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Heft 24 Politik Reportage Top

“Der Westen hat uns vergessen”

„Der Westen hat uns vergessen“

Das erste Mal. Ich fahre zum ersten Mal zur „Wiege der Wiedervereinigung“, nach Sachsen. Nicht nach Leipzig, wo 1989 die Herbstdemonstrationen und der Schlachtruf „Wir sind das Volk“ ihren Ursprung hatten, sondern nach Dresden. Warum war ich eigentlich noch nie in Sachsen? Nun, ich bin auch noch nicht im Saarland gewesen, aber das ist kein Argument. Von Sachsen ging für dieses Land so viel Bedeutendes aus, und ich war noch nicht dort. Jetzt fahre ich hin. Ich fahre hin, weil ich mir Sorgen mache.

 

Was ist los mit den Menschen, dass sie ihren Schlachtruf, der ihnen die Freiheit bringen sollte und brachte, nun dafür benutzen, andere Menschen auszugrenzen? Das und mehr will ich wissen. Warum ging PEGIDA ausgerechnet von Sachsen, von Dresden, aus? Was ist da passiert? Ich will mit Menschen sprechen, die in dieser Stadt leben, um ihre Meinung zu hören.
Die Zugfahrt von München nach Dresden ist ruhig, auch wenn ein paar Fußballfans sich bereits um halb acht Uhr morgens eine Kiste Bier gönnen, ist die Fahrt entspannt. Der Ausblick ist schön.

Der Übergang in die „neuen Bundesländer“ ist nicht mehr so leicht zu erkennen wie vor Jahren, als ich beruflich in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs war. Erst einige übrig gebliebene Straßenlaternen in typischem DDR-Design signalisieren mir, dass wir bereits in Thüringen sind. In Leipzig steige ich um in den Zug nach Dresden und bekomme plötzlich ein merkwürdiges Bauchgefühl: Werde ich Ärger mit Neonazis bekommen? Ich schiebe den Gedanken als lächerlich beiseite. Ich, der schon für Reportagen nach Rumänien, Sri Lanka, in den Sudan und viele andere Länder gereist ist, wo ich zum Teil von mit Kalaschnikows bewaffneten Soldaten beschützt wurde, bekomme ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich nach Dresden fahre? Dabei weiß ich doch, dass Dresden gut dasteht: wenig Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Derzeit liegt die Quote bei sieben Prozent. Der niedrigste Wert seit 1991. Die Altstadt wurde liebevoll restauriert, die Welt staunt über den Wiederaufbau der Frauenkirche und honoriert dies mit Millionen von Besuchern aus der ganzen Welt, die gern gesehene Gäste sind. Der Anteil der Ausländer allerdings, die in Dresden bleiben, ist im Vergleich zu anderen Bundesländern gering: vier Prozent. Im Bundesdurchschnitt lag der Ausländeranteil 2015 bei 11,2 Prozent. Sieben Bundesländer, darunter auch Bayern, liegen sogar darüber. Soweit die Statistik.

Ich muss aussteigen. Dresden-Neustadt. Der Herbst spendiert einen sonnigen Tag, der Fotograf ruft an und sagt, dass er sich verspätet. Das ist mir nur recht, so kann ich noch ein bisschen auf dem Bahnhofsplatz verweilen. Es ist wenig los am frühen Nachmittag, einige Schnapsbrüder sitzen auf Betonbänken, der einzige Imbisstand, eine Dönerbude, hat keine Gäste. Ich plaudere ein wenig mit dem Inhaber. Es stellt sich heraus, dass der etwa 35-jährige Türke vorher in München gelebt hat. Wegen der Verwandtschaft, die in Dresden wohnt, zog er in die sächsische Hauptstadt, berichtet er. Dann sagt er plötzlich: „Wer es sich leisten kann, geht hier weg. Nach München, Hamburg oder Köln. Viele sind schon fort.“ Ich will wissen, warum. „Wegen der ‚Ausländer-raus‘-Rufe. Ich muss das jeden Tag hören. Die rufen das öffentlich auf der Straße, und keiner macht was.“ Er sieht müde aus. Was er denn in seiner Freizeit mache, will ich wissen. „Nichts“, antwortet er. „Ich gehe nur zur Arbeit und dann wieder nach Hause. Ich fühle mich auf der Straße nicht wohl.“ Diese Aussage schockiert mich. Es kommen drei weitere Gäste, die auf Türkisch Speisen bestellen. Ich setze mich an einen der Tische unter einen Sonnenschirm, als einer der Schnapsbrüder, ein etwa 40-jähriger Glatzkopf, sich aus seiner Gruppe löst und beginnt, Passanten um „ein paar Scheine“ anzuhauen. Er ist deutlich betrunken und aggressiv. Nachdem er von einem Paar abgewiesen wird, ruft er diesem Schimpfworte hinterher. Dann geht er Richtung Dönerbude. Die drei anderen Gäste sind junge Männer, etwa um die 20 Jahre alt. Auch die bettelt er um „ein paar Scheine“ an. Der alte Satz „Hast du mal `ne Mark“, beziehungsweise „Euro“, scheint nicht in sein Weltbild zu passen. Das Trio lässt sich nicht irritieren, will in Ruhe essen und ignoriert den aggressiven Schnorrer. Was sollen sie auch machen? Ihm ein paar Scheine geben? Eher nicht. Dann eskaliert die Situation. Der Zurückgewiesene schreit „Kanackerpack!“ und greift einen der Jungs am Kragen. Es kommt zu einer heftigen Schlägerei, die deutlich zu Ungunsten des Angreifers ausgeht. Was diesen jedoch nicht zur Besinnung bringt. Kaum von einem Faustschlag erholt, zieht er die Jacke aus und trommelt sich auf die Brust: „Jetzt mach ich dich fertig. Ich schlag dich tot, du Kanackenarsch!“ Zum Glück kommt es nicht so weit. Die Polizei hat den Vorfall mitbekommen und nimmt den Betrunkenen nach einigem Gerangel fest. Ich frage in die Runde, ob das häufiger vorkäme. Die drei antworten nicht, jedoch der Dönerbudenbetreiber. „Immer wieder mal“, sagt er und blickt auf den Bahnhofsvorplatz. Ich wünsche ihm alles Gute und gehe. Der Fotograf ist da.
Wir treffen Katrin Süss, eine Künstlerin, und Sonja Buder, eine Studentin der Politikwissenschaft und Mitarbeiterin im SPD-Bürgerbüro der Landtagsabgeordneten Eva-Maria Stange. Die Örtlichkeit ­– ein Zufall. Eva-Maria Stange selbst ist nicht anwesend. Katrin Süss stellt hier einige ihrer Fotografien aus, die sie in New York angefertigt hat. Süss ist eine umtriebige Künstlerin, die die Welt gesehen hat und die immer wieder gern in ihre Heimatstadt Dresden zurückgekommen ist. Wie erlebt sie ihre Stadt, in der sie selbst und auch PEGIDA geboren wurde, in der seit zwei Jahren wöchentlich Menschen auf die Straße gehen und gegen Überfremdung und auch allerlei Krudes demonstrieren.
„Manchmal will ich einfach nur weg“, sagt sie. Doch das Kind, das bald Abitur machen soll, hielte sie noch in der Stadt. Aber so richtig ernst gemeint ist das mit dem Wegziehen anscheinend nicht. „Ich war zwar schon immer ein unruhiger Geist“, gesteht sie, „nur was hier seit einiger Zeit abläuft, wird mir an manchen Tagen zu viel.“ Es sprudelt aus ihr raus, man muss nicht nachhaken. „Es fing schon vor ein paar Jahren an, dass du dich im Ausland entschuldigen musstest, dass du aus der Stadt mit dem `Brückenproblem´ kommst, und dann sagt mir jemand in Brüssel, als ich dort wegen eines Vortrags war, mitten ins Gesicht: `So also sehen Nazis aus?´“ Das ist heftig, denke ich. Dresden hat also sogar in der belgischen Hauptstadt den Ruf einer Nazi-Hochburg?  Mit dem „Brückenproblem“ meint Frau Süss übrigens den umstrittenen Bau der Waldschlößchenbrücke, der die Stadt letztendlich den Verlust des Welterbetitels der UNESCO für die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal einbrachte. Mit dem Verlust des UNESCO-Titels konnte die Künstlerin noch leben, dass sie aber nun aus einer Neonazi-Stadt kommen soll, wurde ihr zu viel. So beschloss Süss, wie sie selbst sagt, „sich mit gestalterischen Mitteln mit den Problemen der Welt auseinanderzusetzen“, und bezieht sich dabei auf ein Zitat des chinesischen Künstlers Ai Weiwei: „Wir müssen einen Kommentar zu den schlechten Dingen in unserer Welt abgeben, sonst sind wir ein Teil von ihnen.“  Deshalb will sie ihre Werke im kommenden Jahr in New York zeigen, ganz bewusst als Künstlerin aus Dresden.

Die ganze Reportage lesen Sie in der Printausgabe

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