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“Jamil, das Mittelmeer und die Menschenfischer”

Jamil, das Mittelmeer und die Menschenfischer

„Verluste“ rechnen Schlepper mit ein, wenn sie an Flüchtlinge eine Handvoll Blech oder Gummi für viel Geld verkaufen. Einen Stehplatz in einem Seelenverkäufer. Schnelle Hilfe ist also geboten. Unterstützen gemeinnützige Organisationen also libysche Schlepper indirekt, wenn sie Menschen vor dem Ertrinken retten? Hans-Peter Buschheuer hat Antworten auf diese zynische Unterstellung.

Jamil ist erst 17 Jahre alt. In seinen jungen Jahren aber hat er mehr erlebt als die meisten Mitbürger hierzulande. Er schläft schlecht, ihn plagen Alpträume in dem fremden Land namens Deutschland. Gut, Jamil ist in Sicherheit, keiner bedroht mehr sein Leben. Doch die Ereignisse, die hinter ihm liegen, kann er nicht vergessen.

Jamil kommt aus Gambia. Mit 16 macht er sich zusammen mit seinem Freund John auf den Weg nach Norden. Fußmarsch durch die Sahara. In Libyen angekommen, werden sie gekidnappt, müssen ihre Ersparnisse abgeben, um wieder freizukommen.

Pleite im fremden Land beginnen Jamil und John wieder von vorne. Als Tagelöhner wollen sie sich die Überfahrt verdienen. Zehn Stunden pro Tag, manchmal ohne Lohn, ein Jahr lang. „Es war so hart in Libyen“, sagt Jamil. Verhaftungen, Wochen in Gefängnissen, Schläge, Folter. Sie sehen Freunde sterben.

Jamil hat Glück und kann für eine Passage bezahlen. Die Schlepper pferchen ihn zusammen mit 114 anderen auf ein Schlauchboot, eng an eng. Einen Tag und eine Nacht dauert die Reise ins Ungewisse. Dann die Rettung.

„Die Seenotretter waren so nett und vorsichtig. Zuerst haben sie sich um die Frauen und Kinder gekümmert. Dann haben sie uns gesagt, wie wir das Boot verlassen sollten; zuerst die Leute aus der Mitte, damit das Boot nicht kentert”, berichtet Jamil.

Eine große Anzahl Flüchtender hat nicht das Glück des 17-Jährigen. Viele sterben, bevor sie überhaupt die libysche Küste erreichen: Auf dem Weg nach Norden, in libyschen Foltergefängnissen, in den Fängen von Milizen durch willkürliche Erschießungen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: „In Libyen sind Tausende Menschen ohne Gerichtsverfahren seit mehr als einem Jahr im Gefängnis. Langfristige Willkürhaft ist so weit verbreitet und wird so systematisch angewandt, dass es sich möglicherweise um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt.“ Zeugen berichten von Sklavenarbeit und Zwangsprostitution, denen die Flüchtenden ausgesetzt sind, bis sie sich ihre Überfahrt „verdient“ haben. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel formuliert es diplomatischer: „Libyen ist nicht sicher.“ Gleichwohl versucht seine Regierung, mit den Libyern einen Flüchtlingsdeal auszuhandeln.

Verkehrte Welt

Als in den Ostertagen dieses Jahres rund  6000 Flüchtlinge etwa zur gleichen Zeit aus ihren überfüllten, teilweise sinkenden Booten gerettet wurden, schreckte das zivilisierte Europa wieder einmal auf. Ob der schieren Zahl, ob der Angst, „dass noch viel mehr kommen“.

Italien, das zurzeit die Hauptlast der Fluchtbewegung zu bewältigen hat, radikalisiert sich. Die rechtspopulistische Grillo-Partei Fünf Sterne macht Stimmung gegen die Lebensretter. Ein Staatsanwalt behauptet, „Beweise“ gegen die privaten NGOs zu haben, dass sie mit den Schleppern kooperieren. Aus Köln postet die neugewählte Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, angesichts der humanitären Hilfe: „Die grenzenlose Verblödung Europas spottet jeder Beschreibung.“

Die privaten Hilfsorganisationen, die meisten davon aus Deutschland, sehen sich wachsendem Druck ausgesetzt. Ihre Rettungsaktionen können nur gelingen, wenn Spenden fließen. Doch Deutschland ist verunsichert. Und die Presse ist es in weiten Teilen auch.

Die Mär, dass die privaten Seenotretter der verlängerte Arm der Schleuser sind, ist alt. Stefan Schmidt weiß ein Lied davon zu singen. Als Kapitän der „Cap Anamur“ brachte er im Jahr 2004 mit seinem Schiff 37 völlig entkräftete Menschen aus einem leckgeschlagenen Schlauchboot in Sicherheit. In Sizilien angekommen, wurde Schmidt verhaftet und vor ein Gericht gestellt. Der damalige deutsche Innenminister Otto Schily klatschte Beifall: Es gelte, einen „gefährlichen Präzedenzfall“ zu verhindern. Fünf Jahre später wurde Kapitän Schmidt freigesprochen. Heute ist der 76-Jährige – „bis dahin ein an Politik wenig interessierter Mensch“ – Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Schmidt reist durch die Lande, um auf das Drama im Mittelmeer aufmerksam zu machen und den privaten Seenothelfern zur Seite zu stehen.

So auch am 12. April in Stralsund: Kapitän Schmidt schwingt die Schampusflasche und schmettert sie an die Bordwand der „Seefuchs“. Der betagte Kutter ist das zweite Rettungsschiff der privaten Hilfsorganisation Sea-Eye. Das 26-Meter-Schiff soll bald Richtung Mittelmeer aufbrechen und wird von Schmidt auf den Beinamen „Mare Nostrum“ getauft.

„Mare Nostrum“, so nannten die Römer das Meer vor ihrer Haustür. Der Name hat heute den Klang von Humanität und Barmherzigkeit.

(…)

von Hans-Peter Buschheuer

Fotos: Daniel Kempf-Seifried

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