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Heft 27 Politik Top

“Politiker auslosen 
statt wählen?”

Bereits der offizielle Name hat einen ähnlich verführerischen Klang wie „Lehrerzimmer“ oder „Overhead-Projektor“, doch die „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb) hat ihre Hausaufgaben gemacht und ist online erstaunlich gut aufgestellt. Thomas Krüger ist seit 17 Jahren ihr Präsident und vertritt recht progressive Ansichten. So würde er, ginge es nach ihm, das Wahlalter auf 14 Jahre senken.

? Wer sich heute bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb online) informiert, findet eine Plattform mit vielen fundierten Informationen. Wie haben Sie es geschafft, dem früher etwas verstaubten Ruf der bpb ein modernes Image zu verpassen?

!  Wir haben nicht nur alles auf den Prüfstand gestellt und schrittweise neue Strukturen geschaffen. Wir haben uns auch neue Zielgruppen erschlossen, weil wir auch denen adäquate Angebote machen wollen, die sich nicht von vornherein für Politik interessieren. Besonders wichtig ist es uns, junge Menschen für Politik zu interessieren, und das gehört bis heute zu unserer Strategie.

? Wie erreichen Sie diese neuen jungen Zielgruppen, zum Beispiel auch junge Muslime, die sich kaum für Politik interessieren?

!  Weil wir als Behörde nicht bei allen in der Gesellschaft up to date sind, bedienen wir uns sogenannter Peers. Das sind Multiplikatoren, die einen Glaubwürdigkeitsvorsprung haben. Im letzten Jahr haben wir beispielsweise ein sehr spannendes YouTube-Projekt mit dem Titel „Begriffswelten Islam“ realisiert. Wir wissen, bestimmte Kreise versuchen, fundamentalistische, islamistische Interpretationen von Religion auf eine bestimmte Wahrheit zu reduzieren. Der Islam ist aber eine Religion, die sich auf vielfältige Weise interpretieren lässt und in ihrer langen Geschichte sehr vielfältig interpretiert wurde. Wir wollen radikalen fundamentalistischen Positionen entgegentreten, indem wir auf die Vielfalt der theologischen, historischen und gesellschaftlichen Perspektiven, auch innerhalb des Islams, verweisen. Dazu haben wir ein YouTube-Projekt mit Hatice Schmidt, einer bekennenden Muslima, gestartet. Hatice Schmidt ist eine moderne junge Frau, die kein Kopftuch trägt und bei YouTube eine große Fanbase hat. Wir konnten sie für das Projekt „Travelling Islam“ gewinnen, und sie hat auf YouTube mit ihrer Community über bestimmte Begriffsinterpretationen und Begriffswelten des Islam diskutiert.

? Wie viele haben an dieser Diskussion teilgenommen bzw. wie viele haben sich das Video angesehen?

!  Wir verzeichnen bis heute knapp 700 000 Zugriffe. Durch diese große Reichweite konnten wir auch mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, die fundamentalistisches, salafistisches oder islamistisches Gedankengut haben. Zusätzlich haben Experten in den Kommentarbereichen Fragen beantwortet und mit den Usern kontroverse Diskussionen geführt.

? Das hat funktioniert?

!  Die Diskussionen waren sehr, sehr lebendig, und es ist tatsächlich eine kritische Debatte entstanden. Wichtig war uns, dass wir politisch desinteressierte Jugendliche erreichen, und das ist gelungen.

? Wer informiert sich traditionell bei der bpb – Schulen, Vereine, Verbände oder auch Menschen mit individuellen Interessengebieten?

!  Wir unterscheiden in der politischen Bildung den Bereich der formalen politischen Bildung, also Schulen und Bildungseinrichtungen, und den nonformalen Bereich, das sind zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen. Der dritte Bereich ist die informelle politische Bildung. Darunter fallen Selbstlernprozesse, Community Learning und alles, was nicht organisiert ist.

? Registrieren Sie vor der Bundestagswahl ein wachsendes Interesse an politischer Bildung oder bestimmten politischen Themen in den Landeszentralen und in der Bundeszentrale?

!  Ja, es gibt ein wachsendes politisches Interesse und ein Interesse an Hintergrundwissen. Dieses Interesse wächst bei Jugendlichen seit einigen Jahren systematisch.

? In welcher Altersgruppe?

!  Bei den 14- bis 27-Jährigen. Das macht deutlich, dass die aktuellen Herausforderungen einer heterogenen offenen Gesellschaft vor allem von Jugendlichen angenommen werden.

? Es gibt aber im Moment gerade große Brüche in der Gesellschaft. Stichwort AfD, Pegida, Populismus.

!  Die gesellschaftlichen Brüche, denen wir begegnen, sind eher einer älteren, berufsaktiven Gruppe zuzuordnen. Offenbar sind das vernachlässigte Menschen, denen wir unbedingt Angebote machen sollten.

? Soll heißen, die Wähler populistischer Parteien, die eine Gefahr für die Demokratie darstellen, sind Menschen, denen die politische Bildung fehlt? Wie wollen Sie die erreichen?

!  Wir arbeiten multiperspektivisch und sind weder der verlängerte Arm der Bundesregierung noch irgendeiner Partei. Unsere Aufgabe ist es, bestimmte Sachverhalte in ihrer Vielfalt darzustellen und Angebote zu machen, wie man sich umfassend informieren kann. Letztlich müssen Menschen aber zu einer eigenen Urteilsbildung finden.

? Die bpb ist eine unabhängige Institution, die sich allen demokratischen Parteien öffnet?

!  Genau. Begleitet von einem wissenschaftlichen Beirat, der die Validität unserer Angebote untersucht und sie, falls notwendig, kritisiert und Korrekturen vornimmt. Außerdem haben wir ein parlamentarisches Gremium, das nach dem Konsensprinzip arbeitet und uns berät.

? Die politische Bildung von Schülern beginnt in der Schule. Es soll in einigen Bundesländern Bestrebungen geben, das Fach Politik in den Lehrplan aufzunehmen und gleichzeitig das Fach Geografie zu streichen. Gehören beide Fächer nicht wie Zwillinge zusammen? Man kann doch nicht über Politik reden, wenn man die Geografie ausblendet.

!  Politik wird schon heute in Kombination mit anderen Fächern unterrichtet, zum Beispiel mit Geschichte. Geografie und Geschichte sind zwei relativ stabile Fächer, und die Diskussion wird ja auch dahingehend geführt, dass Politik gänzlich fakultativ unterrichtet werden soll. Ich finde, die Stärkung des Politikunterrichts insgesamt gerade nach dem Pisa-Prozess ist sehr wichtig. Es wäre hilfreich, wenn die Kultusminister dafür sorgen würden, dass dieser Unterricht nicht fachfremd unterrichtet wird. Wir brauchen gut ausgebildete Lehrkräfte, einen kontinuierlichen Unterricht, der bis zum Abitur nicht abgewählt werden kann. Die geplante Umstellung auf Kompetenzlernen begrüße ich ausdrücklich. Denn angesichts der gestiegenen Wissensmengen geht es nicht mehr darum, den jungen Menschen Wissen vorzuhalten, sondern sie müssen selbst lernen, wie man lernt, um sich durch Wissensareale durcharbeiten zu können. Dieses Kompetenzlernen sollte mit den Fächern Geschichte, Politik, Wirtschaft und Geografie verknüpft werden. Es geht um eine starke Rolle dieser Fächer und nicht darum, Fächer gegeneinander auszuspielen.

? Wann die Meinung der bpb in die Kultusministerkonferenz einfließen?

!  Definitiv nicht, denn die Kultusministerkonferenz ist Ländersache.

? Wie sieht es mit den Landeszentralen für politische Bildung aus?

! Wir dürfen uns als Bundesbehörde nicht in Länderangelegenheiten einmischen, aber es gibt trotzdem gute Kontakte zur Kultusministerkonferenz und zu den Landeszentralen. Wenn es Themen gibt, bei denen Fortbildungsbedarf besteht, setzen wir diese Themen auf die Tagesordnung und organisieren gemeinsame Weiterbildungen für Ministerialbeamte und Lehrer, um die Themen zu diskutieren.

? Haben Sie ein Beispiel?

(…)

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