Text Bettina Schellong-Lammel, redaktionelle Mitarbeit Maja Grahnert
Der Fotograf Arwid Lagenpusch prägte 34 Jahre lang das visuelle Gedächtnis der Komischen Oper Berlin. Seine Theaterfotografien dokumentieren die Ära Walter Felsensteins, die Arbeiten von Tom Schilling und Harry Kupfer – aber auch das zerstörte Potsdam und die Menschen im Berliner Wandel. Im September 2026 ist er verstorben.
Es gibt Theater-Fotografen, die Aufführungen dokumentieren. Und es gibt Fotografen, deren Bilder irgendwann selbst Teil der Geschichte werden. Arwid Lagenpusch gehörte zur zweiten Kategorie.
Arwid Lagenpusch und die Komische Oper Berlin
Mehr als drei Jahrzehnte lang stand er mit seiner Kamera am Rand der Bühne der Komischen Oper Berlin. Er fotografierte Sängerinnen und Sänger, Schauspieler, Tänzer und Regisseure, Proben und Premieren, große Gesten und kleine Momente. Wer heute die Geschichte des Hauses aus der Ära Walter Felsenstein, der späteren Arbeiten von Ruth Berghaus, Harry Kupfer und anderen Künstlern oder das Tanztheater von Tom Schilling betrachtet, begegnet immer wieder seinem Blick.
Am 9. September 2026 ist Arwid Lagenpusch im Alter von 92 Jahren gestorben. Die Komische Oper würdigte ihn in ihrem Nachruf als einen Fotografen, der die Theaterdokumentation „als Kunst betrieb“.
Das ist mehr als eine freundliche Formel zum Abschied. Es beschreibt ziemlich genau, was seine Arbeit auszeichnete.
Arwid Lagenpusch: vom Autodidakten zum Theaterfotografen
Lagenpuschs Weg zur Fotografie war ungewöhnlich. Geboren wurde er am 4. Januar 1934 im litauischen Vilkaviškis, dem damaligen Wilkowischken. 1943 kam er als Neunjähriger mit seiner Familie nach Potsdam. Dort erlebte er eine Stadt, deren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs noch Jahre später das Stadtbild bestimmten. Seine ersten fotografischen Schritte machte er nicht an einer Kunsthochschule und nicht an einer Fotografenschule. Lagenpusch war Autodidakt – und blieb es sein Leben lang.
In den 1950er-Jahren arbeitete er unter anderem als Kleindarsteller bei der DEFA. Eine kleine Rolle im Film Die Hexen von Salem führte zu einer Begegnung, die sein Leben verändern sollte: Er lernte den französischen Fotografen Roger Corbeau kennen. Dessen Arbeit faszinierte ihn. Lagenpusch kaufte sich eine Weltaflex und begann, sich die Fotografie selbst beizubringen. Was zunächst wie ein Nebenweg aussah, wurde zur Lebensaufgabe.
Arwid Lagenpusch fotografiert Potsdam nach dem Krieg
Noch bevor Lagenpusch zum Theaterfotografen wurde, begann er, seine Stadt zu fotografieren. 1957 und 1958 zog er mit seiner Weltaflex durch Potsdam. Er fotografierte den Alten Markt, Ruinen, Fassaden und Plätze – eine Stadt zwischen den Spuren des Krieges und dem Beginn eines neuen politischen und architektonischen Zeitalters.
Das Potsdam Museum bezeichnet ihn deshalb als „Documentarian of Transition“ – als Dokumentaristen eines Übergangs.
Diese frühen Bilder sind bemerkenswert, weil sie weder reine Ruinenfotografie noch nostalgische Stadtansichten sind. Lagenpusch komponierte seine Motive. Licht, Schatten, Perspektiven und architektonische Linien sind bewusst gesetzt.
Der Tagesspiegel beschrieb seine Fotografien des kriegsversehrten Potsdams als zugleich historische Dokumente und sorgfältig komponierte Bilder. Jahrzehnte später wurden rund 20 seiner Aufnahmen aus dieser Zeit wiederentdeckt; 13 davon erschienen 2021 in einem Kalender.
In diesen Bildern ist bereits der Fotograf zu erkennen, der später im Theater seinen eigenen Stil entwickeln sollte: einer, der nicht nur festhält, was vor ihm geschieht, sondern nach dem entscheidenden Bild sucht.
1963: Arwid Lagenpusch kommt zur Komischen Oper Berlin
1963 schrieb die Komische Oper Berlin die Stelle eines Hausfotografen aus. Lagenpusch bewarb sich und bekam den Auftrag.

Foto © Arwid Lagenpusch/Archiv Grahnert
Die Entscheidung fiel zugunsten eines Mannes, der keine klassische Fotografenausbildung vorweisen konnte. Walter Felsenstein, Gründer der Komischen Oper, soll seine Entscheidung mit einem Satz begründet haben: „Er ist Autodidakt, er weiß, was er will.“ Die Komische Oper bezeichnet diese Formulierung ausdrücklich als anekdotische Überlieferung. Lagenpusch blieb dem Haus 34 Jahre verbunden.
Seine Kamera begleitete eine der prägenden Epochen der Berliner Theatergeschichte. Er fotografierte die Inszenierungen der Komischen Oper und dokumentierte zugleich deren Künstlerinnen und Künstler. Seine Bilder reichen von der Felsenstein-Zeit über spätere Intendanzen bis zu den Arbeiten Harry Kupfers. Einen besonderen Platz nimmt das Tanztheater Tom Schillings ein.
Das Staatsballett Berlin bewahrt Fotografien Lagenpuschs, die Schilling unter anderem gemeinsam mit John Cranko zeigen. Auch Probenaufnahmen aus dem Tanztheater gehören zu diesem Bestand.
Theaterfotografie an der Komischen Oper: Lagenpuschs Bildsprache
Theaterfotografie ist ein schwieriges Genre. Der Fotograf muss einen flüchtigen Moment festhalten, ohne ihn zu zerstören. Eine Bewegung dauert Sekundenbruchteile, ein Gesicht verändert sich, eine Szene funktioniert im Zusammenspiel von Licht, Musik, Körpern und Raum.
Lagenpusch machte daraus seine eigene Bildsprache.

Quelle Archiv Grahnert
Die Komische Oper hebt in ihrem Nachruf besonders sein Gespür für „gestische Spannung“ hervor. Seine Aufnahmen zeigen deshalb nicht einfach, wer wann auf der Bühne stand. Sie versuchen, etwas von der Energie einer Aufführung zu bewahren.
Das ist möglicherweise der Grund dafür, dass seine Fotografien auch Jahrzehnte später funktionieren. Sie sind nicht bloß Belegmaterial für ein Theaterarchiv. Sie besitzen eine eigene Dramaturgie.
Der Fotograf stellte sich dabei nicht in den Mittelpunkt, aber sein Blick ist in jedem Bild präsent.
Nach der Komischen Oper: Lagenpusch als Porträtfotograf
Als Lagenpusch seine Arbeit an der Komischen Oper beendete, war seine fotografische Laufbahn keineswegs vorbei. Sein Interesse verlagerte sich stärker auf Menschen und Porträts.
Ein wichtiger Ort wurde das Café Cinema am Hackeschen Markt. Schon seit Beginn der 1990er-Jahre fotografierte er dort Menschen. Die Schriftstellerin und Journalistin Jutta Voigt porträtierte Lagenpusch 2004 für die Zeit und beschrieb das Café als eine Art Außenstelle seiner fotografischen Leidenschaft. An den Wänden hingen seine Schwarzweißporträts. Hier wurde aus dem Theaterfotografen ein Menschenfotograf.
Die Distanz zwischen dem Fotografen und dem Motiv wurde kleiner. Lagenpusch fotografierte nicht nur Menschen, die ohnehin im Rampenlicht standen. Er interessierte sich für Gesichter, Begegnungen und Persönlichkeiten des Berliner Alltags.
Auch technisch blieb er offen. Nach Angaben des Tagesspiegel arbeitete er später mit einer Digitalkamera, fotografierte weiterhin sowohl in Farbe als auch in Schwarzweiß.
Die Kamera blieb sein Werkzeug und sein ständiger Begleiter.
Arwid Lagenpusch – ein fotografisches Gedächtnis Berlins
Betrachtet man Lagenpuschs Werk heute, ergeben sich zwei scheinbar unterschiedliche Geschichten.
Da ist das zerstörte Potsdam der 1950er-Jahre: Ruinen, leere Flächen, Reste einer verschwundenen Stadt. Und da ist die Bühne der Komischen Oper: Bewegung, Musik, Körper, Licht und Theater.
Dazwischen liegt ein gemeinsames Prinzip. Lagenpusch interessierte sich für den Moment des Übergangs. Für das, was sich gerade verändert und vielleicht schon im nächsten Augenblick verschwunden sein wird.
Die Ruine verschwindet. Die Aufführung endet. Der Tänzer verlässt die Bühne. Ein Gesicht verändert sich. Eine Stadt baut sich neu.
Die Kamera hält fest, was sonst verloren wäre.
Vielleicht erklärt sich daraus auch die eigentümliche Nähe zwischen seinen Potsdam-Fotografien und seinen Theaterbildern. In beiden Fällen suchte Lagenpusch nicht einfach nach dem Motiv. Er suchte nach dem Bild, das etwas über den Moment hinaus erzählt.
Arwid Lagenpusch über sein Leben für die Fotografie
In einem Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte Lagenpusch einmal: „Ich müsste blind werden, um nicht mehr zu fotografieren.“
Der Satz klingt rückblickend fast wie eine Selbstbeschreibung seines gesamten Lebens.
Die Fotografie war für ihn kein Beruf, den man irgendwann beendet. Selbst nachdem eine Augenerkrankung seine Arbeit erschwerte, blieb die Kamera Teil seines Lebens.

Arwid Lagenpusch
Quelle: Archiv Grahnert
Geblieben ist ein fotografisches Archiv, das weit über die Komische Oper hinausreicht: Potsdam vor den großen Veränderungen der Nachkriegszeit, die Berliner Theatergeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Tanztheater Tom Schillings und zahlreiche Porträts von Menschen, die Lagenpusch begegneten.
Die Komische Oper hat mit ihrem Nachruf einen Fotografen verabschiedet. Für die Medien- und Kulturgeschichte Berlins aber bleibt mehr als eine Erinnerung: ein Bestand von Bildern, in denen sich eine Stadt, ein Theater und mehrere Generationen von Künstlern spiegeln.
Arwid Lagenpusch wusste, was er wollte. Er konnte sehen und dann den richtigen Augenblick festhalten. Sein fotografischer Nachlass wurde von der Akademie der Künste und der Komischen Oper übernommen.
Quellen
- Komische Oper Berlin: „In Memoriam: Arwid Lagenpusch“, 25. September 2026 – Nachruf und zentrale Angaben zu seinem Wirken an der Komischen Oper.
- Lena Schneider, Der Tagesspiegel: „Blick auf das kriegsversehrte Potsdam: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, 27. Juni 2021 – Biografie, DEFA-Zeit, Roger Corbeau, Weltaflex und Potsdam-Fotografien.
- Potsdam Museum: „A space for something new? Visions for the Old Market 1945–2025“ – Einordnung der Potsdam-Aufnahmen von 1957/58.
- Jutta Voigt, DIE ZEIT: „Wahlbekanntschaften: Der Fotograf“, 29. Januar 2004 – Porträt Lagenpuschs und seiner Arbeit im Café Cinema.
- Staatsballett Berlin: Chronik – Nachweise zu Lagenpuschs Fotografien von Tom Schilling und John Cranko.
- NITRO – Unabhängiges Magazin für Medien und Zeitgeschehen: Zur Einordnung des redaktionellen Umfelds: NITRO verbindet Medienjournalismus mit Themen aus Kultur, Fotografie, Film, Fernsehen und gesellschaftlicher Entwicklung.
- Maja Grahnert – Schauspielerin und Archiv Lagenpusch
Arwid Lagenpusch – der Fotograf der Komischen Oper Berlin
Bettina Schellong-Lammel
Ähnliche Beiträge
Neueste Beiträge
Arwid Lagenpusch – der Fotograf der Komischen Oper Berlin
Text Bettina Schellong-Lammel, redaktionelle Mitarbeit Maja Grahnert Der Fotograf Arwid Lagenpusch prägte 34 Jahre lang das visuelle Gedächtnis der Komischen Oper Berlin. Seine Theaterfotografien dokumentieren die Ära Walter Felsensteins, die Arbeiten von Tom Schilling und Harry Kupfer – aber auch das zerstörte Potsdam und die…
Lutherdenkmal in Berlin: Wie ein Siegerentwurf nach zehn Jahren verschwindet
Ein internationaler Wettbewerb, ein einstimmig gekürter Siegerentwurf, fast zehn Jahre Planung – und am Ende ein neues Vergabeverfahren. Der Streit um das Lutherdenkmal am Berliner Rathausforum wirft Fragen auf, die weit über ein einzelnes Kunstprojekt hinausreichen. 2016 entschied sich eine Fachjury einstimmig für den Entwurf…
