass sich die hiesige Lebenswirklichkeit stärker im Fiktionalen abbildet, sondern auch die Vielfalt der filmischen Genre und Formen ihren Weg in die Angebote des MDR findet.

Ralf Ludwig erklärte bei seiner Kandidatur zum MDR-Intendanten, dass eines seiner Ziele ist, dass etwa 70 Prozent der Aufträge in die Region gehen. Derzeit liegt man bei zirka 45 Prozent. Dieses Ziel kann er auf zwei Wegen erreichen. Zum einen senkt der Sender das Vergabevolumen um ein Drittel. Zum anderen wird zielgerichtet und jedes Jahr mehr in die Region vergeben. Damit mehr Leute aus der Region Geschichten erzählen können, ist jedoch nicht allein der MDR gefordert. Die drei Länder müssen sich einigen, welche Entwicklungen sie befördern möchten. Die MDM müsste über zusätzliche Mittel verfügen können, um dies zu unterstützen. Nach mehr als 30 Jahren MDR und nach 25 Jahren MDM ist es an der Zeit, dass sich die drei Länder einigen, welches Profil sie gemeinsam befördern wollen. Was kann die Region bis 2030 und darüber hinaus tragen? Sind es „ostdeutsche“ Sichten auf gesellschaftliche Probleme? Ist es das Genre Animadok? Und was wird aus den Themen der anerkannten Minderheit der Sorben?

Klar ist: Die Firmen und Kreativen brauchen ihr Auskommen. Sie müssen ausreichend Aufträge haben und auch Gewinne erwirtschaften können – die sie dann in neue Projekte investieren können. Die Landschaft sollte dann so stark werden, dass mehr Aufträge in die Region kommen als rausgehen. Das wäre ein Win-Win. Für die Geschichten und Sichtweisen von hier.

Von Heiko Hilker

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