MEDIENGESCHICHTE | JUBILÄUM
Ein Beitrag zur Geschichte der Nachrichtenagentur ADN und ihres Bildarchivs ADN-Zentralbild
Vom Sprachrohr der sowjetischen Besatzungsmacht zur staatlichen Nachrichtenagentur der DDR: Der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) prägte über Jahrzehnte die Medienlandschaft Ostdeutschlands. Seine Texte und Bilder bestimmten, wie sich die DDR selbst darstellte und wie sie im Ausland wahrgenommen werden wollte. Acht Jahrzehnte nach den Anfängen des ADN ist vor allem sein fotografisches Erbe von unschätzbarem historischem Wert.
Eine Nachrichtenagentur entsteht
Als im Oktober 1946 in der sowjetischen Besatzungszone der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst gegründet wurde, lag Deutschland noch in Trümmern. Die nationalsozialistische Diktatur hatte auch die deutsche Presselandschaft zerstört. Unter der Kontrolle der vier Besatzungsmächte entstanden neue Zeitungen, Rundfunksender und Nachrichtenorganisationen. In der sowjetischen Besatzungszone sollte der ADN zu einem zentralen Instrument der Nachrichtenversorgung werden.
Parallel dazu wurde in der Berliner Jägerstraße der ILLUS Bilderdienst von Eugen Heilig und seinem Sohn Walter gegründet.
Mit der Gründung der DDR im Oktober 1949 veränderte sich die Rolle der Agentur grundlegend. Der ADN entwickelte sich zur offiziellen Nachrichtenagentur des neuen Staates. Seine Meldungen versorgten Zeitungsredaktionen, Rundfunk und später das Fernsehen mit politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und internationalen Nachrichten. Zugleich war die Agentur eng in das politische Informationssystem der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) eingebunden.
Was als Nachricht verbreitet wurde, welche Ereignisse Aufmerksamkeit erhielten und welche Themen verschwiegen oder beschönigt wurden, unterlag den politischen Vorgaben der DDR-Führung. Der ADN war damit weit mehr als ein journalistischer Dienstleister. Er war Teil eines staatlich kontrollierten Mediensystems, das die öffentliche Wahrnehmung politischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit entscheidend beeinflusste.
Zentralbild – die DDR im Sucher der Kameras
Eine besondere Bedeutung gewann die fotografische Berichterstattung. Im Jahr 1952 wurde in Ost-Berlin aus dem ILLUS Bilderdienst die Zentrale Bildstelle GmbH, kurz Zentralbild, gegründet. Ihre Aufgabe bestand darin, die Versorgung der DDR-Presse mit aktuellen Fotografien zu organisieren und zu zentralisieren.
Im Januar 1956 wurde Zentralbild mit dem inzwischen verstaatlichten ADN zusammengeführt. Unter dem Namen ADN-Zentralbild entstand die maßgebliche staatliche Bildnachrichtenagentur der DDR. Ihre Fotografen waren dort präsent, wo das politische und gesellschaftliche Leben dokumentiert werden sollte (unter diesem Link findet sich auch ein Agnturbild, dass den jungen ILLUS-Mitbegründer Walter Heilig zeigt)
Die Aufnahmen zeigten Staatsratsvorsitzende und Arbeiterbrigaden, Neubaugebiete und Erntekampagnen, Jugendweihen und internationale Begegnungen. Sie dokumentierten den Bau der Berliner Mauer ebenso wie die Erfolge des DDR-Sports, die Entwicklung der Industrie und die Veränderungen in den Städten.
Dabei waren die Bilder keineswegs neutrale Abbilder der Wirklichkeit. Sie folgten häufig einer politischen Bildsprache. Die DDR sollte als moderner, friedliebender, wirtschaftlich leistungsfähiger und sozial gerechter Staat erscheinen. Bilder von glücklichen Werktätigen, erfolgreichen Wissenschaftlern oder begeisterten Jugendlichen gehörten ebenso zu diesem visuellen Selbstbild wie Fotografien von politischen Massenveranstaltungen. Im Bundesarchiiv sind zehntausende der Motive von Kalibergbau, Erdgastrasse, Jugendfestivals, Sportevents und Kultur online durchsuchbar.
Dennoch wäre es zu einfach, die Arbeit der ADN-Fotografen ausschließlich auf Propaganda zu reduzieren. Viele von ihnen waren hervorragende Bildjournalisten, die unter den Bedingungen staatlicher Kontrolle professionelle und zeitgeschichtlich wertvolle Arbeiten schufen. Ihre Fotografien erzählen häufig mehr, als die damaligen Bildunterschriften vermitteln sollten.
Gerade in dieser Spannung zwischen journalistischem Handwerk, politischem Auftrag und unbeabsichtigter historischer Aussage liegt heute der besondere Wert der Sammlung.
Sieben Millionen Fotografien erzählen Geschichte
Im Laufe der Jahrzehnte entstand bei ADN-Zentralbild eines der größten zeitgeschichtlichen Bildarchive Europas. Rund sieben Millionen Fotografien, Negative und weitere Bildmaterialien bilden einen einzigartigen Fundus deutscher Geschichte.
Der Schwerpunkt liegt auf den Jahren von 1949 bis 1990. Durch übernommene historische Bildbestände reicht die Sammlung jedoch bis in das 19. Jahrhundert zurück. Auch Material älterer Bildagenturen, darunter Bestände des Scherl-Bilderdienstes, fand Eingang in das Archiv.
Damit dokumentiert ADN-Zentralbild nicht nur die vier Jahrzehnte der DDR, sondern auch frühere Epochen deutscher Geschichte.

Die besondere Bedeutung dieser Sammlung liegt in ihrer Breite. Neben den bekannten Fotografien von Walter Ulbricht, Erich Honecker oder internationalen Staatsgästen finden sich unzählige Bilder des gesellschaftlichen Alltags: Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Kinder in Kindergärten, Familien im Urlaub, Arbeiter in Fabrikhallen, Wissenschaftler in Laboratorien oder Besucher auf Leipziger Messen.
Es sind Aufnahmen, die eine Gesellschaft in ihren offiziellen und alltäglichen Erscheinungsformen zeigen.
Für Historiker, Journalisten und Medienwissenschaftler sind diese Fotografien heute aus zwei Gründen interessant. Einerseits liefern sie unmittelbare visuelle Zeugnisse einer vergangenen Epoche. Andererseits ermöglichen sie die Untersuchung der Mechanismen staatlich gelenkter Bildberichterstattung.
Welche Motive wurden ausgewählt? Welche Perspektiven bevorzugten die Fotografen? Welche Bilder gelangten in die Zeitungen, und welche blieben im Archiv? Welche Informationen enthielten die ursprünglichen Bildtexte?
Solche Fragen machen deutlich, dass ein historisches Pressefoto niemals losgelöst von seinem Entstehungs- und Veröffentlichungszusammenhang betrachtet werden sollte.
Die Wende und das Ende des Nachrichtenmonopols
Mit den politischen Umbrüchen des Jahres 1989 geriet auch der ADN in eine existenzielle Krise. Die Friedliche Revolution, der Fall der Berliner Mauer und die zunehmende Pressefreiheit veränderten die Medienlandschaft innerhalb weniger Monate.
Die DDR-Zeitungen waren nicht länger auf die staatliche Nachrichtenagentur angewiesen. Neue Anbieter drängten auf den Markt, westdeutsche Medienunternehmen erweiterten ihre Aktivitäten, und das bisherige Nachrichtenmonopol verlor seine Grundlage.
Für die Mitarbeiter des ADN begann eine Zeit tiefgreifender Unsicherheit. Jahrzehntelang gewachsene redaktionelle Strukturen mussten sich plötzlich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen behaupten.
Mit der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 stellte sich schließlich die Frage nach der Zukunft der Nachrichtenagentur und ihrer umfangreichen Archive.
Während der operative Nachrichtenbetrieb in den folgenden Jahren in neue wirtschaftliche Strukturen überführt beziehungsweise eingestellt wurde, erhielt das fotografische Erbe eine besondere Behandlung.
Bereits 1991 wurde das Bildarchiv organisatorisch und rechtlich von der übrigen Agentur getrennt. Am 30. Juli 1992 erfolgte durch einen Vermögenszuordnungsbescheid der Treuhandanstalt die Überführung des Bildarchivs in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.
Der Bestand wurde in das Bundesarchiv nach Koblenz übernommen. Der Umzug der umfangreichen Sammlung wurde 1993 abgeschlossen.
Damit konnte ein bedeutender Teil des visuellen Gedächtnisses der DDR dauerhaft gesichert werden.
Vom Staatsarchiv zum öffentlichen Bildgedächtnis
Heute gehört das ADN-Zentralbild-Archiv zu den wichtigen fotografischen Beständen des Bundesarchivs. Es wird unter der Bestandsbezeichnung „Bild 183“ geführt.
Die Aufnahmen werden erschlossen, konservatorisch betreut und schrittweise digitalisiert. Über die Bilddatenbank des Bundesarchivs sind zahlreiche Fotografien öffentlich recherchierbar.
Ein wichtiger Schritt zur internationalen Sichtbarkeit erfolgte im Dezember 2008. Damals begann das Bundesarchiv eine viel beachtete Zusammenarbeit mit Wikimedia. Rund 100.000 digitalisierte Fotografien aus verschiedenen Bundesarchivbeständen wurden unter einer freien Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung gestellt.
Viele dieser Aufnahmen fanden ihren Weg in Wikipedia-Artikel und andere digitale Veröffentlichungen. Bilder, die ursprünglich im staatlich kontrollierten Mediensystem der DDR entstanden waren, wurden nun weltweit für die historische Information und öffentliche Auseinandersetzung genutzt.
Dieser Wandel ist bemerkenswert: Aus einem Instrument staatlicher Informationslenkung wurde eine Quelle für die unabhängige Beschäftigung mit deutscher Geschichte.
Allerdings bedeutet die Digitalisierung nicht, dass die Bilder ohne Einschränkungen verwendet werden dürfen. Urheberrechte, Persönlichkeitsrechte und die jeweiligen Nutzungsbedingungen müssen auch bei historischen Pressefotografien beachtet werden.
Die Macht der Bilder – damals und heute
Achtzig Jahre nach den Anfängen des ADN stellt sich die Frage, was die Geschichte dieser Nachrichtenagentur heutigen Journalisten vermitteln kann.
Die Antwort reicht weit über die DDR-Vergangenheit hinaus.
Der ADN steht exemplarisch für ein Mediensystem, in dem Nachrichtenvermittlung und politische Macht eng miteinander verflochten waren. Die Agentur entschied nicht unabhängig darüber, was berichtenswert war. Sie arbeitete innerhalb eines Systems, das Informationen gezielt auswählte, gewichtete und politisch interpretierte.
Besonders deutlich wird dies an den Fotografien. Bilder besitzen eine unmittelbare emotionale Wirkung. Sie vermitteln Authentizität und können den Eindruck erwecken, die Wirklichkeit unverfälscht wiederzugeben. Doch bereits die Wahl des Ausschnitts, der Zeitpunkt der Aufnahme und die Bildunterschrift beeinflussen ihre Aussage.
Das galt für die staatliche Bildberichterstattung der DDR ebenso, wie es grundsätzlich für die heutige visuelle Kommunikation gilt.
In Zeiten sozialer Netzwerke, digitaler Bildbearbeitung und künstlich erzeugter Fotografien gewinnt die kritische Auseinandersetzung mit historischen Bildquellen sogar zusätzliche Aktualität.
Wer ein ADN-Foto betrachtet, sollte deshalb nicht nur fragen, was darauf zu sehen ist. Ebenso wichtig ist die Frage, warum dieses Bild entstand, wer es verbreitete und welche Botschaft damit verbunden war.
Ein Archiv, das Fragen stellt
Das 80-jährige Jubiläum des ADN ist kein Anlass für eine unkritische Würdigung der ehemaligen DDR-Nachrichtenagentur. Ihre Geschichte ist untrennbar mit staatlicher Medienkontrolle, politischer Einflussnahme und eingeschränkter Pressefreiheit verbunden.
Es wäre aber ebenso falsch, das journalistische und fotografische Erbe pauschal auf diese Funktion zu reduzieren.
Die Mitarbeiter von ADN und ADN-Zentralbild haben über Jahrzehnte eine Fülle von Informationen und Bildern geschaffen, die heute zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte der DDR gehören. Gerade die Fotografien ermöglichen Einblicke in Lebenswelten, gesellschaftliche Veränderungen und historische Ereignisse, die ohne diese Überlieferung teilweise verloren wären.
Dass der Bestand heute im Bundesarchiv gesichert und öffentlich zugänglich ist, gehört zu den bedeutenden Leistungen bei der Bewahrung der deutschen Mediengeschichte nach 1990.
Die Bilder haben ihren ursprünglichen politischen Auftrag überdauert. Sie dienen nicht mehr der Selbstdarstellung eines Staates, sondern können kritisch untersucht, neu eingeordnet und in unterschiedliche historische Zusammenhänge gestellt werden.
Achtzig Jahre nach der Gründung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes bleibt damit eine bemerkenswerte Erkenntnis: Die DDR ist Geschichte, ihre staatliche Nachrichtenagentur längst verschwunden. Doch ihre Bilder sind geblieben – als Dokumente einer vergangenen Gesellschaft und als Mahnung, wie eng die Macht über Bilder mit der Macht über öffentliche Wahrnehmung verbunden sein kann.
Infokasten: ADN und ADN-Zentralbild – die wichtigsten Daten
| Jahr | Ereignis |
| 1946 | Gründung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) in der sowjetischen Besatzungszone |
| 1949 | ADN wird zur offiziellen Nachrichtenagentur der DDR |
| 1952 | Gründung der Zentralen Bildstelle (Zentralbild) |
| 1956 | Zusammenschluss von Zentralbild und ADN |
| 1989/90 | Ende des staatlichen Nachrichtenmonopols |
| 1991 | Trennung des Bildarchivs vom übrigen Agenturbetrieb |
| 1992 | Überführung des Bildarchivs in Bundeseigentum |
| 1993 | Abschluss der Übernahme des Bildbestandes in Koblenz |
| 2008 | Kooperation des Bundesarchivs mit Wikimedia |
| 2026 | 80 Jahre seit der Gründung des ADN |
Quellen und weiterführende Informationen
Grundlage des Beitrags sind die historischen Angaben und Quellen zum ADN und zu ADN-Zentralbild, insbesondere das Bundesarchiv zur Geschichte des ADN, die Bilddatenbank des Bundesarchivs und die Dokumentation des Bildbestands bei fotoerbe.de.
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Bernd Lammel
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