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	Die vierte Gewalt am Limit?
Der „Alte Ami“ Rik De Lisle ist gestorben
Foto © Bernd Lammel 06.04.2026 / Rick De Lisle verstorben
100 Jahre Radio

Der „Alte Ami“ Rik De Lisle ist gestorben 

Der US-amerikanische Radiomoderator Rik De Lisle ist im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben. Der gebürtige Amerikaner aus Milwaukee prägte über Jahrzehnte die Berliner Radiolandschaft und wurde mit seinem markanten Stil und seinem Slogan „Icke bin’s, der alte Ami“ zu einer Kultfigur. Seine Karriere begann beim Soldatensender AFN, der ihn Ende der 1970er-Jahre nach West-Berlin brachte. Dort entwickelte er sich schnell zu einer der bekanntesten Radiostimmen der Stadt.

von Bernd Lammel

Seit seiner Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der AFN Berlin (American Forces Network) die Mission, die amerikanischen Truppen und ihre Angehörigen über Nachrichten, Unterhaltung und Musik aus der Heimat auf dem Laufenden zu halten. Der Sender bot nicht nur eine willkommene Ablenkung vom Alltag der Soldaten, sondern schuf auch eine Verbindung zur Kultur und den Neuigkeiten aus der Heimat.

Foto © Bernd Lammel  / Rick De Lisle verstorben
Rik Delisle als Draht in die Heimat

Bernd von Kostka kuratierte im Berliner Alliierten-Museum die Ausstellung „The Link with home – und die Deutschen hörten zu“. Er beschreibt die Wirkung, dass die deutsche Hörerschaft bereits in den 1960er Jahren für die amerikanischen, britischen und französischen Militär-Sender rund sechs Millionen betrug. Dabei dürfte das Sendegebiet der ehemaligen DDR mangels statistischer Daten nicht mit einbezogen sein. „Die Musik war der Schlüssel zu den Hörern“, sagt von Kostka. Zudem sah er die lockere Art der DJs im Gegensatz zur  konservativen Art der deutschen Rundfunksender als Erfolgsfaktor.

Rik De Lisle wird zur Marke „Der alte Ami“

Rik De Lisle, eine Berliner Radio-Ikone unter dem Label „Der alte Ami“, hat den AFN von 1978 bis 1984 mitgeprägt. Er sah die deutschen Zuhörer als „Schattenpublikum“ des AFN.
„Wir wußten auch nicht, dass viele Leute in der DDR mitgehört haben. Ehrlich gesagt, wir haben nicht an die deutschen Hörer gedacht, weil Deutsche nicht unsere Zielpublikum waren.“ Es war nicht so, dass GIs mit großer Begeisterung nach Deutschland kamen. Rik Dilisle sagt: „Die meisten wollten zurück nach Tennessee oder sonst wohin. Sie sollten AFN einschalten und das Gefühl bekommen als seien sie in Tennesee“. Es war der Draht nach Hause und die Informationsquelle über alles, was in Berlin los war. Chef des AFN war der US-Stadtkommandant.
Rik De Lisle war vor seinem Dienst in Berlin bereits ein erfahrener Militär-DJ. Als er in die US-Air Force eintrat, begann er seinen Dienst San Antonio, Texas.  Es folgten 12 Stationen über Alaska, Alabama, Thailand, Portugal und Rammstein bevor er Berlin ankam.

Von Thailand nach Berlin – Wie Rik De Lisle nach Berlin kam

Als 1975 der Vietnamkrieg endete war er in Thailand stationiert und bekam er den Befehl mehrere Radiostationen in Südostasien abzuwickeln. Der Job dauerte bis April 1976 und obwohl er lieber geblieben wäre oder auf die Philippinen gehen wollte, landete er über Rammstein in Frankfurt. Es war nicht sein Traumziel. Hier begannen viele US-Soldaten ihren Dienst in der Bundesrepublik und beendeten ihn auch wieder vor dem Heimflug. Sie waren nicht sehr beliebt und Rik Dilisle berichtet von Kneipen in Frankfurt-Sachsenhausen, die GIs nicht bedienen wollten. Dann hieß es, es gäbe eine Stelle in Berlin für ein Jahr. Er sagte zu und hoffte danach in die Heimat zu kommen. Es kam anders. Er blieb in Berlin, wurde heimisch und machte dort bis vor kurzem täglich Radio.

Zwei Interviews machte Rik De Lisle am ersten Tag bei AFN Berlin

Der erste Tag bei AFN Berlin im Jahr 1978 war sofort ein großes Erlebnis für ihn. Auf dem Sendeplan von Rik De Lisle standen zwei Interviews. Das erste mit dem bis 1966 in der Zitadelle Spandau inhaftierten Kriegsverbrecher Albert Speer, der als Hitlers Architekt gilt und bei Propyläen eine Buchprämiere feierte, und das zweite mit Mick Jagger von den Rolling Stones, die mit Some Girls gerade ihr 14. Studioalbum herausgegeben hatten. Es war ein wahres Kontrastprogramm wie ganz Berlin. Rik war von Anfang an fasziniert. Die Besonderheit des Vier-Mächte-Status von Berlin ohne Sperrstunde und die vitale Musikszene wurden seine neue Heimat. „Ich war mittendrin in der Berliner Szene. Jede freie Minute war ich in der Underground-Musik-Szene unterwegs“, sagt De Lisle.

Bücher und Schuhe kaufte Rik De Lisle in Ostberlin

Ein Einmal im Monat in Uniform in Ostberlin. Die Westalliierten gehörten auch in Ostberlin zum Stadtbild. Sie wollten zeigten, dass sie als Alliierte präsent sind. „Wenn wir über Checkpoint Charly nach Ostberlin einreisten, hatten wir sofort ein Auto der Stasi hinter uns. Sie folgten uns überall hin.“, erinnert sich De Lisle. „Keiner wollte mit uns in den blauen Uniformen reden. Ich kaufte Bücher, die in der DDR sehr, sehr preiswert waren sowie Kleidung und Schuhe für meine drei Kinder“. So hatten die Besuche eine persönlich pragmatische Seite.

Im Programm von AFN Berlin wurde es auch immer wieder politisch. Einmal stand ein Interview mit Richard von Weizsäcker als Regierendem Bürgermeister zur Zeit der Hausbesetzerszene in Westberlin an. Von Weizäcker wollte partout nicht über das Thema reden, was Rik De Lisle am Ende akzeptieren musste.
Deutsche Gegenwartsgeschichte war von Anfang an ein Thema. Einer der wichtigsten Meilensteine des AFN war die Berichterstattung von den Nürnberger Kriegsverbrecherkongressen. Der Sender archivierte den gesamten Verlauf des Prozesses auf 1.970 16-inch-Schallplatten, die heute im Nationalarchiv in Washington D.C. aufbewahrt werden. Alle wichtigen Ereignisse wie die Berlin-Blockade, Mauerbau und -fall waren stets Themen für AFN.

Hauptthema bleibt die Musik für Rik De Lisle

Durch seine Kontakte mit deutschen Musikmanagern und Persönlichkeiten wie dem Starfotografen Jim Rakete, der die Berliner Band SPLIFF und Nina Hagen promotete, brachte er beispielsweise Nena ins AFN-Musikprogramm. Sie trat im AFN TV auf, bevor sie zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen zu sehen war. Das war im Sommer 1982. Ein Jahr später kletterte Nena mit 99 Luftballons in den US-Charts auf Nummer drei. Noch als Mitarbeiter bei AFN verknüpfte Rick De Lisle sein Leben immer mehr mit der Berliner Musikszene.

Erst nach dem Mauerfall erfuhr Rik De Lisle wie beliebt AFN in Ostberlin gewesen ist. Er selbst war seit 1984 nicht mehr beim AFN. Nach 20 Jahren beim US-Militär ging er dort in „Rente“ wie er es selbst bezeichnet. Nach AFN wollte er unbedingt in Berlin bleiben. Seine Kinder gingen hier zur Schule. Mit Jim Rakete ging er auf SPLIFF-Tour. „33 Shows in 30 Tagen. Das war mega“, sagte er. Die Sehnsucht nach dem Radio war größer. Siegfried Schmidt-Joos, Co-Autor des Standardwerks Rocklexikon (Rowolt, gemeinsam mit Barry Graves) holte ihn zum RIAS und gab ihm eine Nachtsendung. Die Kolleginnen dort waren alle viel jünger und seitdem gilt der claim „Der alte Ami“. Als am 10. November etwa 100 Ostberliner Jugendliche in sein Radiostudio strömten, bemerkte er die tatsächliche Wirkung des Radios im Kalten Krieg.

Zwischenstopp machte De Lisle bei RIAS 2

Eine Zwischenstation machte De Lisle bei RIAS 2 Mitte der 1980er Jahre. Peter Schiwy war 1984 Intendant des RIAS geworden und das 2. Programm des Senders sollte ein Jugendvollprogramm mit dem Zielpublikum in der DDR werden. Rik De Lisle besuchte den designierten Programmchef Gerhard Besserer. Er erläuterte das Sendeschema von AFN und Besserer sagte: „Du wirst Musikchef“. Der US-Chairman von RIAS Berlin Bill Marsh wollte eine amerikanische Morning Show. Am 25. September 1984 legte Rik De Lisle programmatisch den Titel „People Get Ready“ auf, der gerade neu von Jeff Beck und Rod Stewart erschienen war.

Rik De Lisle fährt in die Nalepastraße nach Ostberlin

Gleich nach der Wende fuhr Rik De Lisle in die Nalepastraße nach Ostberlin, zeigte seinen RIAS-Ausweis und wollte den Programmchef des Berliner Rundfunks sprechen. Es glaubte, es wäre eine Superidee dort Radio zu machen. Der Volkspolizist im Wachhäuschen sagte allerdings: „Der Feind kommt hier nicht rein!“ Ironie der Geschichte. Rik De Lisle saß beim Berliner Rundfunk noch Jahrzehnte täglich am Mikrofon. Er moderierte dort bis zuletzt. Seine Sendungen zeichneten sich durch persönliche Geschichten, Musikexpertise und Nähe zum Publikum aus.

Mit seinem Tod verliert Berlin eine prägende Medienpersönlichkeit, deren Stimme Generationen von Hörerinnen und Hörern begleitet hat und die eng mit der Geschichte Berlins und des Radios in Deutschland verbunden bleibt.

Lesen sie auch in NITRO die Geschichte der Soldatensender im Kalten Krieg.

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