alle Fotos: © G.H. Estate Limited. Text: Bernd Lammel
Das „dritte Auge“ eines Beatles: George Harrison hielt mit seiner Kamera Momente fest, die hinter der Beatlemania verborgen blieben. Sein Fotobuch „The Third Eye“ zeigt die Band aus einer ungewöhnlich persönlichen Perspektive.
Von Liverpool bis Tahiti, von Fernsehstudios bis zu Hotelzimmern: Während die Beatles vor Millionen Menschen auftraten, beobachtete George Harrison seine Umgebung durch den Sucher seiner Pentax. Das von Olivia Harrison kuratierte Fotobuch „The Third Eye“ versammelt persönliche Aufnahmen und eröffnet einen anderen Blick auf eine der berühmtesten Bands der Musikgeschichte.
George Harrisons Beatles-Fotografien: Ein Blick hinter die Kulissen
Kaum eine Band wurde so häufig fotografiert wie die Beatles. Reporter begleiteten die vier Musiker aus Liverpool, Fotografen inszenierten sie, und Fans hielten ihre Auftritte fest. Ihre Gesichter wurden zu Symbolen einer ganzen Generation. Doch George Harrison hatte einen entscheidenden Vorteil: Er war mittendrin.
Wenn er seine Pentax hervorholte, musste niemand für ihn posieren. Harrison war kein außenstehender Pressefotograf, sondern Bandmitglied, Freund und Weggefährte von John Lennon, Paul McCartney und Ringo Starr. Seine Kamera wurde zum persönlichen Beobachtungsinstrument. So entstanden Bilder, die weniger offiziell und kalkuliert wirken als viele bekannte Beatles-Fotografien und oftmals überraschend beiläufig.

„The Third Eye“: Die Beatles auf Reisen und im Alltag
Das Fotobuch „The Third Eye“ führt in eine Welt, die den meisten Fans verborgen blieb. Harrisons Fotografien entstanden auf Reisen rund um den Globus, während sich die erfolgreiche britische Band zu einem weltweiten Kulturphänomen entwickelte.
Dokumentiert sind unter anderem die erste Reise in die USA sowie Stationen in Australien, Neuseeland und Frankreich. Harrison fotografierte im australischen Outback, bei Ausflügen und auf Pariser Shoppingtouren. Auch hinter den Kulissen von Fernsehstudios und in ruhigen Momenten richtete er seine Kamera auf seine Umgebung.

Gerade diese Situationen machen den Reiz der Sammlung aus. Statt nur die spektakulären Augenblicke der Beatlemania zu zeigen, richtet Harrison seinen Blick auf das Dazwischen: Menschen, Orte, Gesten und Situationen, die in offiziellen Bildern der Beatles kaum Platz fanden.
George Harrison und seine Kamera als „drittes Auge“
Der Buchtitel ist Programm: Die Kamera ermöglichte Harrison, seine eigene Welt aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Er war gleichzeitig Teil des Geschehens und dessen Beobachter. Seine Bilder sind spontan, manchmal humorvoll und immer wieder experimentell. Offenbar ging es ihm weniger um das perfekte Pressefoto als um das, was ihm im jeweiligen Moment auffiel.

So entstehen Fotografien von besonderer Nähe. Die Beatles erscheinen nicht als überlebensgroße Popikonen, sondern als Menschen auf Reisen: Sie warten, beobachten, scherzen, gehen einkaufen oder verbringen Zeit miteinander. Harrisons private Aufnahmen erzählen die vielfach bebilderte Geschichte der Beatles aus einer anderen Perspektive.
Olivia Harrison kuratiert ein persönliches Beatles-Fotobuch
Olivia Harrison, Georges Ehefrau und Verwalterin seines künstlerischen Nachlasses, hat die Sammlung für „The Third Eye“ kuratiert. Ergänzt werden die Fotografien durch Standbilder aus 8- und 16-mm-Filmen. Gemeinsam ergeben sie ein visuelles Tagebuch der Beatles-Jahre – keine lückenlose Chronik, sondern ein Mosaik persönlicher Eindrücke.
Harrisons Blick lässt sich auch als Ausdruck seiner Selbstfindung verstehen: Fotografieren bot ihm eine kreative Gegenbewegung zur Hektik im Alltag der Fab Four. Olivia Harrison beschreibt, wie Familienausflüge durch zahlreiche Fotostopps länger wurden. Was ihm am Wegesrand auffiel, wollte er festhalten.
Mediengeschichtlich ist diese Perspektive besonders interessant. Sie zeigt, wie unterschiedlich ein Ereignis erscheinen kann, je nachdem, wer die Kamera hält. Neben professionellen Pressebildern existiert eine zweite visuelle Chronik: die eines Musikers, der seine eigene Umgebung dokumentierte.
Fisheye und Superweitwinkel: George Harrisons fotografischer Stil
Harrison faszinierte besonders die Bildwirkung von Superweitwinkel- und Fisheye-Objektiven. Er nutzte diese Perspektiven nicht bloß als Effekt, sondern als gestalterisches Mittel: In den weiten Bildräumen gibt es viel zu entdecken. Er sagte: “Ich habe jetzt dieses Fischaugenobjektiv – durch das sieht alles verrückt aus“. Seine Kamera war für ihn kein Instrument eines nüchternen fotografischen Beweises, sondern eine Möglichkeit, Gefühle sichtbar zu machen.

Er formulierte es so: „Ich mag Kameras, weil man Dinge auf eine andere Art sehen kann und man Dinge so aussehen lassen kann, wie sie sich anfühlen, statt so, wie sie sind.“
Ein persönliches Zeitdokument der Beatles-Geschichte
Viele Schauplätze und Situationen, die Harrison fotografierte, gehören heute zur Beatles-Legende. Doch die Aufnahmen entstanden mitten im Alltag, als noch niemand wissen konnte, welche Bedeutung die Reisen, Begegnungen und Auftritte Jahrzehnte später haben würden.
Darin liegt die besondere Qualität von „The Third Eye“: Das Buch zeigt keine nachträglich konstruierte Legende, sondern Augenblicke aus dem Leben der Menschen, die später zu Legenden wurden. Harrison zeigt vier Musiker und ihre Vertrauten aus unmittelbarer Nähe und ohne den üblichen Blick von außen.
Das Vorwort von Olivia Harrison und das Nachwort von George Saunders sind von persönlichen Erlebnissen geprägt. So schreibt der Autor Saunders in seinem Essay davon, wie er als Fünfjähriger die Beatles in der Ed Sullivan Show zu ersten Mal empfunden hat. Er schreibt über Freude und Hochgefühl beim Betrachten der Fotos und ist von der bis heute wirkenden “Frische” fasziniert. Das Essay von Colm Tóibín am Anfang des Buches erscheint im Inhaltsverzeichnis schlicht als Einführung. Es ist mehr. Der Schriftsteller ordnet ein und räumt mit einigen alten Klischees über die Beatles auf. Die Texte sind somit kein garnierendes Beiwerk, sondern runden das Buch zu einem kulturhistorschen Werk ab.
Buchinformationen: „George Harrison – The Third Eye“
Fotograf: George Harrison
Kuratiert von: Olivia Harrison
Inhalt: Persönliche Fotografien und Standbilder aus Schmalfilmen
Thema: Die Beatles auf Reisen, hinter den Kulissen und in privaten Momenten
ISBN: 978-3-8195-0033-6
erscheint am 14. Oktober im Prestel-Verlag
George Harrison (1943–2001)
Als Leadgitarrist und Sänger der Beatles wurde George Harrison in den 1960er-Jahren weltweit bekannt. Nach dem Ende der Band etablierte er sich als Solokünstler. Sein Album „All Things Must Pass“ erreichte international Spitzenpositionen und zählt zu den bekanntesten Soloalben eines ehemaligen Beatles-Mitglieds. Harrison erhielt mehrere Grammy Awards, wurde zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt und sowohl als Beatles-Mitglied als auch als Solokünstler in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
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