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Heft 2-2022 | PROPAGANDA
Mastodon als Alternative zu Twitter
(c) Pixabay
Aktuell

Mastodon als Alternative zu Twitter 

Wird Elon Musk nun der oberste Zwitscherer? Der Chef der Voliere? Es bleibt spannend, denn der Multimilliardär liebt es, mit tausenden von Millionen zu jonglieren. Ob man selbst allerdings bei dem Vogelzirkus mitmachen will, muss jeder für sich entscheiden. Alternativen gäbe es. Schon mal von Mastodon gehört?

Mission almost completed: Der an Geld reichste Mann der Welt, der Wahl-Amerikaner Elon Musk, hat sich sehr öffentlichkeitswirksam für den Kurznachrichtendienst Twitter interessiert. Musk bot am 14. April 2022 an, Twitter zu kaufen, und das Unternehmen nahm sein Angebot am 25. April an. Der Deal sollte zunächst noch von den Aktionären und den Behörden genehmigt werden – dann zog am 13. Mai Musk selbst die – vorläufige – Notbremse. Er wolle zunächst die Anzahl an Fake-Accounts prüfen, hieß es. Die Börse reagierte sofort, der Aktienkurs fiel ordentlich. Absicht? Möglich. So richtig betrifft es uns ja auch nicht, und ob Twitter nun Musk oder jemand anderem gehört, man gewöhnt sich an alles. So wie einst an die Fake-News-Behauptungen des insgesamt weniger reichen US-Amerikaners Donald Trump. Der auf Twitter gesperrte Ex-Präsident sollte dann auch, so verkündete es Musk in offener Vorfreude schon kurz, nachdem die Aktionäre den Deal willig prüften, bald wieder sein Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben dürfen. So sagte Musk, die Entscheidung, Trump zu verbannen, sei „moralisch falsch und einfach nur dumm“ 1. Was auf den ersten Blick konsequent und selbstverständlich klingt, ist jedoch eine eher US-amerikanische Eigenheit, die in Europa im Einzelfall womöglich strafbar wäre: Das Recht auf Free Speech schließt in den Vereinigten Staaten auch das Recht auf die Verbreitung von Fake News ein. Und wenn es nur bedeutet, dass alle anderen Meldungen erfundene Nachrichten sind und nur man selbst im Besitz der absoluten Wahrheit ist. Auch das ist Amerika. Aber warum zum Henker will jemand ein lediglich 280 Zeichen zwitscherndes Vögelchen kaufen, das in den vergangenen 16 Jahren erst zweimal schwarze Zahlen geschrieben hat und das im Vergleich zu seinen Mitbewerbern geradezu winzig ist? 330 Millionen aktive Nutzer kann der Mikroblogging-Dienst aktuell vorweisen. Facebook hat weltweit 2,7 Milliarden Mitglieder. Und selbst das bei überwiegend jungen weiblichen Usern beliebte TikTok kommt auf eine Milliarde Anwender. Warum also das Interesse an Twitter? Abgesehen davon, dass der Kauf womöglich sein Ego streichelt, ist Twitter der „News-Aggregator“ schlechthin, der am meisten zitiert wird. Oder wann haben Sie zuletzt davon gehört, dass ein Prominenter etwas auf TikTok exklusiv verkündete? Schon bei Facebook muss man suchen. Politiker, Schauspieler, Musiker und andere Medienpromis, Aktivisten, Unternehmer und selbst NGOs zwitschern auf Twitter, und die Journaille flötet es begierig weiter. Aber dafür 44 Milliarden US-Dollar bezahlen? Nun ja, „bezahlen“ ist ein großes Wort. 12 Milliarden US-Doller Kredit wollte er dafür aufnehmen, abgesichert über Tesla-Aktien. Es sind auch ein paar Investoren mit an Bord, die die finanzielle Last des Elon Reeve Musk lindern könnten, sofern der Kauf zustande kommt. Der saudische Prinz Alwaleed bin Talal hat bereits zugesagt, seine bisherige Beteiligung von 1,9 Milliarden US-Dollar mit einzubringen. Auch Larry Ellison (Ex Oracle) wäre mit 500 Millionen US-Dollar beim Spiel dabei. Nicht zu vergessen der Risikokapitalgeber Sequoia (800 Millionen) oder die Kryptowährungsbörse Binance (500 Millionen) und ein paar andere. Weitere Investoren würden bzw. werden gewonnen werden, darauf kann man sich bei dem Sohn eines ehemaligen Smaragdminenbesitzers verlassen. Schließlich soll er mit seinem Bruder Kimbal als Teenager einst Edelsteine in der 5th Avenue an Tiffanys verkauft haben2. Es heißt, Musk wolle bei Twitter als CEO mitmischen und den Umsatz bis 2028 verfünffachen. Sein Twitter sollte ein Abo-Modell beinhalten, und die Userzahlen sollten bis auf rund eine Milliarde steigen. Ihm ist alles zuzutrauen, das Kaufmännische liegt ihm offenbar im Blut, und mit Twitter kennt er sich aus. Auch wenn er dazu Nachhilfe brauchte. So verfügte die US-Börsenaufsicht nach mehreren Ausfälligkeiten, dass Musk jeden Tweet, den er zu veröffentlichen wünscht, zuvor einem „Twitter-Sitter“ vorlegen muss – wenn er etwas über Tesla zwitschern will. Seine 86 Millionen Follower hat das bisher nicht gestört. Musk selbst ist bei Kritik jedoch zuweilen etwas dünnhäutig und für seine ablehnende Haltung gegenüber Journalisten bekannt. Mitarbeitern des ZDF und anderen Pressevertretern, die sich vorher durch eine kritische Berichterstattung unbeliebt gemacht hatten, wurde etwa die Akkreditierung zur Eröffnung des Tesla-Werks in Brandenburg kurzerhand nicht erteilt. Hinweis: Eine Presseabteilung gibt es bei Tesla nicht, der Chef höchstpersönlich hat sie abgeschafft.

Doch in Europa werden sich die rechtlichen Anforderungen für Plattformen wie Twitter ändern. Sofern es Elon Musk noch nicht bekannt ist, könnte er bald spüren, dass auf dem alten Kontinent andere, neue Regeln gelten. Ende April 2022 hat die Europäische Union den „Digital Services Act (DSA)“3 verabschiedet. Mit dessen Hilfe soll es leichter sein, illegale Inhalte schnellstmöglich löschen zu lassen. So müssen Onlineplattformen in Zukunft nach dem DSA definierte Meldeverfahren für Hinweise auf zum Beispiel Volksverhetzung oder Terroraufruf ermöglichen. Diese sind unverzüglich zu prüfen und im Einzelfall kommt es möglicherweise zu Sperrungen. Reine Meinungsäußerungen fallen im Übrigen nicht unter den DSA. Für Twitter in Europa ist der Datenschutzbeauftragte des Unternehmens in Dublin zuständig. Inwieweit hier Verstöße gegen den DSA konsequent verfolgt und umgesetzt werden, wird sich zeigen müssen.

Aber wer sagt denn, dass Mikroblogging nur mit einem an kommerziellen Interessen ausgerichteten Unternehmen funktioniert? Keiner, richtig. Doch die Alternativen? Gibt es. Am interessantesten dürfte derzeit Mastodon sein. Mastodon ist Teil der Idee vom Fediverse, einem Netzwerk, das allen gehören soll. Das Fediverse ist als eine Art Struktur zu verstehen, an der sich Programmierer zur Umsetzung ­orientieren können. Erdacht wurde Mastodon von dem Jenaer Softwareentwickler Eugen Rochko und ist seit 2016 als Mikro­blogging-Dienst bisher eher im Stillen aktiv. Mastodon, der Name wirkt etwas unglücklich gewählt, ist/war ein Urzeitelefant aus der Familie der Mammuts, daher wird auf Mastodon auch getrötet und nicht gezwitschert. Das Teilen oder Verbreiten von Nachrichten nennt sich „Boots“ (Twitter: Retweets); tauschen User Kurznachrichten ­direkt untereinander aus, spricht man von „Toots“ (Twitter: Tweets). Anders als bei Twitter dürfen bei Mastodon bis zu 500 Zeichen gesetzt werden. Insgesamt sind derzeit knapp über fünf Millionen Nutzer bei Mastodon, seit der angekündigten Twitter-Übernahme durch Elon Musk steigen die Zahlen. Der Showmaster Jan Böhmermann ist mittlerweile dort zu finden ebenso wie der Wetterexperte Jörg Kachelmann und selbst das Bundespresseamt ist auf Mastodon vertreten. Natürlich auch die taz oder Fridays for Future. Elon Musk ist nicht dabei, Markus Söder übrigens auch (noch) nicht. Was macht Mastodon also anders? Zunächst einmal ist Mastodon nicht für eine Kapitalvermehrung geeignet, denn die Mikroblogging-Plattform ist nicht nur kostenlos und werbefrei, sondern auch rein spendenfinanziert. Mastodon läuft dezentral, heißt, nicht auf einem Server, sondern vielen verschiedenen voneinander unabhängigen Servern. Die Timeline ist chronologisch, sodass Nachrichten tagesaktuell angezeigt werden können. Zudem ist diese nicht von Algorithmen beeinflusst, die den User künstlich lange auf der Plattform bleiben lässt. Das heißt, nicht der Betreiber legt die Timeline fest, sondern der User. Das ist fast wie früher, als das Internet noch frei von jeglicher Manipulation war. Wer je auf YouTube nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 gesucht hat, weiß, welchen Krebs die YouTube-­Algorithmen dort erzeugen und dass man schneller, als man klicken kann, auf irgendwelchen Seiten von Verschwörungstheoretikern landet. Jeder User kann sein eigenes Mastodon auf einem Server installieren und öffentlich zugänglich machen. Diese Gruppen nennen sich „Instanzen“. Jeder „Tröter“ sieht dementsprechend zwei Timelines – die aus seiner aktuellen Gruppe und zusätzlich die „föderale“ Timeline, die das komplette Mastodon abbildet. Klingt komplizierter als es ist und hat den entscheidenden Vorteil, dass der dezentrale Dienst weder verkauft werden noch in Konkurs gehen kann – zudem können Regierungen diesen nicht ­vollständig blockieren. Das ist sogar ausgesprochen zeitgemäß und sogar ein klitzekleines bisschen in Musks Sinne.

1 https://twitter.com/elonmusk/status/1519036983137509376

2 https://www.businessinsider.co.za/elon-musk-sells-the-family-emeralds-in-new-york-2018-2

3 https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/digital-services-act-package

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