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Heft 2-2022 | PROPAGANDA
Zu wenig Frauen in den Chefetagen der Medien
(c) dpa - Report
Aktuell

Zu wenig Frauen in den Chefetagen der Medien 

1975, im von der UNO-Generalversammlung ausgerufenen „Jahr der Frau“, erschien die von Erich Küchenhoff herausgegebene Studie über „Die Darstellung der Frau und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen“, die als ein Auftakt der Frauen- und Geschlechterforschung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft gelten kann. Zu diesem Zeitpunkt hatten Akteurinnen der Neuen Frauenbewegung, Fraueninitiativen und feministische Journalistinnen laute Kritik an den stereotypen Frauendarstellungen in den Medien und in der Werbung geübt.

Die anschließende UN-Frauendekade und vier Weltfrauenkonferenzen boten bis in die Mitte der 1990er-Jahre hinein ein geeignetes politisches Umfeld für feministische Medienkritik sowie für Analysen von Medieninhalten, Medienproduktion und Medienrezeption aus der Geschlechterperspektive.

Medieninhalte

Die eingangs erwähnte Küchenhoff-Studie konstatierte, Frauen in den Sendungen des deutschen, damals noch rein öffentlich-rechtlichen Fernsehens seien eklatant unterrepräsentiert. Die vorgefundenen Frauenrollen waren extrem stereotyp konstruiert: Es handelte sich meist um Hausfrauen und Mütter oder junge, attraktive, berufstätige Frauen. Lange her, dass Medieninhalte so aussahen? Dieser Eindruck täuscht: Die Rostocker Wissenschaftlerinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke kamen in ihrer Untersuchung „Audiovisuelle Diversität?“ über „Geschlechterdarstellung in Fernsehen und Film in Deutschland“ aus dem Jahr 2017 mehr als 40 Jahre nach der Küchenhoff-Studie zu ähnlichen Befunden. Nach Auswertung von fast 3 000 Stunden aus dem Spartenprogramm von 17 privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern (Fernsehfilme, Show und Unterhaltung, Informations- und Nachrichtensendungen) sowie aus dem Angebot von vier Kindersendern und 800 Kinofilmen gelangten sie zu folgenden Ergebnissen:

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 Frauen sind deutlich unterrepräsentiert.
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 Wenn Frauen vorkommen, dann als junge Frauen. Ab dem 30. Lebensjahr verschwinden Frauen schrittweise vom Bildschirm.
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 Männer erklären die Welt. Sie sind die Experten, Gameshow-Moderatoren, Journalisten und Sprecher.
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 The Future is equal? Nicht, wenn es nach dem Kinderfernsehen geht. Nur eine von vier Figuren ist weiblich.

Obwohl sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen historisch und aktuell als durchaus flexibel und veränderbar erwiesen hat, blieb das fast ohne Auswirkungen auf die (Re)Präsentationen der Geschlechter in den Medien. Im Gegenteil, die geschlechterspezifischen Darstellungen sind nach wie vor sehr stabil. So bestätigt auch die Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele 2019: Stereotype Geschlechterbilder von Frauen und Männern sind bis heute in allen journalistischen Gattungen und mehr noch in der Werbung sowie im sogenannten Gender Marketing zu finden. Auch wenn sich die Geschlechterbilder leicht verändern, bleiben sie bei genauerem Hinsehen stereotyp und tragen dazu bei, das System der Zweigeschlechtlichkeit zu reproduzieren. Beides, Geschlechtergleichheit und Geschlechterdifferenz, wird in den Medien betont, ganz selten hingegen werden Geschlechterbilder dekonstruiert oder in Frage gestellt, Stereotypen durchbrochen bzw. ein Doing Gender, also die Frage, wie Geschlecht hergestellt wird, thematisiert.

Medienproduktion

Beim Bereich Medienproduktion werden insbesondere Journalismus und Public Relations (PR) in den Blick wissenschaftlicher Forschung genommen. Beispielsweise wird gefragt nach dem Anteil von Frauen, nach ihrer Genre- und Ressortzugehörigkeit sowie nach ihren Aufstiegschancen bis hin in die Führungspositionen. Auch andere Unterscheidungskategorien jenseits der Geschlechtszugehörigkeit werden in den Fokus gerückt, etwa mit der Frage nach Migrantinnen und Migranten im Journalismus.

In ihrer 1984 veröffentlichten systematischen Journalistinnen-Studie – der ersten in Deutschland – stellten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Irene Neverla und Gerda Kanzleiter fest, dass Journalismus in den 1980er-Jahren ein „Männerberuf“ war. Nur 17 Prozent Frauen gehörten zur Gruppe der Festangestellten, und sie befanden sich zumeist in randständigen Positionen. Seitdem hat sich viel verändert, vor allem ist der Frauenanteil kontinuierlich angestiegen. Susanne Keil und Johanna Dorer belegen in ihrem Aufsatz „Medienproduktion: Journalismus und Geschlecht“, erschienen 2019 im Handbuch „Medien und Geschlecht“, einen Journalistinnen-Anteil in Deutschland von 40 Prozent, im PR-Bereich sind noch weit mehr Frauen tätig.

Wie bedrohlich dies für die männlichen Kollegen war und ist, zeigte sich um die Jahrtausendwende in misogynen, das heißt frauenverachtenden bzw. -hassenden Reaktionen: In zahlreichen Medienbeiträgen wurde eine Feminisierung des Berufs beklagt und Kritik an einer „Machtübernahme“ der Frauen geübt. Der Anstieg von Frauen im Berufsfeld des Journalismus ging übrigens nicht einher mit einem Anstieg des Anteils von Zugewanderten. Die Journalistin und Medienwissenschaftlerin Bärbel Röben ermittelte 2019 im bereits erwähnten Handbuch „Medien und Geschlecht“, dass nur knapp fünf Prozent der Journalistinnen in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund haben; hingegen kommen bei der Wohnbevölkerung Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf einen Anteil von etwa 20 Prozent.

Die Wandlungsprozesse im Berufsfeld des Journalismus gingen und gehen weiter; sie betreffen inzwischen auch die Ressortverteilung, wie die Kommunikationswissenschaftlerinnen Margreth Lünenborg und Tanja Maier in ihrem 2013 erschienenen Buch „Gender Media Studies“ dokumentieren. Während in den 1980er-Jahren etwa die Politikredaktionen noch weitgehend ohne Frauen auskamen, sind Frauen heute entsprechend ihrem Anteil im Journalismus auf die Ressorts verteilt. Einzig die Sportberichterstattung kann heute in Deutschland noch mit 86 Prozent Männern als überwiegende „Männerbastion“ gelten. Aber grundsätzlich kann von „Männer“- bzw. „Frauenressorts“ keine Rede mehr sein, wozu auch beiträgt, dass nicht ressortgebundene Journalistinnen und Journalisten immer zahlreicher werden.

Wenig verändert hat sich allerdings in Bezug auf Führungspositionen, die immer noch von Männern dominiert sind. Im europäischen Vergleich schneiden die deutschen Journalistinnen mit einem Anteil von 20 Prozent in den Chefetagen deutlich schlechter ab als ihre Kolleginnen in anderen EU-Ländern. Die feministische Forschung diskutiert diese „vertikale Segmentation“ im Zusammenhang mit einer „gläsernen Decke“, an die Frauen im Laufe ihres Berufslebens stoßen. Damit ist ein Geflecht beruflicher, privater und gesellschaftlicher Faktoren gemeint, das die Karrierewege von Frauen kontinuierlich beeinflusst und mitunter sogar bestimmt.

Medienrezeption

Medienrezeption wird häufig auch als Medienhandeln bezeichnet, um damit die aktive Rolle derjenigen zu betonen, die Medien nutzen. Im Kern geht es in diesem Bereich um die Analyse von Mediennutzung, ihre Rezeption und Aneignung. Die kommunikationswissenschaftlichen Gender Studies haben sich auf das Medienhandeln der Geschlechter konzentriert und fragen, welche Einflüsse auf Identitätskonstruktionen und Doing-Gender-Prozesse erkennbar sind. Im Zentrum früher feministischer Rezeptions- und Aneignungsstudien standen in den 1980er-Jahren die „Soap Operas“, der häusliche Alltag und der Fernsehkonsum von Hausfrauen. Im Ergebnis zeigte sich, dass Frauen, die sich diese Formate ansahen, durchaus selbstbewusst mit den Dauerserien umgingen und sie in die zeitlichen Abläufe ihres Alltags integrierten. Die Forschungsbefunde legten schon damals den Grundstein dafür, Rezipientinnen und Rezipienten nicht als passives, sondern als aktives Publikum zu sehen, das eigene (Medien-)Wirklichkeiten konstruiert und verschiedene Lesarten der Medienprodukte hervorbringt. So bleibt die Frage nach geschlechtsgebundenem Medienhandeln in den Gender Studies zentral.

Besonders ergiebig hat sich die „Kategorie Geschlecht“ in der Mediengewaltforschung erwiesen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Jutta Röser zeigte in ihrer im Jahr 2000 erschienenen Studie „Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext: Eine Cultural-Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen“ an Gruppendiskussionen mit insgesamt 127 Männern und Frauen, wie unterschiedlich mediale Gewalt von beiden Geschlechtern wahrgenommen und interpretiert wird. Dabei stellte sie das komplexe Zusammenspiel von Gewalt, Mediengewalt und ihrer Wahrnehmung durch die Rezipienten und Rezipientinnen in den Mittelpunkt ihres Forschungsansatzes.

Aus dem breiten Spektrum von Studien zu diesem Thema sei hier noch auf ein wichtiges Forschungsfeld verwiesen, in dem das „Medienhandeln von Heranwachsenden“, also von Mädchen und Jungen, untersucht wird. In einer 2013 am Deutschen Jugendinstitut München durchgeführten Untersuchung von Ulrike Wagner und Susanne Egger für den 14. Kinder- und Jugendbericht der Sachverständigenkommission der Bundesregierung standen vor allem das Internet und das Social Web im Mittelpunkt. Die Suche nach Orientierung, Identität, sozialen Beziehungen und Teilhabe bildet den Antrieb für das Medienhandeln Jugendlicher. Die Autorinnen betonten, dass Ausmaß und Kommerzialisierung der Medienkommunikation große Herausforderungen darstellen, etwa durch die Verstärkung problematischer politischer Orientierungen, die Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre sowie die Verfestigung von Ausgrenzungsmechanismen.

Die Gender Media Studies diskutieren die Kategorie Geschlecht in der Medienkommunikation und analysieren ihre Konstruktion und Dekonstruktion. Sie setzen sich zudem grundsätzlich mit Theorien und Konzepten der Kommunikations- und Medienwissenschaft auseinander, die allzu oft Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne dabei die Geschlechterverhältnisse im Blick zu haben. Das ist besonders auffällig – wie im Folgenden gezeigt wird – bei der Thematisierung von Öffentlichkeit und Privatheit. Gerade die erwähnte Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre im Internet und in den sozialen Medien verleiht dem Thema eine neue Brisanz.

Öffentlichkeitstheorien ohne Privatheit oder: Und Frauen kommen nicht vor

Im Jahr 1962 erschien das bis heute grundlegende, auch international stark beachtete Buch von Jürgen Habermas: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, an dem sich bis heute Öffentlichkeitstheorien orientieren, indem sie seine Aussagen entweder bestätigen oder sich kritisch zu ihnen äußern. Habermas schilderte die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. und 19. Jahrhundert als „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“, in der gesellschaftliche Probleme besprochen und in politischen Prozessen ausgehandelt werden können. Befördert wurde diese Entwicklung durch den Aufstieg des Bürgertums zur gebildeten und besitzenden Klasse (Privateigentum), durch die Entstehung der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie (Privatsphäre) sowie durch die Herausbildung einer literarischen Kultur und Öffentlichkeit, verbunden mit eigenen Räumen wie Kaffeehäusern und Medien, insbesondere Zeitungen und Zeitschriften. Eine funktionierende Aushandlung und Regulierung gemeinschaftlicher Belange in einer Öffentlichkeit, zu der jeder Zutritt hatte, galt Habermas als modellhaft für eine demokratische Gesellschaft. Den titelgebenden „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ deutete er in seiner Darstellung als „Zerfall“, den die Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert durch die Kommerzialisierung von Politik und Medien erlitten habe.

Das bürgerliche Publikum, welches durch ein informiertes Allgemeininteresse verbunden ist und die öffentliche Meinung bildet, ist eine Idealkonstruktion. Ausschlüsse werden in diesem Modell nicht thematisiert. Doch wo, so ist mit der US-amerikanischen Sozialphilosophin Nancy Fraser zu fragen, sind in dieser idealen Öffentlichkeit Arbeiter, Frauen, Arme sowie Angehörige von ethnischen, religiösen und nationalen Minderheiten anzutreffen? Kategorien wie Race, Class und Gender werden in dieser klassischen Öffentlichkeitstheo­rie nicht problematisiert. Vielmehr geht sie wie selbstverständlich davon aus, dass die Öffentlichkeitssphäre den Männern vorbehalten ist und hierarchisch über der Privatsphäre steht, die den Frauen zugewiesen ist. Diese hierarchische Anordnung ist bis heute ein entscheidender Aspekt bei Fragen der Geschlechterungleichheit.

Die Frauen- und Geschlechterforschung hat schon früh die Unstimmigkeiten in Öffentlichkeitstheorien aufgearbeitet und vor allem gegen den Dualismus von Privatheit und Öffentlichkeit Stellung bezogen. Durch ihn seien Grenzauflösungen unsichtbar gemacht und Frauen sowie andere marginalisierte Gruppen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen worden. Insbesondere feministische Historikerinnen haben auf die geringe historische Trennschärfe und auf die Widersprüchlichkeit von Öffentlichem und Privatem hingewiesen.

Eine systematische Kritik dazu legte 1986 die Berliner Historikerin Karin Hausen vor. Sie sah in der von Habermas vorgestellten Öffentlichkeit „zunächst einmal nichts anderes als eine Verständigung männlicher Bürger über ihre Lebenssituation und eine aus ihrer Sicht vorgenommene Weltinterpretation.“ Diese Konstruktion sei folgenreich gewesen und gesellschaftspolitisch hoch aufgeladen, denn sie verwies Frauen in die häusliche, Männer in die öffentliche Sphäre und trug zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bei. Grenzgänge und Widerstände von Frauen, ihr Agieren in der politischen Öffentlichkeit, etwa in gesellschaftlichen Umbruchszeiten und Revolutionen, wurden häufig von den Zeitgenossen ignoriert und aus der geschichtlichen Überlieferung ausgeblendet sowie Übergänge und Grenzauflösungen kaum erforscht. Für Hausen bilden Privatheit und Öffentlichkeit ein Begriffspaar, das nicht mit einer „säuberlichen Trennung und Gegenüberstellung“ zu fassen ist. Durch die Zuordnung zur Privatsphäre werden Lebens- und Arbeitszusammenhänge von Frauen unsichtbar gemacht und ihre Erfahrungen, Interessen, Organisations- und Aktionsformen als nicht politisch angesehen und daher vom Diskurs ausgeschlossen.

Lesen Sie den ganzen Text in der aktuellen Ausgabe.


Erstveröffentlichung: Bundeszentrale für politische Bildung

Prof. Dr. Ulla Wischermann war bis Herbst 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktorin im dortigen Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse. Sie war langjährige Mitherausgeberin der Zeitschrift Feministische Studien und der Buchreihe Critical Studies in Media and Communication. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Gender Media Studies, feministische Theorie, Antigenderismus, Soziale Bewegungsforschung und Öffentlichkeitstheorie.

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