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80 Jahre Kriegsende
Journalismus unter Druck
(c) Wikipedia
20 Jahre NITRO

Journalismus unter Druck 

2004 war das Jahr der Gründung von N, damals noch unter Berliner Journalisten firmierend. Genauso wie beim Titel unseres Magazins hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel geändert, auch und insbesondere beim Journalismus. Wir werfen daher einen (unvollständigen) Blick auf einige Jahre zwischen 2004 und 2024, die den Journalismus und die Art, wie wir arbeiten, beeinflussten. 

Kennen Sie noch den Oeckl, das „Handbuch des Öffentlichen Lebens“? Dann haben Sie den Journalismus wahrscheinlich von der überwiegend analogen Seite her kennengelernt. Denn wer früher etwa Infos oder einen O-Ton aus der Bundespolitik in Berlin oder Kontakte zu einem Verein oder einer Organisation brauchte, der benötigte den Ziegelstein-großen Oeckl. Genauso wie Lobbyisten, Pressesprecher und eben Journalisten.  

Das 1 800 Seiten dicke „Handbuch des Öffentlichen Lebens“ hielt Informationen vor, die man auch im Internet erst lange suchen musste – sofern sie überhaupt zu finden waren. 2004 war das noch so. 45 000 Ansprechpartner hatten Einzug in das Werk gefunden. Die letzte Ausgabe des gedruckten Oeckl erschien erst 2022; und er hat sich damit vergleichsweise lange gehalten, obwohl er mit zuletzt über 162 Euro doch recht teuer war. Aber das Handbuch war eben für viele Journalisten ein unverzichtbares Tool – wie der Bohrhammer für den Handwerker.  

Lassen wir 2004 ein wenig Raum und heben zwei Schlagzeilen aus diesem Jahr hervor:  

  • Am 30. April wird der Skandal um die Misshandlungen durch US-amerikanische Soldaten im Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak publik.  
  • Am 26. Dezember fordert ein nach einem Erdbeben im Indischen Ozean entstehender Tsunami mehr als 230 000 Menschenleben. Betroffen sind besonders die Küstenregionen von Indonesien, aber auch von Indien, Sri Lanka, Thailand und Malaysia. 

Fast drei Millionen Artikel auf Wikipedia

Dass wir diese Ereignisse ruckzuck wieder parat haben, ist besonders einer Institution zu verdanken: Wikipedia. 2004 feierte die deutsche Ausgabe des Online-Lexikons ihren 100 000. Eintrag, 2024 sind dort fast drei Millionen Artikel zu finden. Wikipedia ist als schnelles Nachschlagewerk für den Journalismus unverzichtbar, zwar nicht unfehlbar, aber das war ein Brockhaus ebenfalls nicht. Für das gedruckte Lexikon ist dann auch bereits vier Jahre später, 2008, Schluss. Das Literaturcafé titelte damals recht reißerisch: „Wikipedia zerstört den gedruckten Brockhaus – 50 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze“.1  

Tragisch, aber so schön ein Print-Nachschlagewerk auch ist, kann es niemals aktuell sein, stets gilt der Redaktionsschluss. Den Sprung ins Internet hatte man womöglich verpennt, oder, was wahrscheinlicher ist, man wollte auf die knapp 3 000 Euro für eine Gesamtausgabe nur ungern verzichten. Tja. Heute nutzen wir die Online-Enzyklopädie so selbstverständlich, als hätte es sie schon immer gegeben, Kritik hin oder her. Gleiches gilt auch für das „Internet Archive“, das unter archive.org zu finden und im Gegensatz zur Wikipedia stets von der Pleite bedroht ist. Erst im Herbst 2024 war das Archiv wegen eines Cyberangriffs einige Wochen offline, und man vermisste es sogleich schmerzhaft.  

71 000 VHS- und Betamax-Videokassetten in 35 Jahren

Seit 1996 ist das „Internet Archive“ online und bietet neben archivierten Webseiten auch Video- und Audiodateien, Software, Bedienungsanleitungen und vieles mehr. Eine Mammutaufgabe war und ist etwa die Archivierung des Vermächtnisses von Marion Stokes2, die die unglaubliche Anzahl von über 71 000 VHS- und Betamax-Videokassetten hinterließ. Die US-Amerikanerin zeichnete 35 Jahre lang, von 1977 bis 2012, Sitcoms, Dokumentationen und Nachrichten aus dem Fernsehen auf. Ein gewaltiges zeitgenössisches Vermächtnis. Die Archivierung wurde mit etwa zwei Millionen US-Dollar veranschlagt und ist bis heute nicht abgeschlossen – auch und insbesondere, weil es bei der Finanzierung des Projekts hapert.   

2004 Datenraten bis zu 42 Mbit/s mit HSPA+

Das weltweite Netz war und ist nicht erst seit 2004 eines der wichtigsten Tools für Journalisten. In den vergangenen 20 Jahren ist dieses aber gigantisch gewachsen – etwas langsamer kam in Deutschland die Bandbreite in die Puschen. 2004 mussten wir uns zu Hause vielerorts noch mit nur 1 bis 2 Mbit/s Download-Geschwindigkeit begnügen, über einen DSL-Anschluss verfügten gerade mal 4,7 Millionen Bundesbürger. Immerhin sollte es nun mobil flotter vorangehen: Just in jenem Jahr war deutschlandweit das UMTS-Netz (3G) kommerziell verfügbar. Damit konnten nun Datenraten bis zu 42 Mbit/s mit HSPA+, sonst maximal 384 kBit/s, erreicht werden. Theoretisch. Praktisch haperte es, wir kennen das bis heute, beim Ausbau. Die Kosten für die UMTS-Lizenzen hatten es für die Mobilfunkbetreiber in sich. Sechs Lizenzen spülten dem damaligen Finanzminister Hans Eichel schon im Jahr 2 000 rund 50 Milliarden Euro in die Kasse, was diesen zu dem Ausspruch veranlasste, die Abkürzung UMTS stehe für „Unerwartete Mehreinnahmen zur Tilgung von Staatsschulden“. In der Folge waren Handyverträge exorbitant teuer, besonders das eingeräumte Datenvolumen. Noch heute ist Deutschland in diesem Segment vergleichsweise teuer; und von Bandabrissen, etwa bei Bahnfahrten, kann auch 2024 noch jeder ein Lied singen. 

2004 startet erstmals die Social-Media-Plattform Facebook

Das Internet selbst wurde im Laufe der Jahre radikal durchkommerzialisiert. Im Februar 2004 startet erstmals die Social-Media-Plattform Facebook. In Deutschland hatte das in Florida, USA, gegründete Unternehmen jedoch zunächst Akzeptanzprobleme. Besonders junge und internetaffine Menschen tummelten sich bei uns lieber bei dem ein Jahr später gegründeten studiVZ und etwas später bei schülerVZ. Das änderte sich spätestens 2011, da hatten gut 47 Prozent der deutschen Internetnutzer bereits ein Facebook-Konto.   

Einer der Erstinvestoren bei Facebook war übrigens Peter Thiel. Schon 2004 stieg der in Deutschland geborene und mit PayPal reich gewordene, rechtsstehende Politaktivist mit 500 Millionen US-Dollar ins Unternehmen ein. Was uns schneller als erwartet ins Jahr 2022 führt. 

Döpfner 2021 an Reichelt: „Please, stärke die FDP!“

2022 ist das Jahr, in dem sich der ebenfalls zur „PayPal-Mafia“3 gehörende Thiel-Kumpel Elon Musk Twitter einverleibte. 44 Milliarden US-Dollar bezahlte der in Südafrika (Pretoria) geborene Unternehmer für die Übernahme der Aktienmehrheit des Kurznachrichtendienstes. Mathias Döpfner persönlich riet ihm zur Übernahme. „Warum kaufst du nicht Twitter?“, schrieb der CEO von Axel Springer SE am 30. März 2022 per SMS an Musk. „Ein echter Beitrag zur Demokratie wäre das“, ergänzte Döpfner.4 Der Space-X-Eigner schlug zu und benannte das Unternehmen bald darauf in seinen Lieblingsbuchstaben um: X. Welches Demokratieverständnis ihn persönlich umtreibt, bewies Döpfner indes bereits 2021, als er zwei Tage vor der Bundestagswahl an seinen damaligen Chefredakteur Julian Reichelt schrieb: „Please, stärke die FDP. Wenn die sehr stark sind, können sie in (der) Ampel so autoritär auftreten, dass die platzt.“ Dieser Wunsch wurde dem Lobbyisten für Zeitungsverleger im November 2024 schließlich erfüllt. 

Reiche nutzen ihre Macht, um ungestört noch reicher zu werden

Als einflussreicher Milliardär die Politik nach eigenen Vorstellungen tanzen zu lassen, ist nun wahrlich keine wirklich neue Idee – aber die Dimensionen sind andere. Nie zuvor bezahlte ein Mensch so viel Geld für ein Medienunternehmen – und als ein solches kann man X durchaus bezeichnen –, um Meinung inklusive politischer Einflussnahme nach eigenen Vorstellungen zu machen. Die Reichen nutzen ihre Macht aus, besonders um ungestört noch reicher werden zu können, wie Jeff Bezos (Amazon) im Herbst 2024 bewies. So pfiff er die Redaktion der zu seinem Imperium gehörenden Washington Post zurück, die in den USA traditionelle Wahlempfehlung auszusprechen. Die sollte pro Kamala Harris lauten. Bezos hingegen fürchtete Umsatzeinbußen, falls Donald Trump die Wahl gewinnen sollte. Nach dessen Wahlsieg darf Jeff Bezos nun also weiterhin ungeniert Vermögen anhäufen. 

Trump oder AfD: beide nutzen sogenannte „alternativen Fakten“

Das führt uns zu Donald Trumps erster Präsidentschaft von 2017 bis 2021: eine Zäsur für den Journalismus. Der New Yorker Millionär etablierte während seiner Amtszeit den Begriff „Fake News“ ebenso wie die Definition angeblich „alternativer Fakten“. Die politische Zweckmäßigkeit gilt hier als Fakt. Beides Begrifflichkeiten, die sich in Deutschland die AfD schnell zu eigen machte (ebenso wie ihre Anhänger aus der Schwurbel- und Querdenker-Szene). Ob Trump oder AfD, beide nutzen die sogenannten „alternativen Fakten“ einzig und allein mit dem Ziel, andere auszuschließen oder sich gegen sie durchzusetzen. Eine neue „Qualität“, die die etablierten Medien in eine Zwickmühle bringt, der sie kaum entkommen können. Der Versuch, etwa Politikern der AfD Raum für ihre Ansicht der Dinge zu verschaffen, kann als gescheitert angesehen werden. Wenn deren Vertreter „alternative Fakten“ in Talkshows absondern, hilft auch der nachgeschobene Faktencheck wenig, denn diesen sehen sich diejenigen, die die „alternativen Fakten“ glauben, nicht an – und wenn doch, sind es für sie „Fake News“. Das alte Modell, stets eine Gegenmeinung zuzulassen, ist überholt. Wir brauchen niemanden, der behauptet, der Klimawandel sei eine Erfindung oder Migranten Massenvergewaltiger. Es gibt sie nämlich, die richtigen, die echten Fakten.  

„Alternative Faken“ auf Facebook, WhatsApp oder Telegram

Recherchen werden nicht nur für den Bürger, sondern auch für diejenigen, die sich beruflich damit befassen, immer schwieriger. Die Nummer eins der Suchmaschinen, Google, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.5 Werbung und Search Engine Optimation (SEO) spülen Unwichtiges und Bezahltes im Ranking nach oben. Die Algorithmen des ebenfalls zu Google gehörenden Unternehmens YouTube bringen Videos mit hohen Aufrufzahlen in den Feed – ob die Inhalte stimmen oder nur „alternative Fakten“ sind, wird nicht überprüft. Ähnliches gilt für Facebook und Messenger wie WhatsApp oder Telegram: Wer sich bestimmten Gruppen anschließt, bleibt in seiner „Blase“ und wird dauerhaft mit „alternativen Fakten“ zugemüllt.  

Radiosenders Off Radio aus Krakau: Moderationen über KI

Was uns ins Jahr 2024 und zur KI, der Künstlichen Intelligenz führt. Diese hat auch schon, bevor der Name dafür kreiert wurde, zu einer Veränderung des Journalismus beigetragen. So werden Börsen- und Sportergebnismeldungen seit längerem von spezieller Software zusammengefasst. Die Versuchung unter den meist von Kaufleuten geleiteten Verlagen ist groß, mehr damit zu arbeiten, um zu sparen. Erst im November 2024 scheiterte ein Experiment des polnischen Radiosenders Off Radio aus Krakau. Dort ließ man die gesendeten Texte und Moderationen vollständig von einer KI erstellen. Dies ging so weit, dass selbst ein Interview mit der bereits 2012 verstorbenen Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska von der KI-Moderatorin Emilia geführt wurde – sehr zum Missfallen der Hörer, die mit einer Petition das KI-Ende von Off Radio forderten. Mit Erfolg: Das Experiment, das ursprünglich für drei Monate angesetzt war, wurde bereits nach einer Woche abgebrochen.  

Deutlicher Anstieg mit KI erstellten Artikeln bei Wikipedia

Aber KI wird auch dort eingesetzt, wo es nicht so offensichtlich ist und weh tut: bei der Wikipedia. So fand die in Ithaca, New York, ansässige Cornell University in einem Experiment heraus, dass fünf Prozent der neu erstellten englischen Wikipedia-Artikel KI-generiert sind. Zum Check verwendete man verschiedenste KI-Detektoren. Sie alle kamen zu dem Ergebnis, dass es einen deutlichen Anstieg per KI erstellter Artikel bei Wikipedia gibt.6 

OpenAI, das erst 2019 gegründete Unternehmen, das hinter dem bekannten ChatGPT steht, wurde jüngst erst mit 150 Milliarden US-Dollar bewertet. Jüngst gönnte man sich noch eine neue Finanzierungsrunde: mit dabei Space X von Elon Musk, oder der TikTok-Eigentümer ByteDance. Größter Geldgeber ist Microsoft. Schon seit 2023 als Partner mit dabei ist übrigens die Axel Springer SE. Die abschließenden Worte überlasse ich „Dr. Wu“, der Folgendes auf X postete, dem es nichts hinzuzufügen gibt: „Doch wenn die Öffentlichkeit maßgeblich über Netzwerke und Medien organisiert wird, die Diktaturen oder rechten Milliardären gehören, haben Demokraten keine Chance mehr. Egal wo. Trumps Wahlsieg ist der Mega-Booster für Rechte weltweit.“7 Please, stärke den unabhängigen Journalismus.   

1 https://www.literaturcafe.de/wikipedia-zerstoert-den-gedruckten-brockhaus/ 

2 https://archive.org/details/marionstokesvideo 

3 https://de.wikipedia.org/wiki/PayPal-Mafia 

4 https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/matthias-doepfner-wollte-twitter-fuer-elon-musk-managen-a-8d180ca3-92aa-491b-bc78-e3bb10bf53d7 

5 Der Marktanteil von Google liegt bei über 90 % bei den Suchmaschinenanfragen in Deutschland. 

6 https://arxiv.org/abs/2410.08044 

7 https://twitter.com/dok_wu?lang=de 

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